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Bautzen

Die Firma und die Feuerwehr

Freiwillige Feuerwehren sind tagsüber oft nicht einsatzbereit, weil viele Mitglieder auswärts arbeiten. Ein Beispiel aus Straßgräbchen zeigt, wie es doch funktionieren kann.

Eine Bewährungsprobe bestand die auch durch TDDK-Mitarbeiter verstärkte Ortswehr Straßgräbchen vor drei Jahren, als nur einen Katzensprung vom Autozuliefer-Werk entfernt ein ehemaliger Raketenbunker brannte.
Eine Bewährungsprobe bestand die auch durch TDDK-Mitarbeiter verstärkte Ortswehr Straßgräbchen vor drei Jahren, als nur einen Katzensprung vom Autozuliefer-Werk entfernt ein ehemaliger Raketenbunker brannte. © René Plaul

Straßgräbchen. Ob sich eine Partnerschaft bewährt, sieht man im Ernstfall. Ziemlich genau vor drei Jahren war er eingetreten. Nur einen Katzensprung vom TDDK-Werk in Straßgräbchen bei Bernsdorf entfernt, stand mitten im Wald ein ehemaliger Raketenbunker in Flammen. Ein Bauer hatte ihn gemietet und Stroh sowie landwirtschaftliche Geräte darin gelagert. Das Erntegut hatte sich entzündet – und nun war schnelles Handeln gefragt. Mit als erste vor Ort war die Freiwillige Feuerwehr Straßgräbchen. Eine kleine Ortsteilwehr mit offensichtlich großer Schlagkraft. Und die kommt nicht von ungefähr. Mehrere Mitglieder werden nämlich an den Produktionslinien, in der Alu-Gießerei oder in den Büros des Klimakompressorenherstellers alarmiert. Per Pieper. Von dort aus bis ins Depot am Sportplatz in Straßgräbchen ist es nur ein knapper Kilometer. Ohne die Hilfe des Unternehmens wäre die Feuerwehr niemals so schnell und stark. Ingolf Höntsch, Bernsdorfer Gemeindewehrleiter, sagt: „Seit Sommer 2015 gibt es die Kooperation von Firma und Feuerwehr. Sie ist ein exzellentes Paradebeispiel im Landkreis Bautzen.“

Mitarbeiter aus 40 Kilometer Umkreis

Das Zauberwort heißt „doppelte Feuerwehrmitgliedschaft“. Im Freistaat Sachsen ist sie erst seit 2014 möglich. Irgendwann haben der Bund und die Länder auch auf diese Weise auf die Abschaffung der Wehrpflicht reagiert. Als es sie noch gab, konnte man dem Armeedienst entgehen, wenn man stattdessen sieben Jahre Dienst in einer Wehr oder beim Technischen Hilfswerk ableistete. Damit war ein stetiger Zulauf von jungen Leuten über die normale Nachwuchsgewinnung hinaus einigermaßen gesichert. Mittlerweile schlägt die Demografie vor allem auch im Ländlichen voll durch. Viele Wehren schaffen es nicht mehr, über das Wochenende hinaus einsatzbereit zu sein. Doch die doppelte Mitgliedschaft in der Heimatgemeinde und am Arbeitsort macht es möglich. In größeren Betrieben wie dem Autozulieferer TDDK, der mittlerweile 950 Männer und Frauen beschäftigt, kommen die Mitarbeiter aus einem Umkreis von bis zu 40 Kilometern zum Job. Wie Tobias Hoffmann. Der 33-Jährige ist seit 2015 als Mechatroniker bei TDDK tätig. Er wohnt in Kleinröhrsdorf, wo er Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr ist. Im vergangenen Jahr nahm er an 23 von 24 Diensten in der Ortswehr Straßgräbchen teil. Sogar mehr als mancher Einheimische. „Bei mir dreht sich halt alles um die Feuerwehr“, sagt der junge Mann und schmunzelt. Er gehört zu den mittlerweile 20 TDDK-Mitarbeitern, die im Alarmfall ihren Arbeitsplatz prompt verlassen, um zum Depot in Straßgräbchen zu eilen.

