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Die erfundene Leiche auf den Gleisen

Ein Zeithainer missbraucht im Suff den Notruf – und legt vor Gericht einen kabarettreifen Auftritt hin.

Symbolbild
Symbolbild © dpa/David-Wolfgang Ebener (Symbolfoto)

Zeithain. Manche Menschen haben einfach ein sonniges Gemüt. Eins, das sie selbst dann nicht verlässt, wenn sie auf der Anklagebank sitzen. Die Rede ist von einem 29-jährigen Zeithainer, der drei Polizei-Streifenwagen an die Gleise zwischen Röderau und Riesa beorderte, obwohl gar nichts passiert war. Der gelernte Tierwirt, nennen wir ihn Lutz, hatte bei einer Vorweihnachtsparty im offenen Jugendhaus ordentlich gefeiert und war spätnachts zu Fuß auf dem Weg nach Hause. Da sei ihm ein osteuropäisch aussehender Mann aufgefallen, stark alkoholisiert, der in der Gegend herumbrüllte, sang und schließlich den Bahndamm hochkletterte. Auch Lutz hatte ordentlich einen auf der Lampe. Er könne dem Gericht nur erzählen, was an Erinnerung noch übrig war, nachdem er seinen Rausch ausgeschlafen hatte, sagt der Zeithainer treuherzig. Ihm sei der Gedanke gekommen, der Osteuropäer könne auf die Gleise geklettert sein, um sich vom Zug überrollen zu lassen. Also zog Lutz sein Handy aus der Tasche und wählte die Nummer der Rettungsleitstelle.

Sieben Minuten lang versuchte der Diensthabende, etwas Sinnvolles aus dem Betrunkenen herauszubekommen – den Ort des Geschehens, was genau passiert war und schließlich auch seinen Namen. Letzteren wollte Lutz partout nicht sagen, aber aus dem protokollierten Gestammel, das Richterin Ingeborg Schäfer vorliest, kann man entnehmen, dass sich jemand „vor den Zug geschmissen“ habe. Der Zeithainer wurde aufgefordert zu bleiben, wo er ist. Nö, sagt er dem Diensthabenden, nun solle mal die Polizei übernehmen. Sprach's, schaltete sein Handy aus und ging nach Hause. Die Polizisten, die später die Gleise absuchten, fanden nichts, und deshalb landete Lutz wegen Notruf-Missbrauchs auf der Anklagebank des Riesaer Amtsgerichts.

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Es könne schon sein, räumt der Angeklagte freimütig ein, dass er im Suff einfach Quatsch erzählt habe. Er tut das mit einer so entwaffnenden Selbstverständlichkeit, dass sich Staatsanwältin und Richterin ein Lächeln verkneifen müssen. Aber Suff hin und her – ohne Grund die Rettungskräfte zu alarmieren, ist natürlich eine Straftat. Deshalb wird Lutz zu einer Geldstrafe von 450 Euro verurteilt. Die zu bezahlen, dürfte für den Zeithainer, der von Hartz-IV-Bezügen lebt, keine leichte Aufgabe werden. Es wäre auch möglich, den Betrag mit gemeinnütziger Arbeit einzuspielen, versucht Richterin Schäfer dem Delinquenten auf die Sprünge zu helfen. Wenn er nicht zahle, müsse er für 30 Tage ins Gefängnis. Lutz' Gesicht hellt sich ob dieser Ankündigung unvermittelt auf. „Ich kenne das“, sagt er mit einem herzigen Lächeln. „Ich hab wegen sowas schon mal zwei Monate abgesessen.“ 

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