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Die erotische Villa

Der Streit um den Klosterplatz 17 ist noch nicht beendet. Barbara Lange erobert nun Rauschwalde.

Von Ralph Schermann

Barbara Lange ist wieder da und es scheint, als wäre sie nie weggewesen. Wieder wartet sie mit ordentlich Holz vor der Hütte auf, doch der Kamin dafür umrahmt diesmal kein Salon-Gespräch im Klosterplatz 17. Er steht in der Rosa-Luxemburg-Straße 2 und ist der Dame des Hauses egal: „Das ist reiner Zufall. Die beiden Kamine waren schon vor mir da.“

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© Pawel Sosnowski/80studio.net

Noch immer wohnt die 72-Jährige im Klosterplatz 17. Sonst steht das vierstöckige Haus leer. „Man trifft dort nur die Putzfrau beim Staubwischen“, sagt Barbara Lange. Das Gemäuer sah schon schillerndere Zeiten. Die Mieterin macht kein Hehl daraus, dort einst ein Bordell geplant zu haben. Schnell schätzte sie ein, dass das nichts wird. „Dafür ist in Görlitz tote Hose“, sagt sie, „und daran hat nicht mal die polnische Konkurrenz Schuld sondern die Armut.“ Der Ruf des Klosterplatzes 17 wurde mit Langes Ankunft abenteuerlich, jede Nutzung beargwöhnt von Stadtverwaltung und Finanzamt. Kein Bordell, sondern Sitz zweier Vereine sollte das Haus nun sein.

Ein Hauch des Verdorbenen überzog die Gegend. Schule und Kirche fühlten sich belästigt. „Das wird ja alles auch miesgeredet, weil sich die Menschen in ihrer Fantasie absurde Vorstellungen machen“, ist Barbara Lange überzeugt. Im März 2012 schließlich wurde gerichtlich jede Nutzung außer dem reinen Wohnen im Klosterplatz 17 verboten. Seitdem liegen die Bautzener Rechtsanwälte Florian Berthold, Steffen Kubenz und Denise Hardt mit der Görlitzer Stadtverwaltung über Kreuz, was die künftige Nutzung des Hauses betrifft.

Deshalb sei auch der erste Verein mit rund 60 Mitgliedern derzeit nicht aktiv, sagt Lange. Es ist der „Kunstförderverein Rebecca Reim“, der seinen Namen aus dem Pseudonym Barbara Langes bezieht. Als Rebecca Reim beschrieb sie 2002 im Buch „Mord, Totschlag und die Folgen“ Erlebnisse aus ihrer Zeit als Strafgefangene in der JVA Hoheneck. Schon damals formulierte sie als Credo, wie sie ihr bewegtes Leben darstellen möchte: Ungeschönt. Sie habe kein Problem damit, zuzugeben, sich selbst eine Zeit lang als Prostituierte versucht zu haben. Sie nimmt es zur Kenntnis, dass ihr das Finanzamt eine Steuernummer aus dem Bereich dieses Gewerbes zuteilte. Sie bestreitet nicht, in Bautzen, Cottbus, Spremberg und weiteren Orten aktiv gewesen zu sein. „Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter“, ist ein gern von ihr genannter Satz. Auch in anderen Orten möchte sie Vereine wie in Görlitz etablieren. „Ich werde alles schön ordnen, meinen Spaß, mein Leben, und ich lerne ja auch viel aus dem Umgang mit den Ämtern“, sagt sie.

Nach dem Hin und Her zum Klosterplatz 17 ließ Barbara Lange vorübergehend Görlitz weit hinter sich: „Ich sage Exil dazu.“ Dass sie zurückkam, hängt ein wenig mit Sympathiebekundungen zusammen, die sie reichlich bekam. „Mit Ihnen war Görlitz bunter“, schrieb einer zum Beispiel. Vor allem aber gehe die Rückkehr auf David Ledwon zurück. Der Besitzer des Klosterplatz-Hauses wohnte mit seiner Familie bisher in Rauschwalde und zog nach Ludwigsdorf. Plötzlich stand die große Villa auf der Rosa-Luxemburg-Straße 2 bereit. Barbara Langes zweiter Verein mietete die Räume im Herbst 2013 und steht seitdem auch ganz offiziell im Görlitzer Telefonverzeichnis als „Privatverein Hautnah e. V.“

Dass es um Sex geht, liegt bei dem Vereinsnamen auf der Hand. „Natürlich“, sagt Barbara Lange. „Unsere rund 20 Mitglieder beschäftigen sich mit alten Liebesritualen, im Mittelpunkt steht das Kamasutra.“ Übersetzt heißt diese indische Liebeslehre „Verse des Verlangens“. Dafür fahren derzeit drei Vereinsmitglieder sogar in die USA, um dort an Kamasutra-Workshops teilzunehmen. Und der Verein tagt nicht nur, er unternimmt auch Studienfahrten, wie Barbara Lange berichtet: „Jüngst führte uns so eine Fahrt zu einem Swingerclub.“

Außenstehenden wird es schwerfallen, dahinter kein „Gewerbe“ zu vermuten. „Auch die Steuerfahndung war schon zweimal da“, sagt Lange in ihrer Eigenschaft als Erste Vereinsvorsitzende. Weil sie viele Damen „des Gewerbes“ kenne, übernehme sie aus alter Freundschaft auch gelegentlich bei denen, die ohne Auto sind, den einen oder anderen „Fahrdienst für Haus und Hotel“. Doch es gäbe von, mit oder bei ihr keinen Puff, betont sie. Die Miete für das Haus erziele der Verein aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden und der Zimmervermietung. Denn (nicht nur) Vereinsmitglieder könnten in der Villa bei Bedarf Zimmer mieten. Was in diesen dann geschieht, gehe Barbara Lange nichts an. „Vielleicht Hausfrauensex? Wer weiß. Aber auf keinen Fall wird hier ein Bordell betrieben.“

Gegen einen, der das anzweifelt, gehen Barbara Langes Anwälte zurzeit gerichtlich vor, um solche Äußerungen zu verbieten. Der Mann hatte Flugblätter mit „Bordell-Warnungen“ in Rauschwalder Briefkästen gesteckt und anonyme Briefe über „das sündige Haus“ an Stadtverwaltung und Gesundheitsamt geschrieben. Ohne Erfolg: Das Gesundheitsamt des Landkreises gab das Schreiben unbearbeitet weiter an die Stadtverwaltung Görlitz, und diese teilte auf Anfrage lapidar mit, dass sie dazu nichts mitzuteilen hätte. Das erwärmt Barbara Lange sicher auch ohne einen Kamin das Herz, denn nichts hasst sie mehr, als sich ständig erklären zu müssen. Das sei alles Zeit, die für das Schreiben ihres neuen Buches fehle. Schon 2012 sollte es auf den Markt kommen. Man darf gespannt sein, ob es in einem Bordell oder in einem Verein spielen wird. Nur der Titel steht bisher fest: „Geliebte Huren“.