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Die Frau für alle Fälle

Mandy Zückmantel organisiert die Pirnaer Notaufnahme. Eine Visite an vorderster Front des Krankenhausbetriebs.

© Marko Förster

Von Jörg Stock

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Pirna. Die Uhr geht gen Frühstück, da ist der Arbeitstag des Installateurs Steve Reichelt schon vorbei. In einem Haus in Bahra lockert er Mauerwerk an einem Schlot, als plötzlich ein Brocken herabfällt. „Und da war die Hand drunter“, erzählt er. Er hat noch die staubige Arbeitskluft an, Zollstock in der Hosentasche, als er im Eingriffsraum auf die Liege rutscht. Es ist der Ort für chirurgische Wundversorgung, für alles, was blutig ist, so sagen die Schwestern. Steves rechter kleiner Finger ist blutverschmiert. Haarsträubend schief steht der Nagel. Der Handwerker wirkt gefasst. Schmerz hat er keinen mehr, den hat man weggespritzt. Auf einem sterilen Tischlein liegen Nadel und Faden bereit. Es ist Montag. Ferien für die Schulkinder. Auch viele Hausärzte machen frei. Ein Grund dafür, wieso in der Notfallambulanz des Klinikums Pirna alles andere als Entspannung herrscht. Seit dem frühen Morgen sind schon um die dreißig Patienten eingetroffen, sagt Mandy Zückmantel, die Stationschefin. Und der Zulauf hält an. Ehe die Leute zu Vertretungsärzten laufen, die sie nicht kennen, so sagt die Erfahrung, kommen sie lieber in die Klinik.

In der Notfallambulanz

Momentan, es geht gegen halb elf, sind gut zwanzig Patienten auf der Station. Mandy Zückmantel, 44, kurzer Schopf, blaue Schwesterntracht, Schrittzähler am Handgelenk, überschaut den Warteraum, schaut in die Gesichter. Alles in Ordnung? Geht es jemandem schlechter? Nicht auf die Lautstarken, die Fordernden achtet sie vor allem, sondern auf die Stillen. Im Fernsehen läuft Neues von der Börse. Frau Zückmantel, die Wintersport mag, stellt jetzt öfter mal Olympia an, „damit es nicht so langweilig ist.“ Aufgerufen wird zwar jeder. Aber nicht der, der zuerst kommt, mahlt hier zuerst, sondern der, der am dringendsten einen Arzt braucht.

Die Notaufnahme ist die vorderste Front der Krankenhausmedizin. Im Pirnaer Klinikum kommt etwa die Hälfte aller stationär aufgenommenen Patienten aus der Notfallambulanz. Insgesamt stellten sich voriges Jahr rund 33 000 Menschen auf der Station vor. Pro Schicht arbeiten hier drei Pflegefachkräfte und zwei Ärzte. An den Betten steht Überwachungstechnik für alle Lebensfunktionen. Doch es gibt nur 15 Plätze. „Wir müssen filtern“, sagt Mandy Zückmantel, „sonst schaffen wir das nicht.“ Der Filter heißt Triage, ein international übliches Verfahren zur ersten Einschätzung von Notfallpatienten. Jeder wird von geschulten Pflegern nach den Symptomen befragt und dann in eine von fünf Dringlichkeitsgruppen eingeordnet, von rot – sofortige Behandlung, bis blau – Fall für den Hausarzt. Welche Antworten in welche Kategorie führen, wird nicht an die große Glocke gehängt. Man will vermeiden, dass jemand gezielt flunkert, um schneller einen Arzt zu sehen.

Mandy Zückmantel hat heute Triage-Dienst. Am Rechner klickt sie die Liste auf: momentan keine roten oder orangen Fälle. Aber drei gelbe. Ein Herr mit Atemnot und einer mit Thoraxschmerzen. Und Steve Reichelt, der Installateur, mit dem gequetschten Finger. Nachdem ihn sein Arbeitskollege hergefahren hatte, so erzählt er, ging alles sehr schnell, keine lange Wartezeit. Das macht Triage. Gelb heißt dringend. Höchstens dreißig Minuten sollten bis zum Arztkontakt verstreichen.

