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Die evangelische Landeskirche ringt um Einheit

Nach dem Rücktritt von Bischof Rentzing setzen seine Kritiker auf Versöhnung. Seine Unterstützer hingegen drohen mit Austritt.

Die Sächsische Bekenntnisinitiative hielt am Montag eine Mahnwache vor dem Landeskirchenamt pro Rentzing ab.
Die Sächsische Bekenntnisinitiative hielt am Montag eine Mahnwache vor dem Landeskirchenamt pro Rentzing ab. © dpa/Ronald Bonß

Die Wut in Teilen der evangelisch-lutherischen Landeskirche Sachsens ist nach dem angenommenen Rücktrittsgesuch von Bischof Carsten Rentzing unverkennbar. „Ihr habt Euer Ziel erreicht und den Bischof erfolgreich abgeschossen“, schreibt ein Leser im Blog des Forums für Gemeinschaft und Theolo-gie in Leipzig. „Ich werde schweren Herzens meine Kirchenmitgliedschaft in der sächsischen Landeskirche niederlegen.“ Ein anderer formuliert: „Die Linken triumphieren, während der Frust unter den Konservativen allmählich ins Unendliche wächst.“

Das im August 2016 gegründete Forum versteht sich als „ein Gegengewicht zu konservativen Strömungen in der sächsischen Landeskirche“. Einer ihrer Initiatoren war der damalige Studentenpfarrer Frank Martin, der nunmehr als Religionslehrer tätig ist. Der 49-Jährige gehört zu den Erstunterzeichnern der Petition "Nächstenliebe verlangt Klarheit". Darin wird Noch-Bischof Rentzing aufgefordert, sich öffentlich „von allen nationalen, antidemokratischen und menschenfeindlichen Ideologien“ zu distanzieren. Indirekt unterstellten die Petenten ihm eine inhaltliche Nähe zur AfD.

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Martin war es auch, der den Bischof über die Existenz jener Texte informierte, die ihm letztendlich zum Verhängnis wurden. Texte aus dessen Jugendzeit, die die Landeskirchenleitung später als „in Teilen nationalistisch und demokratiefeindlich“ einstufen sollte. „Ich habe sie von jemanden erhalten, der Herrn Rentzing schon lange kennt, noch aus dessen Berliner Zeiten“, sagt Martin. „Aber das war kein abgekartetes Spiel. Was da alles ans Licht gekommen ist, das haben wir nicht gewusst.“ 

Er sei sehr erschrocken über das, was geschehen sei. Die jüngste Erklärung des Noch-Bischofs aber helfe, darüber hinwegzukommen. „Herr Rentzing hat sich klar gegen rechts abgegrenzt, darauf haben wir immer gewartet.“ Die Landeskirche stehe nun vor einem „schmerzhaften Reinigungsprozess“.

Während einer Pressekonferenz zum Umgang der Kirche mit dem Rücktrittsgesuchs von Landesbischof Carsten Rentzing hielten Befürworter eine Mahnwache ab. 
Während einer Pressekonferenz zum Umgang der Kirche mit dem Rücktrittsgesuchs von Landesbischof Carsten Rentzing hielten Befürworter eine Mahnwache ab.  © dpa/Ronald Bonß

Gegenpart des Forums für Gemeinschaft und Theologie ist die Sächsische Bekenntnisinitiative (SBI), die am vergangenen Montagabend mit einer Mahnwache vor dem Landeskirchenamt pro Rentzing demonstriert hatte. Nach eigenen Angaben gehören ihr mehr als 100 Kirchengemeinden und mehrere Tausend Einzelpersonen an. Die Initiative war bereits Anfang 2012 entstanden, als Reaktion auf den Beschluss der Kirchenleitung zur Zulassung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften in Pfarrhäu-sern. „Das ist unser theologisches Gegenüber, keine Frage“, sagt Martin. „Aber ich muss und will akzeptieren, dass Menschen so glauben wie in der SBI und dementsprechend ihre Glaubens- und Lebenspraxis ausrichten.“ 

Aber deren Überzeugungen dürften nicht zum alleinigen Maßstab für kirchliches Handeln werden. „Ich finde es gut, dass unsere Kirchenleitung nun über Begriffe wie konservativ, radikal oder extrem diskutieren will.“ Sowohl liberale Theologen wie auch Anhänger der SBI müssten sich und ihr Verhalten deswegen in Frage stellen. „Das Ziel, die Einheit der Landeskirche zu wahren, kann aber nicht über dem Ziel der Wahrhaftigkeit stehen.“

Martin betont, er und seine Mitstreiter seien nicht gegen die konservativen Werte Rentzings. Er habe ja sogar die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare erlaubt und damit die ärgsten Fundamentalisten der Bekenntnisinitiative in die Schranken verwiesen. „Er hat sich aber nicht genügend abgegrenzt von refaschistischen Tendenzen.“ Die sächsische AfD etwa sei „aus christlicher Perspektive unwählbar“. 

Die evangelische Kirche habe unter Rentzings Führung zu wenig Solidarität gezeigt mit Menschen, die unter rechter Gewalt litten. Dazu gehörten Menschen mit Migrationsbiographien, mit anderer Hautfarbe, mit anderer sexueller Orientierung oder geschlechtlichen Identitäten. „Kein Wort des Evangeliums fordert uns zur Toleranz auf“, sagt Martin, „aber sehr viele Worte zur Solidarität mit denen, die unter die Räuber gefallen sind.“ Er wolle nicht wieder zwölf Jahre zu spät kommen, wie beim Stuttgarter Schuldbekenntnis vom Oktober 1948. Damals bekannte die Evangelische Kirche in Deutschland erstmals eine Mitschuld evangelischer Christen an den Verbrechen des Nationalsozialismus.

Der zurückgetretene Landesbischof Carsten Rentzing.
Der zurückgetretene Landesbischof Carsten Rentzing. © dpa/Matthias Hiekel

Rochus Leonhardt, Professor für Systematische Theologie an der Universität Leipzig, hingegen wirft den Leipziger Petenten um Frank Martin vor, sie neigten dazu, „ihre politischen Auffassungen religiös zu überhöhen, indem sie die von ihnen affirmierte AfD-Ausgrenzungs-Agenda als alternativlose Praxis des christlichen Glaubens betrachten“.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer rief zur Versöhnung auf. „Ich bin als Christ damit aufgewachsen, dass Nächstenliebe, Vergebung ein wichtiger Bestandteil meines Lebens, meines Glaubens und damit auch meiner Kirche ist. Das wünsche ich mir in diesem Fall auch“, sagt er in Dresden. Der Bischof des katholischen Bistums Dresden-Meissen, Heinrich Timmerevers, bedauerte den Rücktritt seines evangelischen Amtskollegen. Er bezeichnete Rentzing als „glaubhaften und geistlichen Menschen“. Die Glaubwürdigkeit des Evangeliums messe sich daran, „wie es durch Menschen bezeugt wird, wie Barmherzigkeit gelebt wird und gemeinsam sowohl Frieden als auch nach Einheit gestrebt wird“.

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Die Leitung der evangelischen Landeskirche hatte am Montag dem Rücktrittswunsch von Rentzing entsprochen. Der 52-Jährige scheidet damit zum 31. Oktober aus dem Amt aus. Ob er danach eine andere Aufgabe innerhalb der Landeskirche übernimmt, ist noch offen. Das Kirchenparlament, die Synode, soll bereits am 29. Februar/1. März 2020 einen Nachfolger wählen. (mit epd)

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