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Die Frau, die in den Steinen liest

Der Fels im Basteigebiet ist besonders weich. Geologen müssen ihn ständig überwachen, auch am Rathener Naturtheater.

Solche Mauern aus Sandsteinquadern, wie sie Sabine Kulikov hier am Wehlturm zeigt, sollen die darunter liegende Rathener Felsenbühne vor Abbrüchen schützen.
Solche Mauern aus Sandsteinquadern, wie sie Sabine Kulikov hier am Wehlturm zeigt, sollen die darunter liegende Rathener Felsenbühne vor Abbrüchen schützen. © Dirk Zschiedrich

Warum heißt der Maxfelsen eigentlich Maxfelsen? Na, weil da immer der Jägerbursche Max auftaucht, bevor er in die Wolfsschlucht hinabsteigt, die Freikugeln zu gießen. 

„Ha, furchtbar gähnt der düstre Abgrund!“ Andreas Gärtner, Chef der Felsenbühne, kann den Text beinahe auswendig, so lange steht der „Freischütz“ in Rathen schon auf dem Spielplan. Die Kulisse aus schroffem Stein ist für das Stück ideal. Die Zuschauer lieben es. Zuweilen bemerkt Andreas Gärtner aber auch bange Blicke im Publikum, vor allem bei den Flachländern: Ob das alles hält?

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Amselfallbaude, Kirnitzschtal, Basteiaussicht, jetzt auch noch die Steinschleuder – Probleme mit tatsächlichen oder drohenden Felsstürzen scheinen sich festgesetzt zu haben in den Schlagzeilen. Das Rathener Gebiet mit seinen besonders weichen Formationen steht dabei im Mittelpunkt. Die Felsenbühne jedoch kommt in den Meldungen nicht vor. Macht die Erosion einen Bogen um den Wehlgrund?

Sabine Kulikov hat die Wanderschuhe angezogen und stiefelt mit dem Geologen-Gliedermaßstab in der Hand durch den Felsenbühnensand. Klar bröselt der Stein auch hier, sagt sie. „Damit müssen wir uns abfinden.“ Mit den drohenden Gefahren aber nicht. Sabine Kulikov, Ingenieurin für Geotechnik beim Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie, begutachtet jedes Jahr vor Beginn der Spielzeit den Zustand der Felsen rund um das Freilichttheater. Dabei sucht sie nach akuten, aber auch nach mittelfristigen und langfristigen Sanierungsfällen. Weil gezielt Besucher an diesen Ort gelenkt werden – 2017 kamen 58 000 – gilt, anders als meistens in der freien Natur, die Verkehrssicherungspflicht. „Den Leuten darf nichts passieren.“

Die Freibergerin Kulikov, die in Moskau studierte, kennt den Elbsandstein sehr gut. Seit 1982 geht sie hier klettern, war auch schon im Wehlturmmassiv oberhalb der Felsenbühne. „Da macht das Klettern keinen Spaß.“ Der Fels sandet extrem ab, sagt sie. „Rathen ist ein Buddelkasten.“ Das Bindemittel zwischen den Sandkörnern verliert seine Wirkung. Wieso gerade hier? „Das ist die Mystik des Sandsteins.“

Instabil wird der Stein vor allem dort, wo einsickerndes Wasser auf eine undurchlässige Schicht trifft. Dann fließt es seitwärts weiter und wäscht dabei Fugen aus. Hinter den Marterpfählen von „Winnetou“ ist ein besonders eindrucksvolles Exemplar zu sehen, in das Frau Kulikov demonstrationsweise ihren Maßstab schiebt. Viele Meter weit reicht diese Fuge in den Felsen hinein. Die klaffende Öffnung wurde schon vor Jahren untermauert, ein bewährtes Mittel, das man hier an vielen Felspartien antrifft, ausgeführt nicht in Spritzbeton, sondern in Sandstein. So passt es eben.