Wer grün oder blau hat, muss sich gedulden, manchmal Stunden. Der Klassiker: Rückenschmerzen. Mancher hat seit Wochen Beschwerden. Häufig war er nicht mal beim Hausarzt. Warum er dann ausgerechnet sonntagmittags in die Notaufnahme kommt, um das abzuklären? Mandy Zückmantel weiß es nicht. Aber sie redet mit allen, auch mit denen, die keine Notfälle sind, sagt, dass man sich kümmert, aber dass es eben dauert. Meist hilft das. Nicht nur aufs Medizinische kommt es an in diesem Job, sagt sie, sondern auch aufs Psychologische. Klar, man muss sich auch mal anmeckern lassen. Für gewöhnlich steckt sie das weg. Mitunter aber auch nicht. „Ich bin ja auch nur ein Mensch.“

Manchmal, wenn sich einer gar zu sehr aufregt, nimmt sie ihn mit hinter die Kulissen. „Dann zeige ich dem, was hier los ist.“ Vom Fenster des Dispositionsraumes aus, Frau Zückmantels Zentrale, sieht man jetzt die Fälle, die trotz Überwachungsmonitor im Blick bleiben sollen: Links ein alter Herr mit Lungenentzündung, dann eine Frau mittleren Alters, Verdacht auf Herzinfarkt, dann ein Mann, der beim Zahnarzt zusammenklappte. Der Herr ganz rechts redete plötzlich wirr, war vergesslich – Hinweise auf ein Problem im Kopf, möglicherweise ein leichter Schlag. In den meisten dieser Fälle dauert es vier, fünf Stunden, bis die Laboranalysen und Durchleuchtungen Gewissheit bringen, wie es weitergeht, bis das Bett wieder verfügbar ist.

Für Steve Reichelt wird es ernst. Chirurg Frank Holfeld steht an seiner Seite, reibt die verletzte Hand mit Desinfektionslösung ab, erklärt, dass der Fingernagel zurück in sein Bett muss, als Schiene für den neuen, der mal wachsen soll. Herr Reichelt äugt auf die Finger des Doktors und auf seine eigenen. „Schauen Sie nicht hin“, sagt die Schwester, „das hat keinen Zweck.“ Flink treibt der Arzt eine gekrümmte Nadel durch die Wunde, schlingt Knoten. Der Patient beißt die Zähne zusammen. Offenbar sind nicht alle Nerven lahmgelegt. Doch schon ist die OP vorbei. Der Arzt besieht zufrieden das Ergebnis: „Sieht schon wieder aus wie ein Finger!“

Ein Fall ist abgehakt. Aber draußen warten neue. Ein Notarzt der Luftrettung tritt von einem Bein aufs andere, will seinen Patienten übergeben. Medikamentenüberdosis. Er hat es eilig, muss wieder in die Luft. Vom Portal, wo die Rettungswagen halten, rollen Sanitäter Patient auf Patient heran, betagte Leute zumeist. Auch sie müssen sich anstellen, bis ein Pfleger, der vielleicht gerade beim Herzkatheter sitzt oder im Gipsraum, Zeit hat für die Übernahme. Die Sanis kennen das schon und ulken, rau aber herzlich. „Stau auf der Autobahn!“

Mittlerweile ist ein halbes Dutzend Leute auf dem Gang geparkt. Menschen mit Zetteln und Klemmbrettern laufen hin und her, Weißkittel kommen und gehen. Mittendrin hantiert Mandy Zückmantel, ordnet, organisiert, spricht in Telefonhörer, besorgt Betten, besorgt Krankentransporte, tröstet eine alte Frau, die gerade die Nerven verliert. Und bleibt ruhig dabei, behält ihr Lächeln. Vielleicht liegt es daran, dass sie seit 25 Jahren in Rettungsstellen arbeitet. Es hat ihr immer Spaß gemacht, sagt sie. „Man kann viel Gutes tun.“ Sie schaut auf ihren Schrittzähler. Knapp sechs Kilometer bisher. Zehn bis elf können es werden in einer Schicht. Aber nicht heute. Die Ablösung kommt. Es ist immer noch voll. 72 Patienten werden am Ende des Tages auf der Liste stehen. Bis der letzte versorgt ist, wird es wohl Mitternacht sein.