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Die fünf Leben der Herrnhuter Schule

Unzählige Klassen lernten hier einst Haus- und Landwirtschaft oder das ABC. Nun ziehen erneut Grundschüler ein.

© Matthias Weber

Von Anja Beutler

Herrnhut. Willem Riecke spaziert durch helle, lichte Klassenräume, späht in einen Wandschrank und schmunzelt über ein Schild mit der Aufschrift „Lesen gefährdet die Dummheit“. Ein bisschen beneidet der Herrnhuter Bürgermeister die Grundschüler, die hier nach den Ferien für einige Wochen einziehen werden. Denn das alte Schulhaus liegt herrlich ruhig und mitten im Grünen im Civitatenweg und ist als Ausweichquartier für die Ruppersdorfer Grundschüler gedacht, die während der Bauarbeiten an ihrer eigenen Schule bis zu den Herbstferien hier lernen werden.

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Das Haus hat in Herrnhut Schulgeschichte geschrieben, war Allgemeine Berufsschule, Landwirtschaftsschule, Grund- und Förderschule. Nun ziehen erneut Grundschüler ein.
Das Haus hat in Herrnhut Schulgeschichte geschrieben, war Allgemeine Berufsschule, Landwirtschaftsschule, Grund- und Förderschule. Nun ziehen erneut Grundschüler ein. © Matthias Weber
Siegfried Wunderlich lehrte nach Kriegsende bis 1964 an der Berufsschule in Herrnhut, zehn Jahre leitete er sie auch.
Siegfried Wunderlich lehrte nach Kriegsende bis 1964 an der Berufsschule in Herrnhut, zehn Jahre leitete er sie auch. © Beutler

Das 90 Jahre alte Haus hat freilich selbst schon unzählige Schülergenerationen erlebt: Zuerst war hier eine allgemeine Berufsschule untergebracht, die von umliegenden Gemeinden – von den heutigen Herrnhuter Ortsteilen bis nach Ober- und Niedercunnersdorf – finanziert und organisiert wurde. In den Jahren nach dem Krieg bis 1964 ging es in den Klassenzimmern um Haus-, vor allem aber um Landwirtschaft. Später, ab 1992 bis zur Jahrtausendwende, richtete Herrnhut hier die Grundschule ein, erinnert sich Altbürgermeister Rainer Fischer. Danach kam die Förderschule und verließ das denkmalgeschützte Haus erst vor einem Jahr, um in den Neubau am Zinzendorfplatz zu wechseln.

Siegfried Wunderlich ist einer von denen, die mit dem Schulgebäude eng verbunden sind. Der heute 93-Jährige stammt aus Niederrennersdorf, wo sein Vater einst Bürgermeister war. Lehrer hatte er zwar nie werden wollen, aber als Kriegsversehrter mit Beinamputation hatte der junge Landwirt keine Wahl. „Bis 1964 haben wir die Lehrlinge hier in Tierzucht und Pflanzenproduktion unterrichtet“, erinnert er sich. Und in Fächern wie Deutsch, Mathe und Chemie natürlich auch, betont er. Zehn Jahre – bis 1964 – leitete der Rennersdorfer die Einrichtung sogar. Auch seine Frau, die damals ihre Hauswirtschaftslehre im gleichen Gebäude absolvierte, lernte er hier kennen. An die Zeiten erinnert sich Siegfried Wunderlich noch heute gern. Vier bis fünf Klassen mit bis zu 30 Lehrlingen hatte die Schule immer – wohl auch wegen des Engagements des Schulleiters, denn der warb für seine Schule bis nach Dresden. 1964 aber kam mit einer Neuordnung der Ausbildung das Aus und das Gebäude stand viele Jahre leer.

Bis Gertraud Winkler mit den Grundschülern kam. Denn mit der Wende änderte sich das Bildungssystem und so zog 1992 wieder Leben in die alten Mauern. „Haus und Lage sind ideal“, sagt die Lehrerin rückblickend. Zehn Jahre, so schätzt sie, habe sie in dem heute unter Denkmalschutz stehenden Haus die Kleinsten unterrichtet. Danach zogen die Grundschüler in die neue Schule nach Ruppersdorf um. „In den letzten zwei, drei Jahren waren parallel schon erste Förderschulklassen mit im Haus“, erinnert sie sich. Noch in diesen Zeiten – so weiß Altbürgermeister Fischer hinzuzufügen – wohnte im zweiten Stock das Hausmeisterehepaar mit in dem Gebäude.

In diesem Haus Wohnungen einzurichten – das könnte sich auch Bürgermeister Willem Riecke (Herrnhuter Liste) vorstellen. Denn die Lage ist wahrlich ideal. „Aber es ist eben ein Zweckbau, das spricht eher gegen eine solche Nutzung“, sagt er. In der Tat ist das Haus von einer schlichten Eleganz – und doch etwas Besonderes. Dass es unter Denkmalschutz steht, liegt an seiner Bauart, die genauso gehalten ist wie die sogenannten Tessenow-Häuser in der Gartenstadt Hellerau. Und das macht die alte Herrnhuter Schule zu einem Kleinod der Reformarchitektur.

Wegreißen will die Stadt das Haus ohnehin nicht, denn es ist alles gut in Schuss, in den 90ern modernisiert. „Ich bin sicher, dass dieses Haus nicht leer stehen wird“, sagt Riecke. Vielleicht, so hört man immer wieder, wird die Evangelische Schulstiftung das Gebäude ja für die Zinzendorfschulen einmal brauchen?

Zunächst aber lebt die alte Grundschul-Ära hier neu auf. In der kommenden Woche startet der Umzug von Ruppersdorf nach Herrnhut. Grünes Licht gibt es auch von all den Ämtern, die mitzusprechen haben: „Von der Unfallkasse bis zum Landesjugendamt ist alles durch“, sagt Riecke erleichtert. Einer kurzen neuen Schulepisode steht nichts mehr im Weg.