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"Die größte Konkurrenz sind illegale Angebote im Netz", sagt der Medienexperte.

Im Jahr 2000 gab es 4500 Videotheken, jetzt sind es noch knapp 600. Ein Experte über die Ursachen des Niedergangs.

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Jörg Weinrich vom Fachverband des Video- und Medienfachhandels
Jörg Weinrich vom Fachverband des Video- und Medienfachhandels © Foto: IVD

Jörg Weinrich ist seit über 20 Jahren beim Interessenverband des Video- und Medienfachhandels in Deutschland und vertritt den Verein seit sechs Jahren als alleiniger geschäftsführender Vorstand in der Öffentlichkeit.

Wann schließt die letzte Videothek in Deutschland?

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Ich kann leider nicht in die Zukunft sehen. Wir haben Verleihbetriebe, die betriebswirtschaftlich sehr gut funktionieren. Außerdem hängt das auch davon ab, ob die Politik etwas gegen Videopiraterie unternimmt im Internet.

Wer oder was ist die größte Konkurrenz zur klassischen Videothek?

Die größte Konkurrenz sind die illegalen Angebote im Netz. Unser Hauptprodukt ist der aktuelle Spielfilm. Über legale Streaming-Dienste wie Video-on-demand bekommt man den nicht oder er ist im Verleih wesentlich teurer als in einer Videothek, wo ein Film für zwei bis drei Euro kostet. Bei Anbietern wie Netflix, die für Serien bekannt sind, gibt es keine aktuellen Spielfilme oder wenn überhaupt, dann erst nach zwei Jahren oder so.

Sind legale Anbieter von Videos im Internet ein Problem für Videotheken, weil die Benutzer für einen Film nicht mehr aus dem Haus gehen müssen?

Nein, sie machen die Umsatzrückgänge im Videothekenbereich nicht wett. Die Dienste haben das gleiche Problem mit Videopiraterie, weil Filme auf illegalen Plattformen gratis angeboten werden. Aktuelle Spielfilme funktionieren bei diesen Anbietern meiner Beobachtung nach auch nicht so toll, auch wegen der hohen Preise. Amazon ist mit seinem Prime-Angebot erfolgreicher, wo ältere Filme nichts kosten oder für wenig Geld ausgeliehen werden können.

Früher waren Videotheken die ersten nach den Kinos, die neue Filme anboten. Ist das immer noch so?

Wir sind nicht mehr die Ersten in der Reihe, aber können neue Filme in der Regel zeitgleich mit dem Verkauf im Handel anbieten. Ab und zu gibt es auch den Fall, dass man die Filme schon elektronisch kaufen kann, bevor sie in die Videothek kommen.

Wie viele Filme hat eine Videothek durchschnittlich im Bestand?

Im Schnitt waren es bundesweit immer 5000 bis 6000 pro Videothek. Darin mitgezählt ist, wenn von einem Film zehn DVDs im Angebot sind.

Womit versuchen Videotheken heute Kunden anzulocken, die auf Angebote im Netz ausweichen?

Das mit dem Zurückholen ist schwierig. Das würde nur funktionieren, wenn illegale Angebote geschlossen werden. Als die sächsische Polizei vor ein paar Jahren das illegale Portal Kino.to geschlossen hat, kamen viele Kunden wieder in die Videotheken und haben sich beschwert, dass man „ihre“ Seite geschlossen hat.

Gibt es kein Unrechtsbewusstsein bei denen, die Filme illegal im Netz anschauen?

Doch, aber es ist ja egal, weil ja nichts weiter passiert. Wer auf illegalen Tauschbörsen im Internet Filme herunterlädt oder anbietet, der wird abgemahnt. Beim illegalen Streaming, also dem Gucken im Netz, funktioniert das praktisch gar nicht, es sei denn, die Polizei nimmt so eine Seite mal hoch und kommt so an die Internet-Adressdaten der Nutzer.

Große Ketten wie Video World, aber auch private Betreiber schließen immer mehr Filialen. Gibt es ein Rezept zum Überleben?

Das ist bei jedem anders. Wichtig ist eine gute Kundenbindung und Beratung, man muss Werbung machen, was die großen Verbünde auch zusammen tun. Es sind aber nicht immer nur rückläufige Kundenzahlen. In manchen Regionen hängt es ganz stark von Mietbelastungen ab, wie im Großraum Frankfurt oder in Stuttgart. Eine Videothek in Stuttgart musste aufgeben, weil sie keinen Laden mehr gefunden hat, dessen Miete auch nur halbwegs ins Budget gepasst hätte.

Haben Programm-Videotheken, die auf Filme abseits des Massenmarktes setzen, bessere Chancen?

Diese Videotheken bieten Filme an, die für eine eher kleine städtische Zielgruppe interessant sind und kein Millionenpublikum finden, aber künstlerisch anspruchsvoll sind. Dieses Publikum muss man erst einmal finden. Auf dem Land dürfte das kaum funktionieren, in Städten mit vielen Studenten oder in Metropolen schon eher. Trotzdem haben die Videotheken das gleiche Problem mit dem illegalen Angebot im Netz, weil auch solche Filme dort zu finden sind.

In Dresden gibt es fast keine Videothek mehr, zwei werden nun als Verein fortgeführt. Ist das eine Lösung für die Zukunft?

Man braucht engagierte Leute, die bei so etwas mitmachen. Das haben wir in Dresden und in ein paar anderen Städten. Ich denke, das funktioniert nur für hochklassige Programm-Videotheken

Haben dann die kommerziellen Anbieter überhaupt noch eine Zukunft?

Die Betreiber müssen ihre Hausaufgaben machen, vernünftig kalkulieren und werben. Das hat aber keinen Einfluss auf das illegale Angebot. Hier muss die Politik bessere Gesetze schaffen und es müssten mehr Polizisten in dem Bereich eingesetzt werden. Wenn es so etwas wie die Integrierte Ermittlungseinheit Ines aus Staatsanwälten, Polizisten und Experten nicht nur in Sachsen, sondern auch in anderen Bundesländern gäbe, wären wir schon weiter.

Also schließen die gewerblichen Videotheken?

Eine Videothek wird es nicht schaffen, dass jemand zehn Kilometer fährt, um sich einen Film auszuleihen. Wer aber mitten im Viertel ist oder günstig an Verkehrswegen liegt, wo die Leute Filme auf dem Weg mitnehmen können, bei denen funktioniert das noch. Ich weiß von Läden, die wirtschaftlich noch ein paar Jahre überleben, aber ansonsten geht es weiter mit den Schließungen.

Von 2016 bis 2017 ist die Zahl der Videotheken stark gefallen, von 914 auf 586 …

Vor allem, wenn große Anbieter Filialen reduzieren, fallen oft mehr Videotheken weg, als nötig wäre. Das ließ sich in den letzten Jahren beobachten. Der Markt verändert sich. Generell nimmt die Bedeutung der Filialbetriebe ab und die Bedeutung einzelner Verleiher zu. Die Tendenz der Schließungen verlangsamt sich jetzt.

Würden Sie einen Blick in die Zukunft wagen?

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Wir haben langsam auf EU-Ebene eine Tendenz, dass man verstanden hat, dass Internetdienste stärker reguliert werden müssen. Es gibt dazu Musterverfahren vor dem Europäischen Gerichtshof. Insofern haben wir berechtigte Hoffnungen, dass es für Videotheken eine Zukunft gibt. Dann hätten wir nämlich auch wieder eine faire Chance und müssten nicht gegen Angebote kämpfen, die alles umsonst abgeben.

Interview: Tobias Wolf