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Die elektrischen Spaßmacher

Corona-Angst lässt viele Sachsen aufs Fahrrad und Auto umsteigen. Dabei gäbe es noch eine dritte Variante.

Knattert nicht, schmutzt nicht: Mit seinem Elektromoped fährt Torsten Eckert komplett emissionsfrei.
Knattert nicht, schmutzt nicht: Mit seinem Elektromoped fährt Torsten Eckert komplett emissionsfrei. © Arvid Müller

Wo auch immer Torsten Eckert mit der schwarzen Chopper vorfährt, schauen ihm Passanten neugierig hinterher. Neulich sei er sogar von einem Harley-Fahrer gegrüßt worden, erzählt der 41-Jährige und lächelt amüsiert. Dabei hat seine Maschine weder einen blubbernden V2-Motor noch chromglänzende Auspuffrohre. Der breite Hinterreifen, der gestreckte Rahmen und der stark gekröpfte Lenker sind nur Show. Als Fahrgeräusch lässt sich allenfalls leises Surren vernehmen.

„Mit diesem Kauf habe ich schon länger geliebäugelt“, sagt der Dresdner Bäckermeister über sein neues Elektromoped. Vor einigen Wochen sei er schließlich bei einem Händler in Sachsen-Anhalt fündig geworden. Rund 1.800 Euro hat sein Wunschmodell gekostet. Überschaubar sind auch die Leistungsdaten: Gespeist aus einem Lithium-Ionen-Akku, beschleunigt der 2.000-Watt-Motor die Fuhre auf maximal 45 km/h. Das reicht, um entspannt durch den Dresdner Norden zu cruisen und für Ausflüge ins Umland. Weil Eckerts Gefährt laut Kraftfahrtbundesamt als „zulassungsfreies Kraftrad“ der Klasse L1e gilt, genügt statt des Nummernschilds ein Versicherungskennzeichen.

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Die Corona-Pandemie könnte solchen Elektrozweirädern einen Popularitätsschub verschaffen. Das ist dem Trend zur individuellen Mobilität geschuldet. Laut einer Analyse des Marktforschungsinstituts GfK nutzen viele Pendler derzeit lieber Fahrrad oder Auto, statt in Busse und Bahnen zu steigen. Branchenvertreter hoffen, dass sich dieser Umstand auch im verstärkten Absatz von Elektromopeds und -rollern der Klasse L1e-B niederschlägt. Teilweise ist das auch jetzt schon so. „Unsere Verkaufszahlen entwickeln sich stetig“, sagt Lutz Förster von Rock-e-Roller, einem Leipziger Händler mit über einem Dutzend Marken im Sortiment. Mitbewerber bestätigen den Aufwärtstrend, beklagen aber noch Hemmnisse. „Bei vielen Interessenten scheitert es am Preis“, sagt Robin Henning vom Online-Shop RCH Mobility. Wirklich solide, alltagstaugliche Roller seien erst ab etwa 2.500 Euro zu haben.

Schöner rollern mit Tempo 45

Von Modellen wie dem E-Retro Star von Nova Motors, den derzeit ein Lebensmitteldiscounter für rund 950 Euro verkauft, rät der gelernte Fahrzeugtechnikingenieur ab. Es gibt aber auch das andere Extrem: Fast sechsmal so viel kostet die in Polen montierte E-Schwalbe der Govecs AG. Für das in Deutschland hergestellte Elektromoped Feddz werden gar rund 8.000 Euro aufgerufen. Dazwischen tummeln sich Fabrikate unterschiedlichster Preis- und Güteklassen. Im Angebot sind Modelle wie das Sur-Ron Firefly, das einem Enduromotorrad ähnelt, aber auch minimalistische Klappmopeds oder Retro-Roller im Stil der 1960er-Jahre. Bei der italienischen Moped-Ikone Vespa heißt die emissionsfreie Variante Elettrica. Als Marktführer gilt hierzulande Niu, ein chinesisches Unternehmen. Deren Roller punkten laut Henning vor allem mit gefälligem Design, viel Leistung und guter Komponentenqualität. „Allerdings sitzt man auf den Dingern wie ein Affe auf dem Schleifstein.“

Dieses Problem hat Torsten Eckert auf seinem chinesischen Chopper nicht. Dafür muss er Abstriche bei der Reichweite machen. Laut Datenblatt kommt er pro Ladevorgang etwa 50 bis 60 Kilometer weit. Tatsächlich musste die entnehmbare Batterie bei ungünstigen Bedingungen auch schon mal nach nur 25 Kilometern an die 230-Volt-Steckdose. Ähnliche Diskrepanzen hat Eckert bei den Ladezeiten registriert. „Statt vier bis sechs Stunden dauert es eher sechs bis acht, ehe der Akku wieder komplett voll ist.“ Nun erwägt er, sich einen Zweitakku zuzulegen. Der würde noch einmal 400 bis 500 Euro kosten.

Im Alltag muss der Verbrennungsmotor ran

Ein weiteres Ärgernis ist die Geschwindigkeit. Mit Tempo 45 auf einer Ausfallstraße gen Stadtzentrum zu rollen, beschere ihm regelmäßig ein ungutes Gefühl, sagt Eckert. „Da schaue ich ständig in den Rückspiegel. 60 km/h wären besser.“ Tatsächlich setzt sich der Bundesverband Elektromobilität (BEM) schon länger für die Anhebung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit ein. Tempo 60 lasse E-Roller-Fahrer im Stadtverkehr besser mitkommen und sorge für „einen Sprung zu mehr Massentauglichkeit“, sagt Christoph von Radowitz von der mitteldeutschen BEM-Landesvertretung. Laut Verband wird die Änderung jedoch vom Bundesverkehrsministerium und Vertretern der Autobranche blockiert.

Egal ob Tempo 45 oder 60 – aus Sicht von Verkehrsforschern wären E-Roller ein probates Mittel, um staugeplagte Innenstädte zu entlasten. München hat deshalb im Februar damit begonnen, den Kauf zweirädriger Elektroleichtfahrzeuge zu fördern. Der kommunale Zuschuss beläuft sich auf 25 Prozent der Netto-Anschaffungskosten, maximal werden 1.000 Euro ausgezahlt. Verschrottet jemand parallel zum Kauf seinen alten Roller mit Benzinmotor, kommen noch einmal 500 Euro obendrauf. Ein Modell für andere Bundesländer? In Sachsen bisher noch nicht: Von derartigen kommunalen Förderprogrammen in Dresden, Leipzig oder Chemnitz wisse man nichts, sagt ein Sprecher des hiesigen Städte- und Gemeindetages auf SZ-Nachfrage.

Für die persönliche Mobilitätswende sei sein Chopper dann doch eher ungeeignet, das gibt Torsten Eckert zu. Als Handwerker und Familienvater brauche er nach wie vor einen großen Pkw. In seinem Fall ist es ein VW-Bus vom Typ T6. „Ich muss hin und wieder einen anderthalb Tonnen schweren, zweiachsigen Anhänger ziehen“, erklärt er. Einen rein elektrisch angetriebenen Kleinbus, die für solche Lasten ausgelegt ist, gebe es bisher nicht. Also bleibt vorerst vieles beim Alten: Im Alltag muss der Verbrennungsmotor ran, elektrisch gefahren wird hauptsächlich zum Spaß.

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