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Die Flutrinne muss frei bleiben

Was haben wir aus dem Hochwasser im vergangenen Jahr gelernt? In Nünchritz versuchte zu Wochenmitte Bürgermeister Udo Schmidt eine erste öffentliche Bilanz. Und die fällt gar nicht so schlecht aus.

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Von Thomas Riemer

Schimpfende Grödeler, die zurück in ihr Dorf wollen, um das Vieh zu füttern und nach den Grundstücken zu sehen – Udo Schmidt wird die Geschehnisse in den Augusttagen 2002 wie viele andere auch sicher nicht vergessen. Und auch nicht den Vorwurf, dass man ja die Straße von Nünchritz nach Grödel viel höher bauen müsste. „Die Flutrinne muss frei bleiben“, so die grundsätzliche Antwort des Bürgermeisters darauf.

Bei der Einwohnerversammlung in dieser Woche, bei der Schmidt die Nünchritzer Flutbilanz vorstellen und diskutieren wollte, wurde die Frage nicht gestellt. Die rund 30 Leute, die gekommen waren, lauschten vielmehr andächtig ihrem Gemeindeoberhaupt.

„Wir an der Elbe hatten gegenüber vielen anderen einen Vorteil. Wir hatten zeitlichen Vorlauf“, so Schmidt. Deshalb habe die Gemeinde, die Prognosen aus Tschechien und Dresden vor Augen, vorausschauen können. Wenn die Elbe in Dresden 8,40 Meter erreicht hat, dann würde der Damm in Nünchritz überschwappen, so die einfache Rechnung. Und das innerhalb von fünf Stunden. „Wir haben also am Dienstag gewusst, wann etwa das Wasser kommt“, so Schmidt.

Trotzdem: Geschätzte 34 Millionen Euro Schaden sind in der Gemeinde einschließlich Diesbar-Seußlitz in jenen Augusttagen entstanden. Und es sei nicht nur der materielle Schaden, der schmerzt. „Viel schwerer wiegt oftmals der Verlust persönlicher Erinnerungen“, weiß der Bürgermeister. Froh sei er deshalb darüber, dass das Regierungspräsidium unter anderem für solche Fälle eine psychosoziale Nachsorge anbietet, die am 25. September vorgestellt wird.

Unmittelbar nach der Flut, so Schmidt, habe die Verwaltung mit der Aufstellung eines Kataloges begonnen, wie künftig der Hochwasserschutz aussehen könnte. Wichtigste Konsequenzen müssten demzufolge die Erhöhung und Verdichtung der Deiche sein. Dammkronen sollten verbreitert und befahrbar gemacht werden. Jegliche Kabel müssten aus den Deichen entfernt werden. Eine Bebauung der Deiche dürfe es nicht mehr geben, derzeitiges Ackerland müsse wieder in Flutwiesen umgewandelt werden. Ausführlich nahm Schmidt auf die Situation am Elbe-Röder-Floßkanal Bezug. Wäre die Lage dort eskaliert, „wäre das für Streumen und Gröditz die Katastrophe gewesen“. Zum Glück ist dies nicht passiert.

Kläranlagen künftiger

höher bauen

Eine weitere Konsequenz: Klärwerke müssen künftig höher gebaut werden. Das Beispiel Neuseußlitz – die Anlage dort war gänzlich überflutet – sei Beleg dafür. Udo Schmidt sprach sich dafür aus, sie irgendwann außer Betrieb zu setzen und Überleitungen zur Nünchritzer Anlage zu bauen.

Erheblichen Bedarf sieht der Bürgermeister bei der Ausrüstung der Feuerwehren in Nünchritz. Die Fahrzeuge seien total veraltet. Vieles werde derzeit ersetzt, auch ein Schlauchboot für die Wehr ist in Aussicht gestellt. Mitentscheidend für das Gemeindeoberhaupt: „Die Pegelstände gehören in die Hand der Einsatzkräfte.“ Wie überhaupt die Zuständigkeit von Evakuierungsplänen bis hin zur Gesundheitsvorsorge in den Gemeinden bleiben müsse. Eine Forderung aus Nünchritz deshalb: Die Katastrophenschutz-Lager müssen näher an die Orte heran. Udo Schmidt erinnerte an den mühevollen Weg, 20 000 Sandsäcke aus Radeburg an die Elbe zu kriegen. Aber auch daran, dass es bei vorbeugenden Deichbegehungen Nachholebedarf gebe. Die Talsperrenverwaltung sei am Donnerstag – Freitag kam das Wasser – gekommen und habe nur kluge Ratschläge gegeben.

„Dann machen wir

dort dicht“

Auch ganz konkrete Konsequenzen für das Nünchritzer Elbufer hat Schmidt ausgemacht. Mannesmann als Betreiber müsse die Kabeldurchführungen am Vogelberg zurückbauen. Das Unternehmen scheint das auch zu wollen. „Wenn nicht, dann machen wir dort dicht“, so der Bürgermeister. An der Einmündung des Floßkanals denke man über eine mobile Barriere nach. Deich-Leitungen nahe Pfennigpfeiffer werden beseitigt. Und auch Diesbar-Seußlitz wird nicht vergessen. Dort wird die Straße zur Fähre neu gebaut, der Elbdamm kommt wieder auf die Ursprungshöhe, Brücken über angrenzende Bäche werden gebaut.

Dann wiederholt Udo Schmidt den Satz: „Die Flutrinne muss frei bleiben.“ Deshalb würden künftige Bauanträge unter Vorbehalt geprüft. Wo bereits gebaut wurde, bleibt das auch bestehen. Dann müsse man eben über Alternativen für die Flutrinne nachdenken.

Neidische Blicke aus dem neuen Wohngebiet an der Grödeler Straße nach Röderau-Süd könne er nachvollziehen. „Das Genehmigungsverfahren bei uns ist sauber“, so seine interpretierbare Reaktion.