Wahrzeichen Wehlturm: Jährliche Laserscans erkennen jede Bewegung im Massiv.
Wahrzeichen Wehlturm: Jährliche Laserscans erkennen jede Bewegung im Massiv. © Dirk Zschiedrich
Fugen wie diese unterhalb des Wehlturms entstehen durch Wasseraustritte. Werden sie zu groß, wird untermauert.
Fugen wie diese unterhalb des Wehlturms entstehen durch Wasseraustritte. Werden sie zu groß, wird untermauert. © undefined
In Bauchlage versucht der Autor, den Zeiger in einer Messdose abzulesen.
In Bauchlage versucht der Autor, den Zeiger in einer Messdose abzulesen. © undefined
Dieses Messgerät oberhalb der Bühne überwacht die Kraft der Anker im Fels.
Dieses Messgerät oberhalb der Bühne überwacht die Kraft der Anker im Fels. © undefined
Schutz vor Geröll-Lawinen: Bühnenleiter Andreas Gärtner zeigt den neuen Fangzaun hinterm Regiegebäude.
Schutz vor Geröll-Lawinen: Bühnenleiter Andreas Gärtner zeigt den neuen Fangzaun hinterm Regiegebäude. © undefined

Am Maxfelsen gibt es ein aktuelles Problem: Eine Kluft schneidet hier ein Steinstück vom Hauptteil des Felsturms ab. Genau auf dieser Scholle aber liegen die Träger einer kleinen Brücke, die den Schauspielern, auch Freischütz Max, effektvolle Auftritte ermöglicht. Hier herrscht Handlungsbedarf. Der Plan ist, die Träger bis auf den Hauptteil des Massivs zu verlängern. So würde die Brücke stehenbleiben, sollte das Felsstück einmal abbrechen.

Sabine Kulikov gibt Empfehlungen. Sie umzusetzen ist Aufgabe der Nationalparkverwaltung. Für Sicherungsaufgaben am Theater sind dieses Jahr 67 000 Euro eingeplant, heißt es. Doch es geht nicht allein um Geld, sondern um die Vereinbarkeit mit dem Wahlspruch des Nationalparks, Natur Natur sein lassen, der grundsätzlich auch für die Felsenbühne gilt. Doch jeder Grundsatz hat seine Ausnahme, sagt Nationalparkchef Dietrich Butter. „Wenn eine akute Gefahr besteht, müssen wir etwas tun.“ Ein Rezept gibt es dafür nicht, sagt Butter. Jeder Fall müsse einzeln betrachtet werden, um so wenig wie möglich in die Natur einzugreifen. Mit seinen Vorstellungen muss der Nationalpark das Regierungspräsidium überzeugen. Bisher sei immer eine Lösung gefunden worden, sagt der Parkleiter. Dass die Bühne einmal schließen müsse, das wolle letztlich keiner.

Kritisch war die Situation zu Beginn der 1990er. Da fürchtete man, eine dreieinhalb Meter ins Bühnengelände ragende Sandsteinbank könnte abbrechen. Der Spielbetrieb stand infrage. Die Lösung: Oberhalb der Felsnase wurde ein Balken aus Beton gegossen. Von diesem Widerlager aus führte man mächtige Anker aus verdrilltem Draht in das gefährdete Massiv ein. Andreas Gärtner, der Bühnenchef, half damals mit, die Trossen hinauf auf den Vorsprung zu schleppen, mitten im Dezember, 600 Kilo das Stück. „Es war extrem!“

Heute wissen nur noch Kenner wie Sabine Kulikov, wo das gewaltige Korsett aus Beton und Stahl vergraben liegt. Aus dem Kraut lugen Röhren mit Messgeräten. Frau Kulikov klappt Deckel zurück, besieht Zeiger. Alles in Ordnung mit der Ankerkraft. Nebenher nascht sie Blaubeeren, schaut in die Landschaft. Sie ist gern hier, bei den Felsen. Das Gestein hat viel mitzuteilen, sagt sie, Geschichten aus fernen Zeiten. „Zumindest dem, der sie lesen kann.“

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