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Die E-Roller-Ladys

Grit Schülke und Elvi Müller steigen auf Elektro-Moped um. Brüder aus Weickersdorf vertreiben die Fahrzeuge.

© Steffen Unger

Von Gabriele Naß

Bischofswerda. Am Kirchgemeindehaus in Bischofswerda parkt die Zukunft. Ein hellgrünes Moped fällt dort auf, das auf den ersten Blick aussieht wie eine aufgemöbelte alte Schwalbe. Fast richtig: Auf den zweiten Blick entpuppt sich das Moped als Elektroroller im Retro-Style. Die dazugehörige Fahrerin ist schnell gefunden. Elvi Müller aus Weickersdorf. Sie arbeitet bei der Kirchgemeinde. Den Weg zur Arbeit fährt sie fast immer mit ihrem schicken Moped, es sei denn, das Wetter ist zu schlecht.

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Freddy Müller aus Weickersdorf, Gründer der Firma ERS Elektroroller.
Freddy Müller aus Weickersdorf, Gründer der Firma ERS Elektroroller. © Lisa Hantke

Es rollt problemlos. Der im Roller integrierte Lithium-Ionen Akku bringt es auf 40 Kilometer Reichweite. Das reicht bei der Weickersdorferin für mehrere Fahrten zur Arbeit. Dann „tankt“ sie zu Hause und braucht dafür nur die normale Steckdose. Nach Herstellerangaben dauert eine Voll-Ladung fünf bis sechs Stunden, die Teil-Ladung deutlich weniger. „Das ist vollkommen unkompliziert“, sagt Elvi Müller. Was der Spaß kostet, rechnet sie kurz nach. Nach ihrer bisherigen Erfahrung, sagt sie dann, sind es 70 Cent je hundert Kilometer. In der Anschaffung kostet das Grundmodel des Rollers rund 2 800 Euro.

Grit Schülke aus Großdrebnitz hat auch so ein Moped. Sie fährt damit viele Tage im Jahr zur Arbeit nach Rammenau und hat inzwischen knapp 2 000 Kilometer runter. Auch bei ihr rollt es reibungslos. Dabei ist sie nie mehr auf ein Moped gestiegen, nachdem sie es als Jugendliche probiert hat und gestürzt ist. Aber als sie den kultigen Roller von Freundin Elvi Müller sah, änderte sich das schnell. „Es ist so einfach. Ich brauche nicht zu schalten, nur Gas zu geben und bremsen. Außerdem fahre ich umweltbewusst und steuerfrei.“ Die Großdrebnitzerin wählte die Rollerfarbe Blau. Sich zu entscheiden, sei gar nicht so einfach gewesen, weil die anderen Farben auch schick sind. Zum hellblauen Moped passe nun ihre hellblaue Jacke, die schon im Schrank hing. Dass Elvi Müller zum hellgrünen Moped eine abgestimmte grüne Jacke trägt – Frauensache.

Auf ihren Elektro-Rollern im Look vergangener Zeiten fallen die beiden Frauen zumindest in unserer Region noch auf. Sie gehören zu den Ersten, die hier so ein Moped fahren. Aber das wird sich bald ändern, wenn es nach Freddy Müller (33) und seinem Bruder Ronny (31) geht. Die aus Weickersdorf bei Bischofswerda stammenden jungen Männer vertreiben die E-Roller im Internet. Für Deutschland gaben sie ihnen den Kunstnamen „Kito“. Zuerst haben sie vor zwei Jahren nur 18 Stück gekauft und in der Heimat vorsichtig angefangen, den Markt zu testen. Aber dann lief es schnell so gut, waren die Lager leer, dass sie sich in diesem Jahr entschlossen, die Firma ERS Elektroroller zu gründen. „Das war notwendig, um es professionell aufzuziehen“, sagt Freddy Müller. Schon für 2018 peilen sie den Verkauf von einhundert Stück im Jahr an. Dafür wollen sie das Unternehmen durch mehr Service- und Vertriebspartner erweitern. Erste Händler und Servicepartner gibt es in Dresden, Chemnitz und Bayreuth sowie in Zürich und Baden (Schweiz). Bevorzugte Zielregion bleibt die zwischen Dresden und Bautzen, wo noch wenig Konkurrenz auf dem Markt etabliert ist. Allerdings bekommt die Firma schon Bestellungen aus ganz Deutschland.

Ich China Kontakte geknüpft

Die Idee, in der Heimat Elektroroller zu verkaufen, hatte Freddy Müller. Nach dem Abitur am Goethe-Gymnasium in Bischofswerda studierte er, wurde Elektrotechnikingenieur und Mitarbeiter bei Siemens. Heute lebt er in Zürich und arbeitet für das weltweit tätige Unternehmen von dort aus. Er leitet den Bereich, der für den Vertrieb von Siemens-Erzeugnissen der Automatisierungs- und Elektrotechnik zuständig ist. Diese Aufgabe führte ihn in den letzten Jahren mehrfach nach Asien, nach Peking und Shanghai zum Beispiel. In den Metropolen sah er, wie viele Menschen dort Elektroroller fahren, weil nur noch sie erlaubt sind. „Ich habe den E-Roller in Shanghai ausprobiert und fand, dass es ein tolles Fahrerlebnis ist“, sagt er. Dass er sich anschließend gefragt hat, warum es das noch so wenig in Europa gibt, war der Auslöser für sein heutiges Engagement. In China schaute er nach einem Hersteller und Partner, fand ihn und knüpfte Kontakte. Inzwischen ist die Zusammenarbeit so eng, dass die Roller für den deutschen Markt nicht nur beim Motor verbessert wurden. Statt der für China eingebauten Bleiakkus sind die Fahrzeuge für hier mit Lithium-Akkus ausgestattet, die neuesten schon mit verbesserter Leistung. Außerdem sei er immer wieder beim Hersteller in China, um mit ihm am Design zu feilen. Freddy Müller testet auch die Qualität. „Sie ist gut“, sagt er.

Um das alles zu bewerkstelligen, meldete er zuerst ein Kleingewerbe an, das er neben seiner Arbeit bei Siemens betreibt. „Ich hatte schon immer ein Herz für Start-up-Unternehmen“, sagt er. Bei der Nebenbeschäftigung soll es auch mit der gerade gegründeten GmbH bleiben. Für den Bruder, der promoviert und in Dresden in der Lehrerausbildung arbeitet, ebenso.

Regelmäßig der Heimat

Dass die Mutti der Brüder zu den ersten Kunden gehört, ist angesichts der ideenreichen Söhne kein Zufall. Aber Elvi Müller war schon als Jugendliche begeisterte Moped-Fahrerin. Sie lebte in Lauterbach und hatte eine Schwalbe. „Ohne Moped wären wir auf dem Dorf aufgeschmissen gewesen, auch nicht zur Disko gekommen“, sagt sie. Nach der Wende stieg sie aufs Auto um, erst recht, als die Familie zwei hatte. Als dann aber Freddy und Ronny mit dem Kito-Roller kamen, „hat Mutti sofort gesagt, den will ich haben“, sagt Freddy am Handy. Während des Telefonats wartet er in Hannover, wo er für Siemens auf der Fachmesse EMO war, auf den Flieger. Es soll zurück nach Zürich gehen. Nach Weickersdorf kommt er auch bald wieder. „Heimaturlaub plane ich regelmäßig ein.“

www.kito-roller.de