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Wenn während der Arbeit bei TDDK der Pieper geht, rasen auch Marcus Schäfer (v.) aus Steina und Tobias Hoffmann aus Kleinröhrsdorf zum Umziehen ins Depot der Ortswehr Straßgräbchen.
Wenn während der Arbeit bei TDDK der Pieper geht, rasen auch Marcus Schäfer (v.) aus Steina und Tobias Hoffmann aus Kleinröhrsdorf zum Umziehen ins Depot der Ortswehr Straßgräbchen. © René Plaul

So etwas verlangt freilich innerbetriebliche Organisation. Die Produktion bei TDDK – mehrschichtig außer am Wochenende – muss weiter gehen, ganz klar. Vizepräsident Ronald Juhnke: „An den Linien zum Beispiel muss vorher geklärt sein, wer im Alarmierungsfall sofort einspringen kann.“ Das habe bisher sehr gut funktioniert. Wie auch anderes: Für die Feuerwehrleute sind extra Parkplätze reserviert, damit sie schnell loskönnen. Und beim Brand am 7. Februar 2017 war auch der extra angelegte Feuerlöschteich am Werk erfolgreich angezapft worden. „Der Einsatz im Wald war langwierig. Aber wir haben das mit den anderen Wehren hinbekommen“, erinnert sich der Gemeindewehrleiter. Ingolf Höntsch gehört seit jeher zu jenen in Straßgräbchen, die auf fruchtbringende Zusammenarbeit setzen. Als Bürgermeister im Dorf hatte er 2007 wesentlichen Anteil an der Eingemeindung in die Stadt Bernsdorf, wo der Berufsfeuerwehrmann heute im Ehrenamt auch die Gemeindefeuerwehr leitet. „Alle Kooperation steht und fällt mit den handelnden Personen“, bringt der 57-Jährige seine jahrelange Erfahrung auf den Punkt.

Einsatz vom Ex-Ministerpräsidenten

Für das Zusammengehen von Firma und Feuerwehr in Straßgräbchen hatte sich übrigens kein Geringerer als der damalige Ministerpräsident eingesetzt. Stanislaw Tillich war dabei, als der Kooperationsvertrag unterzeichnet wurde. An diesem Tag wurde auch der lange versprochene Abschnitt der Staatsstraße 94 eingeweiht, mit der TDDK an die künftige Spange zwischen der A 13 und der A 4 angeschlossen wird. Noch endet sie bei Bernsdorf, aber irgendwann wird der Lückenschluss nach Ruhland vollzogen sein. Die Umgehungsstraße brachte freilich auch die sogenannte „Scherbelkreuzung“ mit sich. Direkt am Werk wird die S 94 von der Straße zwischen Straßgräbchen und Weißig gekreuzt. Eigentlich ist die Situation für Autofahrer gut einsehbar, aber das Tempo auf der Staatsstraße wird beim Abbiegen häufig unterschätzt. Schon mehrfach wurden die Feuerwehrleute aus dem Werk zu Einsätzen gerufen, die Mitarbeiter betroffen hatten. Das Nachhaken der Kameraden wiederum erhöhte die Motivation der Straßenplaner, doch eine zusätzliche Abbiegespur einzurichten. „Seitdem ist es hier viel ruhiger“, freut sich auch der TDDK-Vizepräsident.

Vorm Werk hat sich in voller Montur auch noch Tobias Thomschke (r.) dazugesellt. Er gehört der Ortswehr Straßgräbchen an und schätzt die doppelte Mitgliedschaft der Kameraden sehr.
Vorm Werk hat sich in voller Montur auch noch Tobias Thomschke (r.) dazugesellt. Er gehört der Ortswehr Straßgräbchen an und schätzt die doppelte Mitgliedschaft der Kameraden sehr. © René Plaul

Der auch großen Wert darauf legt, dass der Kooperationsvertrag „keine Einbahnstraße“ beschreibt. Die Expertise der Brandschutzexperten habe auch dazu geführt, dass Abläufe im Werk selbst sicherer wurden. „Unsere Brandmeldeanlage ist jetzt auf dem neuesten Stand.“ Außerdem setzt sich die Feuerwehr Straßgräbchen wie auch Vereine im Ort bei TDDK-Aktionen ein, etwa beim jährlichen Kompressor-Lauf. Ein Volksportevent, das über die Stadtgrenzen von Bernsdorf hinaus strahlt.

Kein großes Theater

Unterm Strich aber bleibt vor allem das Engagement des Autozulieferers selbst bemerkenswert. Obwohl mittlerweile im Sekundentakt ein Kompressor für Klimaanlagen für nahezu alle Hersteller in Europa produziert wird, hält das Unternehmen die Unterstützung der Wehr hoch. „Wir machen da kein großes Theater und stellen uns gegenseitig auch nichts in Rechnung“, sagt Ronald Juhnke. Solange die Einsatzzeiten überschaubar bleiben – sowohl in der Stadt und im Dorf, als auch im Betrieb selbst. Darüber hinaus spendet TDDK regelmäßig an die Wehren und die Vereine in Straßgräbchen. So konnten schon eine Nebelmaschine für Löschübungen, eine Wärmebildkamera und neue Pullover beschafft werden. Die Ehrung „Partner der Feuerwehr“ durch den Landesfeuerwehrverband und Bürgermeister Harry Habel war die logische Konsequenz. Auch Derartiges ist im Landkreis bisher noch ein Paradebeispiel.

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