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Die etwas andere Fassade

Nach zwei Jahren ist das Gerüst an der Hartmannstraße 4 abgebaut worden. Was nun zu sehen ist, überrascht.

© nikolaischmidt.de

Von Ingo Kramer

Wer in diesen Tagen flüchtig durch die Hartmannstraße geht, für den ist das Haus mit der Nummer 4 ein Fremdkörper. Einer, der auffällt. Während die Fassaden sämtlicher Nachbarhäuser in hellen Tönen um die Wette strahlen, wirkt es immer noch so grau wie seit Jahrzehnten. Wer aber stehen bleibt und sich die Fassade genau anschaut, der stellt schnell fest: Sie ist grau, aber völlig intakt. Kein blätternder Putz, keine Fehlstellen im Stuck. Stattdessen alles tipptopp – bis auf die unteren zwei Meter. „Die werden in den nächsten zwei Jahren auch noch repariert“, sagt Bernhard Kremser. Für den Hausherren ist die Fassade auch gar nicht grau. Er spricht von Patina, von Umbra und von Ocker.

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Der 60-Jährige muss es wissen. Denn während der zwei Jahre, die das Gebäude eingerüstet war, ist er oft schon am Vormittag auf das Gerüst gestiegen und erst wieder herunter gekommen, als es dunkel wurde. „Mit ein paar Helfern habe ich die ganze Fassade in Handarbeit repariert“, sagt der Künstler, der vor zwölf Jahren mit Ehefrau Dorothea und Sohn Markus von Bonn nach Görlitz gezogen ist und seither in der Hartmannstraße 4 wohnt. Das Haus stand zuvor seit 1991 leer und war dem Verfall geweiht. „Das Dach war nicht mehr dicht, es gab auch schon Löcher in den Decken“, berichtet Markus Kremser.

Das alles ist längst Geschichte. Die Familie kümmert sich um das im Jahr 1900 vom Architekten Gerhard Röhr erbaute Haus, aber sie tut es auf ihre Weise. „Warum sollte ich die Fassade geschlossen anstreichen, wenn ich doch auch die alte Patina erhalten kann“, sagt Bernhard Kremser. Beschädigte Teile habe er in der Tiefe erneuert, Stuck und Holz in Eigenleistung ergänzt. Nur für die Verblechung hat er einen Handwerker hinzugezogen, den Spengler Mike Bittner aus Görlitz.

Markus Kremser vergleicht die Reparatur mit einer Schönheits-Operation: „Wir haben nicht mit Botox alle Falten weggeglättet, sondern da, wo Haut transplantiert werden musste, die Falten angeglichen.“ Für den Laien ist nicht erkennbar, welche Stellen original sind und welche repariert. Die Kremsers aber wissen es genau: An der linken Hausseite gab es schlimme Schäden, dort musste vieles erneuert werden.

Mittig prangt nun ein Schild mit der Aufschrift „Atelier Kremser“ an der Fassade. Es entspricht in Größe, Position und ästhetischer Wirkung exakt dem Glasschild, das jahrzehntelang an der Fassade hing. „Herman Drechsler Gold- und Silberwaren“ stand darauf. Zu DDR-Zeiten wurde es einfach umgedreht und mit „VEB Schmuck- und Silberwaren“ beschriftet. „Diese Schrift war aber zuletzt fast nicht mehr erkennbar“, sagt Bernhard Kremser. Er hat das Schild abgenommen, die verschlissene Haltekonstruktion erneuert und das Schild aufgehängt, das auf die heutige Nutzung des Gebäudes verweist.

Drinnen gibt es nämlich nicht nur die Wohnräume der drei Kremsers, sondern im Parterre und im ersten Stock des Hinterhauses haben sie ihr Atelier. Hier entstehen die Leuchten, mit denen sich Kremser einen Namen gemacht hat, aber auch Bildhauerarbeiten unterschiedlicher Art und vieles mehr. Von Möbeldesign bis zur Restaurierung von Bilderrahmen, von Wappen bis Gartenplastiken reicht das Repertoire. Serienproduktion gibt es laut Markus Kremser nicht: „Wenn eine Leuchte gebraucht wird, wird sie speziell für diesen Ort gefertigt“, sagt der 40-Jährige.

In den vergangenen zwei Jahren ist freilich weniger produziert worden, denn der Vater war mit der Fassade beschäftigt. Die unteren zwei Meter kann er direkt vom Bürgersteig aus reparieren, deshalb ist das Gerüst jetzt weg. Der alte Luftschutzpfeil, der auf den Keller verweist, soll genauso erhalten bleiben wie der Schriftzug von Herrenschneider Bache neben der Tür. Die Fehlstellen an der Fassade hingegen werden auch hier fein säuberlich repariert und mit einer Patina versehen, die zum Rest der 114 Jahre alten Fassade passt.

Weiter oben sind nur noch an den Fenstern Restarbeiten nötig. Die Außenflügel waren zum Teil verfault. Sie müssen jetzt ersetzt werden. Die alten Kastenfenster aber bleiben alle erhalten. Die Denkmalbehörde hat sich nach Aussage von Bernhard Kremser nicht auf der Baustelle blicken lassen. „Warum sollte sie?“, fragt er. „Die wissen doch, dass ich ein Freund des Denkmalschutzes bin.“ Mit dem Ergebnis von zwei Jahren Arbeit ist er sehr zufrieden. Und auch von anderen Menschen habe es viel positive Resonanz gegeben: „Auch von Leuten, die keine Fassaden-Spezialisten sind.“