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Die Frau von der Wartburg

Erika Mühle hat dreißig Jahre lang die Gaststätte am Horkaer Güterbahnhof geleitet. Nun kommt die Magistrale.

© André Schulze

Von Katja Schlenker

365 Tage für Patienten da

Die Dresdner City-Apotheken bieten mehr, als nur Medikamente zu verkaufen. Das hat auch mit besonderen Erfahrungen zu tun. Was, wenn Sonntagmorgen plötzlich der Kopf dröhnt oder die Jüngste Läuse mit nach Hause gebracht hat?

Ein Bild ist geblieben. Darauf ist Erika Mühle gemeinsam mit ein paar Grenzern zu sehen. Sie stehen vor der ehemaligen Gaststätte Wartburg am Horkaer Güterbahnhof. Das Foto ist sorgsam ins Album eingeklebt. Die Zahl 1963 steht über dem Bild. „Damals war der Eingang noch ohne Vorraum wie jetzt“, sagt die Biehainerin. Im Januar 1960 übernahm Erika Mühle die Gaststätte im Auftrag des Konsums und leitete den Betrieb dreißig Jahre lang. Auch ihre Schwester Marianne half in der Gaststätte. Nun wird hier die Niederschlesische Magistrale ausgebaut. Und das bringt auch viele Erinnerungen zurück.

„Es war immer viel Leben in der Wartburg“, sagt die heute 83-Jährige. „Vor allem die Spätschicht war oft lustig, wenn alle ein bisschen was getrunken hatten.“ Auch der Zusammenhalt war groß. Von 9 Uhr früh bis Mitternacht hatte die Wartburg geöffnet. In zwei Schichten wurde gearbeitet. „Und wir mussten immer pünktlich zumachen“, erzählt Erika Mühle. „Denn der Zoll und die Staatssicherheit waren alle da am Güterbahnhof und hätten das Licht gesehen.“ Aber vielleicht war das auch gar nicht so schlecht. Denn nach Feierabend machte sich Erika Mühle stets mit ihrer schwarzen Geldtasche und allerhand Barem darin auf den Weg nach Hause. „Angst gehabt habe ich nicht“, sagt sie. „Mich hat auch nie einer angepackt.“ Dabei hatte sie mitunter um die 2 000 Mark dabei.

Besonders beliebt war das Wellfleisch-essen in der Gaststätte. Dafür holte Erika Mühle Schweineköpfe vom Fleischer. „Die habe ich dann im Ganzen gekocht und aufgebrochen“, erzählt die Biehainerin. Dadurch löste sich das Fleisch gut in Scheiben. Selbst aus Biehain und Uhsmannsdorf kamen die Leute, um mitzuessen. Und wenn das Lohnpersonal feierte, gab es oft Tatar aus Hackepeter, einem Eigelb drauf sowie Salz und Pfeffer. „Manchmal haben wir schon früh um 7 Uhr angefangen, um das Fleisch vorzubereiten“, sagt Erika Mühle.

Dass die Wartburg heute leer steht, schmerzt die Biehainerin. „Jeder schüttelt den Kopf, wie das jetzt aussieht“, sagt Erika Mühle. Oft geht sie an den Bahngleisen spazieren, schaut wie viele andere Biehainer, was sich an der Magistrale-Baustelle tut. Dass sie den Ausbau der Strecke von Knappenrode über Horka bis an die polnische Grenze noch einmal erlebt, daran hat sie nicht mehr so richtig geglaubt. Und mittendrin am Güterbahnhof zwischen den Gleisen und dem Lager der Deutschen Bahn AG steht einsam die „Wartburg“.

Die Fläche des ehemaligen Gasthofs „Wartburg“ befindet sich in Privatbesitz, erklärt Sprecher Michael Baufeld von der Deutschen Bahn AG. Während des Ausbaus am Güterbahnhof ist ein Teil des Grundstücks angemietet. Das Gebäude an sich jedoch nicht. „Über das weitere ,Schicksal‘ des Gebäudes und der Fläche entscheidet also der Eigentümer“, sagt Michael Baufeld. Denkmalgeschützt ist das Gebäude jedenfalls nicht, wie Sprecherin Marina Michel vom Landratsamt in Görlitz erklärt. Insofern bleibt zunächst offen, ob die Biehainer weiter dabei zuschauen müssen, wie das Gebäude verfällt.

Im September 2009 hatte die Freiwillige Feuerwehr Horka das Gebäude noch für eine Übung genutzt, wie in deren Einsatztagebuch im Internet nachzulesen ist. Damals wurde Rauch in der alten Gaststätte bemerkt. Bereits acht Minuten nach Alarmierung war das erste Fahrzeug an diesem Donnerstag vor Ort, drei Minuten danach das nächste. Innerhalb kurzer Zeit wurden der Übungsbrand gelöscht und die Personen im Gebäude gerettet.

Noch ein anderes Ereignis ist vielen Biehainern bis heute im Gedächtnis geblieben. Am 3. Dezember 1988 versagten die Bremsen eines polnischen Güterzugs. Der fuhr daraufhin einfach durch den Bahnhof in Bielawa Dolna und prallte in der Nähe der Brücke zwischen Kahle Meile und Zentendorf mit einem Personenzug zusammen. Fünf deutsche und drei polnische Eisenbahner starben, drei weitere wurden verletzt. Bis heute erinnert sich Erika Mühle, wie ihr Mann Ingbert damals in die Wartburg kam und vor sich hin druckste. Schließlich brachte sie ihn zum Reden und er erzählte ihr von dem schweren Unfall.

Vieles über die Geschichte Biehains hat Ingbert Mühle aufgeschrieben, auch zur Feuerwehr, die 2014 ihr 80-jähriges Bestehen gefeiert hat. Nachdem ihr Mann vor einigen Jahren gestorben ist, hat Erika Mühle viele seiner Aufzeichnungen weitergegeben, etwa an Ortsvorsteher Jörg Koltermann. So bleibt das Wissen für die nachfolgenden Generationen erhalten.

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