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Politik

Die Grenze öffnet sich für Schmuggler

Die Grenze der spanischen Nordafrika-Exklave Ceuta gehört zu den am besten bewachten der Welt. Doch für Schmuggler ist sie nicht komplett dicht.

Rechts geht es nach Ceuta, der streng bewachten spanischen Exklave. Links der Rückweg nach Marokko, mitsamt der schweren Schmuggelfracht.
Rechts geht es nach Ceuta, der streng bewachten spanischen Exklave. Links der Rückweg nach Marokko, mitsamt der schweren Schmuggelfracht. © Martin Dahms

Von Martin Dahms

Kurz vor dem ersten Grenzhäuschen macht der Weg einen Knick nach rechts. Gleich darauf kommt eine leichte Unebenheit im Asphalt. Da bleibt jede zweite Frau mit ihrem Karren hängen. Dann greift der junge spanische Wachmann ein, der hier für alle Fälle steht, hilft ruckelnd, ziehend oder schiebend, bis die Frau ihren vollbepackten Wagen wieder in Bewegung gebracht hat und den von Geländern markierten Pfad zum marokkanischen Grenzposten einschlägt. Es ist ein tägliches absurdes Theater an diesem Knick.

Die Frauen nehmen das Hindernis gelassen, sie lachen viel, nur einmal keifen sich auch welche an. Eine Alte kommt humpelnd vorbei, ihre Krücke hat sie oben quer auf den Packen gelegt, den sie mühsam auf einer Sackkarre vorwärts schiebt. Auch ihr hilft der junge Wachmann. Und natürlich der Blinden, die sich mit einem Stock in der einen Hand vorwärts tastet und mit der anderen einen Einkaufstrolley hinter sich herzieht. „Hier wird’s nicht langweilig“, kommentiert der freundliche Mann in der Uniform eines privaten Sicherheitsdienstes.

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Nicht nur der Knick, die ganze Lage ist absurd. Hier ist Ceuta, ein winziges Stück Spanien in Afrika, und dort Marokko, das Ceuta für sich beansprucht und deswegen so tut, als gäbe es keine Grenze. Dabei ist sie nicht zu übersehen. Um Ceuta und das 350 Kilometer entfernte Melilla ziehen sich die einzigen Landgrenzen zwischen einem europäischen und einem afrikanischen Staat. Sie sind schwer gesichert, mit sechs Meter hohen und mit Natodraht bewehrten Zäunen, die demnächst auf zehn Meter erhöht werden sollen.

Die Botschaft ist klar: Hier soll keiner rüber. Zugleich ist die Grenze so durchlässig, wie man sich nur denken kann. Fürs Geschäft. Und für die Leute, die dieses Geschäft erst möglich machen: die Frauen – und Männer – mit ihren Karren. Die Lage ist, wie gesagt, absurd. „In einer idealen Welt“, sagt Alfonso Sanz, Finanzrechtsexperte der Universität in Cádiz, „müssten diese Leute Angestellte marokkanischer Import-Export-Unternehmer sein.“

Auch die blinde Frau, die sich mit ihrem Stock vorwärts tastet und einen Karren hinter sich herzieht, bekommt Hilfe von den Wachleuten.
Auch die blinde Frau, die sich mit ihrem Stock vorwärts tastet und einen Karren hinter sich herzieht, bekommt Hilfe von den Wachleuten. © Martin Dahms

Hier ist aber keine ideale Welt, sondern die Grenze von Ceuta. Über die lässt Spanien von montags bis donnerstags abwechselnd Männer und Frauen in die Stadt, damit sie sich bis oben hin mit Schmuggelware beladen und sie nach Marokko schaffen. Man nennt diese Leute hier porteadores, Träger, weil sie die Waren bis vor Kurzem auf dem Rücken über die Grenze schleppten, wie Lastesel.

„Da sahst du Frauen von 40 oder 50 Jahren mit einem Gewicht auf den Schultern, das wir nicht heben könnten“, sagt Alfonso Cruzado von der Guardia Civil in Ceuta. Er ist 58 Jahre alt und seit mehr als 30 Jahren Guardia-Civil-Polizist in seiner Heimatstadt. Er weiß, wie das hier früher aussah. „Jetzt ist es perfekt“, sagt er in einem Moment des Überschwangs beim Blick auf die wohlsortierten Reihen der Frauen mit ihren Karren. Natürlich ist nichts perfekt. Und niemand ist bei einem Import-Export-Unternehmen angestellt.

Die Welt ist also keine ideale, an dieser Grenze schon gar nicht, wo das Prokopfeinkommen auf der einen Seite neun Mal höher ist als jenes auf der anderen.

Darum reihen sich die Frauen und die Männer bereits früh abends mit ihren Karren in der Schlange auf der marokkanischen Seite der Grenze nach Ceuta ein. „Gestern bis zum Hotel Ibis, das sind mehr als drei Kilometer“, erzählt Juan Hernández, Kabinettschef beim Regierungspräsidium in Ceuta, der sich um das gute Funktionieren der Grenze kümmert.

Dieses lange Schlangestehen würde Hernández gerne wegorganisieren, jetzt im Sommer gehe es ja noch, „aber in Winternächten, bei Kälte und Regen – wir hätten gern, dass das aufhört“. Es hört aber nicht auf, weil die Leute fürchten, vielleicht nicht mehr nach Ceuta eingelassen zu werden, wenn sie zu spät kommen.

