merken
PLUS Sport

Die größte Entdeckung des Sommers

Vor zwei Jahren wollte die Dresdner Volleyballerin Camilla Weitzel ihre Karriere beenden. Jetzt überragt die 19-Jährige bei der EM.

Bei allen deutschen Spielen in der Startformation: Camilla Weitzel.
Bei allen deutschen Spielen in der Startformation: Camilla Weitzel. © Grzegorz Michalowski/PAP/dpa

Von Kirsten Copitz

Manchmal muss sich Camilla Weitzel kneifen. „Es ist fast wie ein Traum“, sagt die 19-Jährige und erzählt: „Ich dachte, ich laufe ein bisschen mit. Es ist ja das erste Mal für mich. Dass wir dann noch so erfolgreich sind, hätte ich mir nie vorstellt.“ Nach sechs Siegen in sechs Spielen steht Weitzel mit den deutschen Volleyballerinnen im Viertelfinale der Europameisterschaft und trifft am Mittwoch auf Gastgeber Polen.

City-Apotheken Dresden
365 Tage für Patienten da
365 Tage für Patienten da

Die Dresdner City-Apotheken bieten mehr, als nur Medikamente zu verkaufen. Das hat auch mit besonderen Erfahrungen zu tun. Was, wenn Sonntagmorgen plötzlich der Kopf dröhnt oder die Jüngste Läuse mit nach Hause gebracht hat?

Großen Anteil daran hat Weitzel, die in allen Begegnungen zur Startformation gehörte. „Camilla ist eine der größten Entdeckungen im Sommer“, sagt Bundestrainer Felix Koslowski. Die Mittelblockerin vom Dresdner SC gilt als derzeit größtes Talent auf dieser Position in Deutschland. Koslowski darf sich glücklich schätzen, die Abiturientin im Team zu haben – und das nicht nur wegen ihres großen Potenzials.

Es ist gerade einmal zwei Jahre her, da stellte Weitzel ihre gesamte Karriere infrage. Ein halbes Jahr lang grübelte sie, fertigte sich für ihre Entscheidung sogar eine Pro- und Kontra-Liste an. „Die Gründe für den Volleyball waren nicht mehr, aber triftiger“, sagte sie damals im Gespräch mit der SZ und begründete ihren Entschluss: „Ich habe vier Jahre meines Lebens in den Sport investiert und dabei viel Freude gehabt. Ich will noch viel erreichen – und dafür alles tun, was möglich ist“.

Das hieß: Plan A, also Profivolleyballerin. „Ein anderer Plan ist nicht in Sicht. Ausschlaggebend war, dass wir zwar nicht so viele Dinge außerhalb vom Sport erleben, dafür im Sport umso mehr. Das hat eine super große Wertigkeit. Und dann fing es ja gerade an, spannender zu werden.“

Abitur und glänzende Entwicklung

Im vergangenen Sommer, mit 18 Jahren, unterschrieb sie einen Dreijahresvertrag in Dresden und etablierte sich in der Bundesligamannschaft. „Sie ist eine junge, hochbegabte Spielerin, die weiß, dass sie sich bei uns zu einer Weltklassespielerin entwickeln kann“, erklärt Alexander Waibl, ihr Trainer in Dresden. „Ich bin mir sicher, dass sie ihren Weg gehen wird – und den wird sie noch einige Jahre bei uns machen“, betont der 51-Jährige.

Die in Hamburg geborene und im südpfälzischen Landau aufgewachsene Blondine gehörte bei der durchwachsenen Vorjahressaison ihres Vereins zu den wenigen Gewinnerinnen. Obwohl sie nebenher ein glänzendes Abitur ablegte, entwickelte sie sich speziell in der Schlussphase der Spielzeit bereits zu einer tragenden Säule.

Auf dem Feld kann Camilla Weitzel richtig aus sich herausgehen.
Auf dem Feld kann Camilla Weitzel richtig aus sich herausgehen. © Shutterstock

Danach ging es Schlag auf Schlag. Nach sieben Länderspielen nominierte Koslowski sie für die EM, und das Vertrauen zahlte Weitzel mehr als zurück. In sechs EM-Spielen holte sie 50 Punkte, zehn durch Asse. Am Netz und am Aufschlag präsentierte sich Weitzel besonders nervenstark.

Anfangs war die 1,95 Meter große Weitzel sehr nervös, mittlerweile hat sie sich eingespielt. „Ich versuche, das auf dem Feld auszublenden, weil in dem Moment meine Nervosität keinem etwas nutzt,“ meint sie. In dem wichtigen Spiel gegen den schier übermächtigen EM-Rekordsieger Russland verwandelte sie den Matchball zum Sieg – für Koslowski „die Schleife ums Paket“.

Ihr Vorbild ist auch eine Dresdnerin

Dass sich das große Talent so gut in die Mannschaft fügt, ist auch ein Verdienst Koslowskis und seines Betreuerteams. Der 35-Jährige setzt bei der EM, die erstmals in vier Ländern ausgetragen wird, auf eine sehr junge Mannschaft und spricht gerne von den „jungen Wilden“ – ein Urteil, das Weitzel nicht unbedingt teilt. „Ich glaube nicht, dass ich allzu wild bin. Aber jung stimmt auf jeden Fall“, sagt sie lachend.

Weitzels Vorbild ist die Dresdnerin Christiane Fürst. Die 345-malige Nationalspielerin galt bis zum Rücktritt 2018 als eine der besten Mittelblockerinnen der Welt. Mit Fürst verbindet Weitzel aber nicht nur die Position. Die Abiturientin beschreibt sich selbst als „kopflastig“, auch Fürst ist ein rationaler Typ. „Das sagen die Trainer häufiger, dass wir uns da ähnlich sind“, erzählt Weitzel. Fürst, nach einer Weltkarriere wieder zurück in ihrer Heimatstadt, versteht sich zudem als eine Art außenstehende Mentorin, die ihre legitime Nachfolgerin mit aller Macht vor negativen Einflüssen beschützen will. „Auf meine Camilla lasse ich nichts kommen. Alex (DSC-Trainer Waibl/Anm. d. R.) muss sie richtig entwickeln und auf sie aufpassen“, betonte die dreifache Champions-League-Gewinnern. Wenn nicht? „Dann gibt es Probleme mit mir“, erklärt Fürst augenzwinkernd – und betont, wie wichtig Weitzels Verbleib für die nächsten zwei Jahre in Dresden ist. „Wenn sie dann auf ihrer Position die Liga dominiert, und das Zeug dazu hat sie, steht ihr die ganze Welt offen.“ Fürst weiß, wovon sie spricht. (sid, mit ald)

Mehr zum Thema Sport