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Die Feuerwehrfrau

Sie führt im Einsatz sogar die Männer an. Cornelia Niedenzu ist eine der wenigen Frauen in der Weinböhlaer Wehr.

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© Arvid Müller

Von Philipp Siebert

Cornelia Niedenzu steht vor zwei Einsatzwagen. Sie zeigt zwischen den rot lackierten Blechen hindurch auf ihren Spind. Es ist einer von 50, mitten im Geräteraum der Weinböhlaer Feuerwehr. In dem liegt alles bereit, was sie für den Einsatz braucht: Die Stiefel sind geputzt und stecken schon in den Hosenbeinen, darüber hängen die blau-gelbe Jacke mit dem Feuerwehr-Schriftzug auf dem Rücken und das Koppel samt Handschuhen. Auf dem Spind liegt der Helm. Nicht mal zwei Minuten braucht die 38-Jährige, um sich umzuziehen, wenn der Alarm schrillt.

Feuerwehren sind Männersache. Denken viele. In Weinböhla hat sich daran schon einiges geändert. Dort hat mit Cornelia Niedenzu erstmals eine Frau einen Führungsposten. Seit wenigen Wochen ist sie Gruppenführerin. Bei Einsätzen sagt die Frau mit den langen braunen Haaren acht Männern, was zu tun ist.

Beworben hat sie sich dafür nicht. Zur Ausbildung ermutigte sie Michael Becker, der stellvertretende Wehrleiter. Cornelia Niedenzu sagte zu, zumal sie die notwendigen Qualifikationen besitzt. Seit 20 Jahren ist sie bei der Wehr – Klöppeln, Häckeln oder Stricken sind nichts für sie. Stattdessen packt sie gern an, kann eine Motorsäge führen und weiß als Atemschutzgerät-Trägerin auch, wie bei Qualm gehandelt werden muss. Deshalb gehört die Weinböhlaerin bei Einsätzen jetzt zur Führungsriege – als bisher einzige Frau.

Die Ausbildung hart erkämpft

Für sie ist dieser Posten der vorläufige Höhepunkt ihrer Karriere bei der Feuerwehr. Mit der ist sie groß geworden. Bereits als Kleinkind krabbelte sie durch das Gerätehaus. Ihre Eltern Eva und Peter waren selbst Kameraden. Wenn sie zur Feuerwehr fuhren, haben sie ihre Tochter immer mitgenommen. Mit 18 Jahren trat Cornelia Niedenzu dann bei der Wehr ein. Das war 1993. Doch nicht in den aktiven Dienst – das durften Frauen in Weinböhla damals noch nicht.

Darum musste die starke Frau erst kämpfen. Immer wieder fragte sie bei der Wehrleitung nach, wollte ausgebildet werden. Fünf Jahre dauerte es, bis dieChefetage nachgab. Seitdem ist sie bei Einsätzen dabei – hat Brände gelöscht und Menschen nach Verkehrsunfällen gerettet.

Cornelia Niedenzu findet Gefallen an der Arbeit der Feuerwehr, an der Kameradschaft unter den Mitgliedern. Auch ihrer inneren Einstellung kommt die Tätigkeit entgegen. „Es freut mich, wenn ich etwas Gutes tun kann“, sagt sie. Daran hat sich über die Jahre nichts geändert. Deshalb blieb sie auch in der Wehr, als ihr Vater im Einsatz an einem Herzinfarkt starb.

Auf der Fahrt zum Einsatzort brach er zusammen. Cornelia Niedenzu war mit ausgerückt, saß aber nicht im selben Fahrzeug. Der Schock sitzt tief – auch heute noch, zehn Jahre später. Bei der Feuerwehr bleibt sie trotzdem. „Mein Vater hätte das gewollt.“ Im Notfall zur Stelle sein kann die Weinböhlaerin aber nicht immer. Im Beruf ist Cornelia Niedenzu Krankenschwester. Auf der Intensivstation der Elblandkliniken in Radebeul kümmert sie sich täglich um Schwerverletzte – im Dreischichtbetrieb. Wenn sie Dienst hat, bleibt der Pieper zu Hause. Nicht nur bei der Feuerwehr, auch auf Arbeit muss sie Leben retten. „Zum Einsatz einfach alles liegen lassen, das geht nicht.“

Nach Feierabend rückt sie aber so oft wie möglich mit aus. Um ihren zwölfjährigen Sohn Pascal kümmert sich dann Lebensgefährte Ringo. Der ist zwar nicht bei der Feuerwehr, unterstützt seine Freundin aber – auch wenn mal nachts der Alarm losgeht.

Cornelia Niedenzu will noch so oft wie möglich Einsatzerfahrung sammeln. Kleine Einsätze wie Türöffnungen hat sie bereits geleitet. Bei Großbränden oder Verkehrsunfällen übernimmt jedoch vorerst ein erfahrener Kamerad für sie. Sie agiert dann als dessen recht Hand. „Das ist bei uns so üblich“, sagt Michael Becker, „wir bilden unsere neuen Gruppenführer mindestens ein Jahr nach dem Lehrgang noch zusätzlich aus. Lebensrettende Entscheidungen innerhalb von Sekunden zu fällen, kann man nicht im Schulungsraum“, sagt Becker.

Steht den Männern nicht nach

Solche Erfahrungen sammelt Cornelia Niedenzu jetzt mit jedem Einsatz. Michael Becker ist sicher, dass die Weinböhlaerin das schafft. „Sie hat das Wissen, ist gewissenhaft und zuverlässig und mindestens genauso gut wie die Männer.“ Das erkennen die Kameraden in der Wehr an.

Mit denen hatte sie noch nie Probleme, betont. „Keine Spötteleien, nichts Anzügliches. Die sind in Ordnung.“ Deshalb möchte sie andere Frauen ermutigen, auch in der Feuerwehr dabei zu sein. In Weinböhla sind sie schon acht Frauen – und freie Spinde gibt es noch.