Juan Hernández vom Regierungspräsidium in Ceuta ist zuständig für die Grenze.
Juan Hernández vom Regierungspräsidium in Ceuta ist zuständig für die Grenze. © Martin Dahms

Das spanische Versprechen, die Grenze für die porteadores so lange offen zu halten, wie eben nötig, verfängt auf marokkanischer Seite nicht.

Wahrscheinlich deswegen nicht, sagt Hernández, weil die lange Schlange selbst wieder Geschäfte für vielleicht 100 Leute generiert, die Tee verkaufen oder sich als Platzhalter anbieten. Wer sich keinen Platzhalter leisten kann, bindet sich für die Wartestunden eine Windel um – „nein, das ist kein Märchen“, bestätigt der Kabinettschef.

Morgens um acht Uhr öffnet sich die Grenze. Wenn sie alle Kontrollen hinter sich haben, laufen die marokkanischen Frauen etwa hundert Meter zum Gewerbegebiet Tarajal hinauf, einer Ansammlung von Lagerhallen direkt an der Grenze, die nur den einen Zweck haben: den Schmuggel nach Marokko zu organisieren.

Hier ist Endstation für die Lkws, die Waren vom spanischen Festland per Fähre nach Ceuta heranschaffen. Die Weiterfahrt über die Landgrenze nach Marokko ist für Lkws verboten, hier ist keine legale Wareneinfuhr vorgesehen – die läuft über den nicht weit entfernten marokkanischen Hafen Tanger-Med.

Die Waren aus den Lagerhallen von Tarajal landen aber schließlich auch in Marokko: Sie werden von den porteadores mühselig auf Karren vom Gewerbegebiet hinab zum Grenzübergang geschleppt, insgesamt 27 000 Tonnen im Laufe des vergangenen Jahres. Zoll zahlen sie keinen. Stattdessen hat jemand auf marokkanischer Seite, der diese Art von Geschäften organisiert, das geforderte Bestechungsgeld gezahlt. So fließen die Waren, und alle profitieren, nur der marokkanische Zoll nicht. Weil aber alles so gut eingespielt ist, drückt Marokko alle Augen zu. Wer weiß, wie lange noch.

Zurzeit läuft das Geschäft, das die grundlegenden Regeln des internationalen Handels missachtet, mit seinen eigenen, ziemlich präzisen Regeln: Marokko lässt nur eine Handvoll Warengruppen ins Land, vor allem Lebensmittel, Hygieneprodukte und kleinere Haushaltsgeräte. Der Übergang Tarajal 2 öffnet sich nur an vier Tagen der Woche: montags und mittwochs für Frauen, dienstags und donnerstags für Männer. Im August ist er ganz geschlossen. Und die porteadores müssen Karren benutzen. Das ist neu.

Es sei nicht ganz leicht gewesen, sagt Bilal Dadi, „denn einige wollten den Karren nicht, andere schon. Aber jetzt haben wir ihn, und er ist Pflicht.“ Der 32-jährige Dadi ist Chef des Unternehmervereins eines Teilbezirkes im Gewerbegebiet Tarajal, und er hält es seinem jugendlichen Engagement zugute, dass sich hier in letzter Zeit einiges getan hat. Es musste sich aber auch was tun: An der Grenze von Ceuta waren vor zwei Jahren sieben Lastenträgerinnen bei mehreren Unfällen im Gedränge ums Leben gekommen.

Alfonso Sanz ist Rechtsexperte der Universität in Cádiz und sieht das Geschäft eher skeptisch.
Alfonso Sanz ist Rechtsexperte der Universität in Cádiz und sieht das Geschäft eher skeptisch. © Martin Dahms

Damals schleppten die Frauen die Waren weit vornübergebeugt auf dem Rücken und konnten kaum ein paar Schritte nach vorn schauen. Da geschah es schon mal, dass eine Trägerin auf die vor ihr Gehende auflief. Mit den Karren sollte das nicht so leicht passieren. Manche Aktivisten nennen das Leben der porteadores trotzdem immer noch eine „Hölle“. An diesem Tag an der Grenze sieht es nicht danach aus.

Die Frauen selbst öffnen sich nicht leicht zum Gespräch, um die Arbeitsbedingungen aus ihrer Sicht zu schildern. Eine erzählt doch, sie stellt sich als Sahira vor. Sie ist keine porteadora, sondern Haushaltshilfe bei einer Familie in Ceuta, aber nach der Arbeit geht sie bei Bilal Dadis Lager im Gewerbegebiet Tarajal vorbei, um dort ein paar Töpfe zu kaufen, die sie in Marokko wieder verkauft, mit einem Euro Gewinn.

Auch sie ist eine Grenzgängerin, sie wohnt in Fnideq, ein paar Kilometer hinter der Grenze, und um sich zumindest die tägliche Taxifahrt zum Arbeitsplatz leisten zu können, nimmt sie teil an diesem gewaltigen grauen Handel zwischen Ceuta und Marokko. Ihr bleibt auch kaum etwas anderes übrig: Sie ist 50 Jahre alt, arbeitet seit 25 Jahren bei derselben Familie in Ceuta, sechs Tage die Woche, acht Stunden am Tag, und bekommt dafür 290 Euro im Monat. „Ich schwöre es“, sagt sie. „Uns bleibt nichts anderes. Die Reichen sind reich, die Armen haben Hunger.“

Bilal Dadi, der Händler, macht eine energische Handbewegung: „Das ist die Realität. Wir können sie fantasievoll ausmalen, wie wir wollen. Aber das ist es, was man hier jeden Tag erlebt.“

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