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Die erste Saison ohne Dresdens Galopp-Legende

Vor einem Jahr starb Lutz Pyritz. Niemand hat den Pferdesport in Dresden geprägt wie er. Doch nicht nur der ehemalige Trainer fehlt auf der Rennbahn.

Burschentanz hat zu den Publikumslieblingen gehört. Er genießt jetzt sein Rentnerleben. Das ist seinem Trainer Lutz Pyritz nicht vergönnt gewesen.
Burschentanz hat zu den Publikumslieblingen gehört. Er genießt jetzt sein Rentnerleben. Das ist seinem Trainer Lutz Pyritz nicht vergönnt gewesen. © Robert Michael (Archiv)

Claudia Barsig erinnert sich noch gut an den 26. Mai 2018. Es war der Sonnabend, an dem Lutz Pyritz aufgrund von Atembeschwerden auf der Galopprennbahn in Dresden-Seidnitz zusammenbrach. „Ich habe ihn gefunden“, erzählt die Trainerin. Ihr Kollege kam auf die Intensivstation ins Krankenhaus. Sechs Tage später starb der ehemalige Jockey, der dreimal das DDR-Galoppderby gewann, im Alter von 60 Jahren. „Es gibt ihn nicht mehr. Das ist schlimm genug und traurig, klar“, sagt sie. „Es tut auch weh, logisch. Da muss man überhaupt nicht fragen.“

Doch das, was danach geschah, bezeichnet Barsig als „sehr merkwürdig“. Zuletzt hätten noch zehn Pferde bei Pyritz im Stall gestanden. „Sie waren auf einmal alle weg, und zwar dauerhaft“, sagt sie. Die Besitzer hätten das Weite gesucht. „Das war sicherlich nicht die beste Lösung“, meint Barsig. „Es wäre sinnvoller gewesen, die Pferde in Dresden zu behalten.“ Schließlich gibt es in Seidnitz mit Stefan Richter und ihr zwei professionelle Galopptrainer. 

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Sie vermisst Heimatverbundenheit und Rückhalt bei den Besitzern. „Nicht mal einer hat mich überhaupt gefragt“, sagt Barsig. „Ich blieb außen vor.“ Als Grund vermutet sie die Finanzen. Barsig weiß von Besitzern, deren Pferde jetzt in tschechischen Ställen stehen. „Das soll nicht böse klingen“, sagt sie. „Doch es verwundert schon.“

Anders als die Tatsache, dass Richter den Stall und die Führmaschine von Pyritz übernommen hat und nicht Barsig. Auf ihrer Trainingsliste stehen 26 Pferde, in seiner 46. Heike Frohburg managt Richters Rennstall. „Wir waren erschrocken, total konsterniert und traurig, als Lutz uns verlassen hat“, sagt sie. „Er war ein Kollege und Freund. Für mich ist es immer noch ein total komisches Gefühl ohne ihn in seinem Stall.“ Beide hätten Hilfe angeboten und Pferde übernommen. Platz sei ausreichend da. Doch das sei nicht genutzt worden – bis auf eine Ausnahme: Si Signora. Die Stute steht als Reitpferd zum Verkauf.

Auch Michael Becker war damals, nach dem plötzlichen, unerwarteten Tod von Pyritz, „geschockt und in tiefer Trauer“, sagt der Präsident des Dresdener Rennvereins. „Lutz war ein erfolgreicher Trainer und Unternehmer. Mit ihm haben wir eine große Persönlichkeit verloren. Das hat uns tief betroffen gemacht.“ Er sei froh, dass Richter dank der Übernahme des Stalles und der Führmaschine einen Teil der Lücke, die der aufgelöste Rennstall hinterlassen habe, geschlossen habe. Betrüblich sei, dass die Besitzer ihre von Pyritz trainierten Pferde aus Seidnitz abgezogen hätten.

„Uns wäre es natürlich lieber gewesen, wenn sie dageblieben wären“, sagt DRV-Geschäftsführer Uwe Tschirch und verweist auf genügend freie Boxen. Er spricht von drei Pyritz-Pferden in Tschechien, zwei in Südwestdeutschland sowie je einem in Halle an der Saale, Berlin-Hoppegarten und Leipzig. „Die Besitzer leben in der Nähe dieser Rennbahnen“, weiß Tschirch bei den Pferden an den drei ostdeutschen Standorten. Es sei üblich, dass Besitzer ihre Pferde in nahegelegenen Ställen trainieren lassen. „Das muss man ihnen nachsehen.“

Schade sei es dennoch. „Dadurch ging die Zahl der Dresdner Pferde bei unseren Renntagen nach unten“, erklärt er. Mit Pyritz seien es bis zu 20 Seidnitzer Pferde pro Renntag gewesen. „Er hat immer vier, fünf Pferde bei uns laufen lassen.“ Ohne ihn seien es pro Rennen ab und an je zwei von Barsig und Richter gewesen. „Da wäre es schön gewesen, überall noch eins von Lutz und dadurch mehr Dresdner dabei zu haben.“ Es sei für die Außendarstellung wichtig, dass möglichst viele Pferde aus verschiedenen einheimischen Rennställen starten. „Vier Pferde aus einem Stall in einem Rennen sind für Zocker und Zuschauer weniger interessant.“

Dazu kam, dass am 1. Oktober 2018 – exakt vier Monate nach Pyritz – mit Christine Gräfin von Kageneck auch noch dessen treueste Pferdebesitzerin genauso plötzlich und unerwartet wie er im Alter von 69 Jahren starb. „Sie war eine Persönlichkeit, die unseren Standort nach außen getragen hat“, sagt Tschirch über die Geschäftsführerin der Stiftung Frauenkirche, die auch Amateurreiterin und Pferdezüchterin war.

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„Beide fehlen“, sagt Tschirch, wenn der DRV am Sonntag ab 10.30 Uhr in die neue Saison startet. Er erinnert sich noch gut daran, wie Pyritz ihn am 25. Mai in der Geschäftsstelle besuchte. „Er kam abends nach der Stallarbeit immer noch mal bei mir rein, wenn ich länger arbeitete“, erzählt Tschirch. „Da quatschten wir über alles Mögliche.“ Er vermisst besonders die Hilfsbereitschaft und den Sachverstand von Pyritz. „Er war ein grundehrlicher Mensch, machte zwar nicht viele Worte, aber das, was Lutz sagte, hatte Hand und Fuß. Er hatte ein feines Händchen und außergewöhnliches Gespür für die Pferde.“