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Dresden

Die Fanfaren blasen zur WM

Der Dresdner Fanfarenzug misst sich im Sommer in Kanada mit den weltbesten Gruppen. Ein Probenbesuch.

Im Speisesaal der 25. Oberschule probt der Dresdner Fanfarenzug für große Ziele. Der Flug zur Weltmeisterschaft ist bereits seit Wochen gebucht.
Im Speisesaal der 25. Oberschule probt der Dresdner Fanfarenzug für große Ziele. Der Flug zur Weltmeisterschaft ist bereits seit Wochen gebucht. © Sven Ellger

Also diese Geräusche klingen nun gar nicht wie Musik in den Ohren. Eher wie eine elektrische Heckenschere oder eine startende Drohne. Hinter der Tür zu einem Klassenzimmer in der 25. Oberschule in Striesen stehen vier kleine Nachwuchsmusiker im Kreis und pressen auf Kommando die Mundstücke ihrer Fanfaren an die Lippen. Nur die Mundstücke. Danach sollen sie dasselbe Geräusch mit den Lippen nachmachen. „Damit sollen sie lernen, dass die Töne nicht im Mundstück entstehen, sondern mit dem Mund gemacht werden“, sagt Marcel Scheibe. „Das klingt zwar lustig, bringt aber sehr viel.“

Scheibe ist Chef des Fanfarenzugs Dresden – und er steht vor einer ganz besonderen Mission. Anfang Juli wird er mit etwa 40 Mitstreitern nach Kanada fliegen und dort an den Weltmeisterschaften der Marching- und Showbands teilnehmen. Für viele der Musiker dürfte das der Höhepunkt ihrer musikalischen Karriere werden.

Bis es aber so weit ist, muss noch eine Menge geprobt werden. Seit der Gründung des Fanfarenzugs 1975, damals noch als Schul-AG, ist die heutige Oberschule das wichtigste Domizil des Vereins. Gleich sieben Zimmer haben sie hier zur Verfügung, und das ist auch nötig, denn die meiste Zeit üben die einzelnen Instrumentengruppen getrennt voneinander. Derzeit hat der Verein immerhin rund 80 Mitglieder zwischen vier und 40 Jahren.

Traditionell gehören zum Fanfarenzug der Tambourstab, die Hochtrommeln, auch Tomtoms genannt, die Marschtrommeln und die Fanfaren, die im ursprünglichen Sinne eigentlich Naturtrompeten ohne Ventile sind. Für die Sportbewegung der DDR wurde in den 70er-Jahren allerdings ein neuer Fanfarentyp entwickelt, der dem Instrument durch ein Ventil mehr Töne entlockt. Dennoch bleiben die Möglichkeiten begrenzt. „Alle meine Entchen“ können die Fanfaren nicht spielen.

Paraden im Speisesaal

Im Speisesaal im Keller probt an diesem späten Montagnachmittag der Tomtom-Nachwuchs. Die Hochtrommeln sind für die Mädchen vorbehalten, auch wenn so mancher Kämpfer für die Gender-Gerechtigkeit da aufschreien dürfte. Sie laufen stets am Anfang des Zuges und werden wegen ihrer eleganten Bewegungsabläufe auch manchmal als „Ballett des Fanfarenzuges“ bezeichnet. Zwischen den Schlägen wirbeln sie ihre Stöcke synchron durch die Luft. Paraden nennt man das.

Da der Übungsleiter für die TomToms gerade verhindert ist, hilft heute mal ein Marschtrommel-Trainer im Speisesaal aus. Immer wieder lässt er denselben Rhythmus wiederholen. Erst nur links, dann nur rechts, dann beide Seiten. Ramm damm damm, damm – ramm, damm, damm, damm. Dabei laufen die Mädchen stets leichtfüßig auf der Stelle. Später, beim Auftritt, werden sie – wie alle Musiker – während des Spielens in Reihen vorwärtsmarschieren. Damit erklärt sich auch, warum diese Art des Musizierens auch als Sport angesehen wird.

