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Die Flüchtlings-Anwälte

Leipziger Jura-Studenten beraten jetzt kostenlos Asylbewerber. Am liebsten würden sie sich selbst überflüssig machen.

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© Sebastian Willnow

Von Sven Heitkamp, Leipzig

Am Ende ihrer Odyssee wartet die große Ratlosigkeit. Sinkenden Schiffen und Kriegen entkommen, sitzen die Menschen aus Syrien und Afghanistan, Nigeria und Somalia in einer Unterkunft irgendwo in Sachsen und wissen nicht, wie es mit ihnen weitergeht. Ein falsches Wort kann schnell über Abschiebung oder Sicherheit entscheiden. In dieser Misere wollen Studenten und Juristen der Leipziger Universität den Flüchtlingen jetzt helfen. Sie bieten Migranten kostenfreie Rechtsberatung an. „Refugee Law Clinic“ – Flüchtlings-Rechtsberatung heißt das Konzept, das nun in Leipzig anläuft.

Die ersten drei Frauen von der Juristischen Fakultät, zwei Studentinnen und eine wissenschaftliche Mitarbeiterin, gehen in den nächsten Tagen mit Dolmetschern in ein Flüchtlingsquartier und bieten dort ihre Hilfe an. „Man muss erst mal ins Gespräch kommen, persönliche Kontakte und Vertrauen aufbauen, um Barrieren zu überwinden“, sagt Laura Sophie Thimm-Braun, die das Leipziger Projekt angeschoben hat. Entscheidend für Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, sei vor allem das Erstaufnahmegespräch, in dem über den Schutzstatus entschieden wird. Asylbewerber müssen dabei gut über ihre Herkunft, über ihre Flucht und Bedrohungen in ihrer Heimat sprechen können. „Sie sollten auf solche Interviews gut vorbereitet sein“, sagt die 22-Jährige.

Vorbilder aus den USA

„Law Clinics“ zu verschiedenen Rechtsgebieten sind an US-amerikanischen Unis seit Jahrzehnten bewährt. In Deutschland haben sich erste Angebote speziell für Flüchtlinge etabliert, wie in Berlin, Hamburg, Köln, München und Gießen. Nun eröffnet die erste „Refugee Law Clinic“ im Osten. Die Leipziger Initiative kann dabei auf die Expertise von namhaften Unterstützern bauen. Unter ihnen Christoph Enders, Lehrstuhlinhaber für Öffentliches Recht, Staats- und Verfassungslehre, der die Schirmherrschaft übernommen hat, die Rechtsanwältin Isabel Fernandez de Castillejo sowie zwei Richter vom Bundesverwaltungsgericht in Leipzig, Uwe Berlit und Ingo Kraft.

Die Profis kümmern sich vor allem um die Ausbildung der jungen Rechtsbeistände und bieten Vorlesungen und Seminare an. Denn wer in der Law Clinic Berater werden will, absolviert zunächst eine Ausbildung an der Juristischen Fakultät. Vorlesungen zu Ausländer-, Asyl- und Aufenthaltsrecht im Sommersemester, konkrete Fallbesprechungen aus der Praxis und Tutorien im Wintersemester. Danach folgen Hospitationen bei Asylrechtsberatern verschiedener Initiativen wie etwa der Caritas.

Lehrveranstaltungen rings um das Ausländerrecht wurden bisher kaum an der Uni angeboten. Das hat sich erst mit der Refugee Law Clinic geändert. Mit Erfolg. „Der kleine Hörsaal ist jedes Mal überfüllt, da kommen mehr als 100 Leute“, erzählt Laura Thimm-Braun, die im sechsten Semester Jura studiert. Vor dem Studium war die junge Frau aus Heidelberg ein Dreivierteljahr in Ecuador, Bolivien und Peru, betreute in einem Freiwilligen Sozialen Jahr Vorschulkinder in Ecuadors Hauptstadt Quito. Später absolvierte sie ein Praktikum im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, damals unter FDP-Minister Dirk Niebel. Nach dem Studium, so das Fernziel, möchte sie beim Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen arbeiten.

Als Thimm-Braun vor zwei Jahren von der Kölner Refugee Law Clinic erfuhr, suchte sie Mitstreiter und legte los. Vor einem Jahr, im April 2014, gründeten sie den Verein Refugee Law Clinic. Ihm gehören heute mehr als 100 Mitglieder an, aktiv sind etwa 20 bis 30 Unterstützer. Mehrere Arbeitsgruppen kümmern sich etwa um Ausbildung, Beratung, Finanzen, Sprachmittlung und Öffentlichkeitsarbeit. Zu den Aktiven gehören auch Studenten anderer Fächer wie Politik, Sprachen und Afrikanistik. Es sind Freiwillige wie Lehramtsstudentin Lara Ludin, die einen Bachelor in Rechts- und Sozialwissenschaften absolviert hat und ihre Abschlussarbeit über Asylrecht schrieb. Die 25-Jährige kümmert sich mit um die Koordination der Sprachmittler, zumeist Menschen mit zweiter Muttersprache, Studenten der Arabistik und andere Freiwillige mit Auslandserfahrung.

Von der ehrenamtlichen Arbeit profitieren nicht nur die Flüchtlinge, sondern auch ihre Berater. Die Studenten erwerben gezielte Kenntnisse in diesem Fachgebiet, bekommen persönliche Betreuung und lernen frühzeitig die Praxis kennen. Bis vor einigen Jahren war solcherart Rechtshilfe ausgebildeten und zugelassenen Juristen vorbehalten, erst seit 2008 ist unentgeltliche Rechtsberatung auch anderen Berufsgruppen mit entsprechender Schulung erlaubt. Ihre Arbeit und ihre Ergebnisse werden die Studenten genau dokumentieren. „Unser langfristiges Ziel ist es, uns selbst überflüssig zu machen“, sagt Lara Ludin. „Denn kostenlose Rechtsberatung für Flüchtlinge sollte eigentlich Aufgabe des Staates sein.“