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Die Glücklichen von Reinhardtsdorf

Im Sommer spielten die Bürger Landschaftstheater. Im neuen Stück geht’s um Pech. Die Mimen freuen sich schon drauf.

© Daniel Koch

Von Jörg Stock

Kleingießhübel hat Pech gehabt. Und deshalb ist das Glück auch nicht weit. Von beidem ist immer etwas dabei im Leben, hier und überall. Aber nur hier wird ein Landschaftstheater daraus gemacht. Uli Jäckle, Professor für Kunst in Aktion und freischaffender Regisseur, will es auf die Bühne bringen und ruft alle, die sich berufen fühlen, zum Zugucken und Mitmachen auf: „Alle Pechvögel und Glücksritter haben ihr Zentrum in Kleingießhübel!“.

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© Marko Förster
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An die sechzig Berufene kamen gestern Nachmittag ins Reinhardtsdorfer Sport- und Freizeitzentrum, gut gelaunt, wie zur Familienfeier: großes Hallo, großes Drücken. Es ist wirklich eine Art Familie, die sich verflossenen Sommer beim ersten Landschaftstheater der Region gefunden und miteinander gespielt hat. „Der Fall aus dem All“ handelte vom schrägen Zusammentreffen Sächsischer Schweizer mit Aliens, Romantikmaler Caspar David Friedrich, verirrten Italien-Touristen und Kaiser Napoleon. Ungefähr 2 000 Menschen haben das Stück gesehen. Als es vorbei war, waren die Schauspieler traurig. So saßen sie gestern gespannt vor Regisseur Jäckle, um sich seinen neuen Coup anzuhören.

Warum also Kleingießhübel? Es ist der Teil von Reinhardtsdorf-Schöna, der beim letzten Mal „unterschlagen“ worden sei, sagt der Theatermann. Dabei gebe es dort etwas sehr Spezielles: sagenhaft gutes Pech. Mit Pech und seinem Gegenpol, dem Glück, kann man viele Geschichten erzählen, kann man wunderbar fabulieren. Allzu viel will Jäckle gar nicht verraten von seinen Ideen. „Was genau daraus wird, weiß man erst, wenn man spielt.“

Die Idee mit dem Pech hat jedenfalls einen authentischen Kern. In den Wäldern rings um Kleingießhübel stellte man in alter Zeit mittels Pech-Öfen Wagenschmiere her. Mit dem Teerprodukt präparierten Fuhrleute die hölzernen Achsen ihrer Vehikel. Das Theaterstück setzt 1961 ein, im Jahr des Mauerbaus. Das Kleingießhübeler Pech ist jetzt kein hilfreicher Schmierstoff mehr, sondern eine Geheimwaffe im Kalten Krieg. Verschiedene Parteien, darunter machtversessene Politiker und verschlagene Geheimdienstler, trachten danach, die Rezeptur des Pechs an sich zu bringen, um den Stoff ihren Gegnern an die Hacken zu schmieren, auf dass sie ewig Pech haben und auf der Verliererstraße versauern müssen. Das Pech spült Geld in die Gemeindekasse und die Frage stellt sich, was man zum Glück braucht. Ist es die Natur und Abgeschiedenheit des Örtchens, die Wildnis? Oder sollte man diese Wildnis doch zurückschlagen, sie einzäunen, asphaltieren?

„Wildnis“ – so viel steht fest – wird das neue Landschaftstheaterstück von Reinhardtsdorf-Schöna und Umgebung heißen. Wie das Vorprodukt wird es eine Gemeinschaftsaktion von Uli Jäckle, dem Hildesheimer Theater Aspik und der Bürgerbühne des Staatsschauspiels Dresden werden. Die Akteure sollen erneut ganz normale Einwohner der Sächsischen Schweiz sein. Alle Altersgruppen sind gefragt, vom Kleinkind bis zum 99-jährigen Greis. Vorkenntnisse im Schauspiel werden nicht verlangt, das bekräftigte Regisseur Jäckle gestern noch einmal. „Jeder kann mitmachen.“

Wie schwierig ist es, mit Laien Theater aufzuführen? Uli Jäckle mag das Wort Laien nicht. Er sagt Mitspieler. Und was heißt Laien? Jeder kann spielen, sagt Jäckle. Jeder ist in irgendeiner Form theatral wirksam. „Spielen wir nicht jeden Tag jemandem etwas vor?“ Die Kunst, sagt er, besteht darin, zu erkennen, wie die Leute, die Mitspieler, drauf sind, was sie können und wollen und was nicht. Und dann geht es darum, ihnen Mut zu machen, Dinge zu tun, die sie sonst nicht tun würden. „Die ganze Kunst ist vor allem Pädagogik“, stellt der Regisseur fest.

Für Jäckle ist es falsch zu glauben, Theater fände vor allem auf der Bühne statt. Seiner Ansicht nach passiert Theater im Raum zwischen Bühne und Publikum bei der Kommunikation zwischen Schauspielern und Zuschauern. Daher schätzt er das Landschaftstheater mit Bürgerbeteiligung. Die Distanz zwischen beiden Seiten ist weit geringer als im Schauspielhaus.

Etwa sechzig Darsteller brauchen die Landschaftstheatermacher für ihre „Wildnis“. Gestern trugen sich bereits rund fünfzig Leute ein. Weitere Mitspieler sind willkommen. Die Proben beginnen am 2. März 2014. Am 28. Juni soll Premiere sein.

Wer bei „Wildnis“ mitspielen will, meldet sich beim Staatsschauspiel Dresden unter 0351 4913740

[email protected]