© Sven Ellger

Zwei der jungen Trommlerinnen werden im Juli als Teil der Showgruppe mit nach Kanada reisen. Eine und zwei Etagen weiter oben trainieren unterdessen die jungen Marschtrommler und die Fanfarenbläser. Während die Trommler gerade mit einem weitgehend stummen Tommelpad beschäftigt sind, versucht sich eine der Fanfarengruppen schon an ausgefeilteren Choreografien. So richtig zufrieden ist die Übungsleiterin vorn vor der Tafel aber noch nicht. Mal soll die Gruppe lauter spielen, mal besonders auf die Töne achten.

Bevor am Abend die Großen mit ihren Einzelproben beginnen, steht noch eine gemeinsame Übungseinheit aller Generationen auf dem Plan. „Wir wollen den Nachwuchs ja langsam heranführen“, sagt Marcel Scheibe. Und dafür müssen die Kleinen auch mal mit den Vorbildern spielen.

Die Spezialproben für die WM-Fahrer finden in diesen Wochen immer sonntags an der Offiziersschule des Heeres an der Marienallee statt. Wenn es am 2. Juli in den Flieger geht, dann sollen jeder Ton, jeder Schlag und jeder Schritt sitzen.

Für die WM qualifiziert haben sich die Musiker bereits im vergangenen Jahr bei den Internationalen Musiktagen im niedersächsischen Rastede. Der erste Platz in der Disziplin „Marsch und Konzert“ und der zweite Platz beim Showwettbewerb reichten. Die weit größere Herausforderung für die Musiker war es dann jedoch, das nötige Kleingeld für die äußerst aufwendige Reise zusammenzubekommen. Immerhin rund 85 000 Euro. Angesparte Rücklagen, verschiedene Fördertöpfe und willige Sponsoren halfen schon mal weiter. Dann musste jeder Teilnehmer selbst noch 1 000 Euro drauflegen. Den Rest sollen nun noch kurzfristig Trödelmärkte, Altpapier und Spenden bringen.

Der Vize-Weltmeister will mehr

Vom 5. Juli bis 9. Juli steigt in Calgary die WM. Die Aufregung und Anspannung ist schon jetzt in den Gängen der 25. Oberschule zu spüren. Seit 2001 wurde der Fanfarenzug Dresden zwölf Mal sächsischer Landesmeister. Der bislang größte internationale Erfolg war der Gewinn des Vize-Weltmeistertitels in der Kategorie „Marschparade“ vor vier Jahren in Kopenhagen. Andere Wettkampfreisen führten den Verein bereits nach Tokio, New York, Schweden, die Niederlande, Spanien und Südafrika.

In Kanada werden sie unter all den Marching- und Showbands diesmal eher zu den Exoten gehören – und damit vermutlich besondere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Unter dem Motto „Wir bringen die Luft zum Klingen“ wollen sie Deutschland und Sachsen würdig vertreten, nicht zuletzt bei der „Stampede Parade“ zur größten Landwirtschaftsausstellung Kanadas.

Die Uhr auf der Homepage des Fanfarenzugs läuft rückwärts. Nicht einmal mehr 60 Tage bis zum Start sind es noch, aber mit Sicherheit noch genug Zeit, um noch einmal kräftig durchzupusten.

Lust auf den Fanfarenzug?

Interessenten müssen keine musikalischen Grundkenntnisse mitbringen. Die Ausbildung erfolgt in Theorie und Praxis durch ausgebildete, ehrenamtliche Übungsleiter.

Vier kostenfreie Probestunden werden vom Verein angeboten. Instrumente und Kleidung werden gegen eine Kaution gestellt.

Der Nachwuchs trainiert immer montags zwischen 17 und 18 Uhr in der 25. Oberschule, Pohlandstraße 40, 01309 Dresden.

Geschäftsstelle und Förderverein:
Fanfarenzug Dresden e.V., Oehmestrasse 1, 01277 Dresden
www.fanfarenzug-dresden.de

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