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Die Flüchtlinge aus dem Pflegeheim

Eine Notunterkunft für Asylbewerber wird nach einem Bombenfund zum Refugium für knapp 70 alte Menschen.

© Anja Schneider

Von Anna Hoben

Um 22 Uhr ist der Ausflug vorbei. Die Fliegerbombe nahe der Yenidze in der Friedrichstadt ist entschärft, die Bewohner des Pflegeheimes St. Michael können wieder nach Hause. Im Gegensatz zu ihnen müssen 34 Menschen aus anderen Heimen, die ebenfalls evakuiert wurden, die Nacht zu Sonnabend in ihren Notunterkünften verbringen: im Krankenhaus Friedrichstadt, im Marienkrankenhaus in Klotzsche und in einem Pflegeheim des DRK.

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Rückblende: Freitag, kurz nach 18 Uhr. Der erste Bus kommt am Flughafen an. Menschen mit Rollatoren steigen aus, sie werden von DRK-Mitarbeitern gestützt, viele haben wärmende Decken um die Schultern gelegt. Eine Wetter-App zeigt minus sieben Grad an. Die Menschen, viele Frauen und einige Männer, sind hier, weil in der Nähe ihres Zuhauses eine Fliegerbombe gefunden wurde, vor 71 Jahren über Dresden abgeworfen. Sie alle sind Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass sie jetzt an einem Ort gelandet sind, der für heutige Kriegsflüchtlinge aus fernen Ländern bestimmt ist.

Seit sechs Wochen sind die Leichtbauhallen am Flughafen in Klotzsche fertig. Zwölf Wohnhallen, eine Speisehalle, zwei Sanitärhallen. Platz ist für bis zu 600 Menschen. Im Notfall ist die Unterkunft innerhalb kürzester Zeit bezugsbereit. Bisher jedoch leben dort noch keine Flüchtlinge.

„Die Hallen waren Teil des Evakuierungsplans für Silvester“, sagt Kai Kranich, Sprecher des sächsischen DRK-Landesverbandes. Damals waren Ausschreitungen vor Asylunterkünften in Dresden befürchtet worden. Passiert ist glücklicherweise nichts. Aber auch wenn in anderen Erstaufnahmeeinrichtungen zum Beispiel die Heizung ausfällt, könnten Flüchtlinge in die Hallen am Flughafen umziehen.

Nun, am Freitagabend, sitzen ganz andere Flüchtlinge in den Zimmern. Viele der Menschen aus dem Pflegeheim verstehen nicht, warum sie hier sind. Viele von ihnen sind dement. Ein Tisch, ein paar Stühle, jeweils zwei Doppelstockbetten, das ist die karge Standard-Einrichtung. „Ich will nach Hause“, hört man, wenn man durch die Gänge geht. „Ich friere.“ Dabei bläst die Heizung auf Hochtouren. „Wo ist mein Mann?“, fragt eine Frau immer wieder. Eine Mitarbeiterin aus dem Pflegeheim streichelt sanft ihren Arm. „Der kommt mit dem nächsten Bus“, sagt sie. Und redet der Frau gut zu. „Wir haben schon so vieles gemeistert, das schaffen wir auch noch.“ Etwa 20 DRK-Mitarbeiter wuseln umher, soziale Betreuer, Logistiker, medizinisches Personal. Falls die Menschen hier schlafen müssen, was am frühen Abend noch unklar ist, wird etwa die Hälfte von ihnen zur Nachtschicht bleiben. Die DRK-Mitarbeiterin Katrin Balkanski geht herum und füllt mit jedem Bewohner eine sogenannte Begleitkarte aus. Name, Geburtsdatum, Adresse, „Ort der Katastrophe“. „Damit wir Sie nicht verwechseln“, sagt Balkanski. Auch auf den Jacken der bisher Eingetroffenen kleben deren Nachnamen, aufgeschrieben auf Krepp-Klebeband. Nicht jeder weiß seinen Geburtstag. „Aber immerhin“, sagt eine gebrechliche, schmale Frau mit weißem Haar, „bin ich schon 93“.

Manche Betreuer versuchen, die Menschen mit Humor aufzuheitern. „Es ist ein bisschen wie Zelten, wie früher in der Jugendherberge“, sagt eine junge Frau, „waren Sie früher mal in der Jugendherberge?“ Die Angesprochene schüttelt den Kopf.

Sie hoffe sehr, dass es heute wieder zurück nach Hause geht, sagt Gisela Wilhelm. „Da ist mein gemütliches Bett, da kann ich mich richtig waschen.“ Mit ihren 75 Jahren ist Wilhelm eine der Jüngeren in der Notunterkunft. Schlafkleidung habe sie gar nicht erst mitgenommen, nur eine Zahnbürste und Zahnpasta. Später soll es erst einmal Abendbrot geben. Es war schon alles vorbereitet gewesen in der Heimküche, als die Mitarbeiter von der Evakuierung erfuhren. Kurzerhand packten sie die kalten Platten ein. Jetzt stehen sie im Speisesaal der Notunterkunft, zusammen mit Salzstangen, Saft und Schokolade.

19 Uhr. Die Pflegedienstleiterin hält ihr Smartphone ans Ohr, sie ist ohne Unterlass dabei, Dinge zu organisieren. Gerade ist ein Auto angekommen, der Kofferraum voller Medikamente. „Hier sind einige Diabetiker, die schon vor einer Stunde eine Spritze hätten bekommen sollen“, sagt die Frau ins Telefon. Kurz darauf treffen mehrere Rettungswagen ein mit Bewohnern, die nur im Liegen transportiert werden können. Nach einer Weile folgt eine Lieferung mit zusammengeklappten Rollstühlen.

Die Herausforderung, sagt DRK-Sprecher Kranich, sei ähnlich wie bei den Flüchtlingen, die gerade in Deutschland ankommen. Es geht um Menschen, die nicht recht wissen, wo sie sind. Die vieles von dem, was man ihnen sagt, nicht verstehen. Und die letztendlich doch dankbar sind, dass sie einen warmen Ort haben, an dem sich jemand um sie kümmert.