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Die große Dresdner Erregung

Seit dem Einbruch ins Grüne Gewölbe hören die Fragen nicht auf: Wie konnte das passieren? Was bedeutet der Verlust der Juwelen? Woher kommt die Betroffenheit?

Der Schmucksaal des Grünen Gewölbes. In Dresdens Schatzkammer ist am Montagmorgen eingebrochen worden. Der Einbruch betrifft den historischen Teil der wertvollen Sammlung.
Der Schmucksaal des Grünen Gewölbes. In Dresdens Schatzkammer ist am Montagmorgen eingebrochen worden. Der Einbruch betrifft den historischen Teil der wertvollen Sammlung. © David Brandt/Staatliche Kunstsammlungen Dresden/AP

Es wurde kein Kind entführt. Es wurde kein Mann erstochen. Es wurde keine Frau vergewaltigt. Es geht um Steine. Kostbare Steine wurden aus dem Grünen Gewölbe gestohlen, und ja, das muss einen aufregen. Aber so sehr? Woher kommt diese Riesengefühlswelle? Weshalb reagieren selbst jene zutiefst betroffen, die vor zig Jahren das letzte Mal in der Schatzkammer waren? Und warum fahren manche Politiker das ganz große Geschütz auf, die doch sonst zur Nüchternheit neigen? Der Diebstahl sei ein Anschlag auf die kulturelle Identität aller Sachsen, behauptete Innenminister Wöller. Die Staatsministerin Grütters meinte, die Kulturnation sei mitten ins Herz getroffen. Wenn die gestohlenen Funkelstücke unsere Identität ausmachen, dann muss es um diese nun schlecht bestellt sein.

Viele Sachsen pflegen eine innige Liebe zu ihrer Geschichte. Bei älteren Dresdnern ist sie besonders eng. Diese Besonderheit wird gern von Vertretern der AfD vereinnahmt, dabei gab es sie schon lange vorher, auch in der DDR. Selbst wackere Parteigenossen kannten sich aus mit Kurfürst Johann Georg eins bis vier und suchten mit allen Tricks, Fritz Löfflers Standardwerk über das alte Dresden zu ergattern. In bürgerlichen Haushalten war das Interesse für Königs auch ein Akt des Widerstands gegen die einseitige Orientierung auf Arbeitnehmer, die damals noch schlicht Arbeiter hießen. Gerade weil dieses Interesse bis in die 1980er-Jahre hinein nicht opportun war, wuchs es umso mehr. Man braucht eine Sache bloß ein bisschen zu verbieten ... Kennt man aus der Kindererziehung.

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Wo aber kommt man den Monarchen näher als an jenem Ort, wo sie ihre Manschettenknöpfe und Schuhschnallen zeigten? Das sind die Schauräume der „Geheimen Verwahrung“, wie das Grüne Gewölbe anfangs hieß. Dort setzte sich die Macht ab 1729 in Szene. August der Starke plante bis zu seinem Tod an der Erweiterung seiner Sammlung. Wer sich ein wenig dafür interessiert, kennt seine Skizze mit den groben Strichen für Mauerdurchbrüche. So entstand jenes Museum, das erstaunlich früh für eine ausgewählte Öffentlichkeit zugänglich war. Militärposten patrouillierten, und ein Kämmerer fegte den Gästen den Staub von den Schuhen, bevor sie das Heiligtum betreten durften.

Manchmal fehlte freilich ein Diamant. Dann lag er als Pfand in einer Bank in Berlin oder London, damit die Herrschaft Kredit bekam. Der heutige Museumschef Dirk Syndram vermutet, dass selbst der König gelegentlich den Überblick verlor, wo sich welcher Ring gerade befand und zu welchen Konditionen. Das möchte man sich gerade jetzt nicht näher ausmalen. Aber auch solche Geschichten sind es, die das innige Gefühl für diese Schätze verstärken. Der sogenannte Mohr mit Smaragdstufe gehörte fast zur Familie, er wurde auf Kalendern verewigt, im Heimatkundeunterricht erklärt: Nicht jede Stufe macht eine Treppe. Und wie stolz führte mancher DDR-Bewohner den werten Westbesuch zu den Kleinoden! Das war unser! Bis 2006 wurden sie im Exil im Albertinum gezeigt. Es funkelte ja sonst nicht viel im Land.

All das mag erklären, warum mancher jetzt fast in Tränen ausbricht angesichts des Verlustes. Da ist die Geschichte etwa von der gestohlenen großen Brustschleife noch gar nicht erzählt. Die erste sächsische Königin Amalie Auguste erhielt den schleifenförmigen Diamantschmuck 1782 anlässlich der Geburt ihres ersten Kindes als Geschenk. Dafür wurden 27 Rockknöpfe, zwölf Westenknöpfe und einige andere Stücke aus einer Brillantgarnitur von August III. verarbeitet. Secondhand sozusagen. Die Garnitur entsprach nicht mehr der Mode. Es war übrigens eine Tochter.

Garnitur aber musste sein, alles sollte zusammenpassen. Wie sieht denn das aus, wenn die Jagdtasche mit anderen Edelsteinen geschmückt ist als das Jagdhundehalsband. Man trägt nicht einen Saphir am Kniebund und einen Achat am Finger. Die ebenso perfekte wie raffinierte Kombination der Einzelteile macht die eigentliche Bedeutung des Schatzes aus. Ein Gesamtkunstwerk, das noch gekrönt wird vom „Sächsischen Weißen“, den August der Starke für 200.000 Taler erwarb und von Christian August Globig in das Schulterstück einer Uniform einarbeiten ließ. Die Epaulette mit dem Brillanten fehlt nun auch. Das ist sehr traurig.

Ein üppig mit Sammelgut ausgestattetes Zimmer des Grünen Gewölbes im Dresdner Schloss der Staatlichen Kunstsammlungen. Dort wurde nichts gestohlen. 
Ein üppig mit Sammelgut ausgestattetes Zimmer des Grünen Gewölbes im Dresdner Schloss der Staatlichen Kunstsammlungen. Dort wurde nichts gestohlen.  © Sebastian Kahnert/dpa

Solche außergewöhnlichen, eleganten Schmuckensembles wurden in Dresden über Jahrhunderte gepflegt und gehegt und nun schnöde aus allen Zusammenhängen gerissen. Nein, nicht schnöde, sondern brutal. Auch das ist es, was viele verstört. Mit einer Axt auf Juwelen loszugehen, das liegt außerhalb jeder Vorstellung. Und obwohl doch abends Dutzende Gewalttätigkeiten im Fernsehen vorgeführt werden in wachsender Abscheulichkeit, macht diese Gewalttat fassungslos. Weil sie direkt vor der Haustür passiert ist. Weil der Film mit Axthieben im Taschenlampenschwenken real ist. Weil man sich ohnmächtig fühlt. Das könnte die sprachliche Überreaktion einiger Politiker und Journalisten erklären.

Mancher fragt sich wohl auch: Wenn der Staat nicht einmal in der Lage ist, den Staatsschatz zu schützen, was kann er dann überhaupt? Wie sieht das aus bei Krankenhäusern und Kraftwerken, in Wasserwerken oder in den Schaltstellen der Bahn, die so viel störanfälliger sind als ein Museum? Der österreichische Autor Josef Haslinger hat im Roman „Opernball“ einen Terroranschlag auf ein Opernhaus durchgespielt. Das Gift dringt übers Lüftungssystem ein. Die Polizei hat es nicht für möglich gehalten.

Es hat auch niemand für möglich gehalten, dass die viel gelobte Kombination aus alten Mauern und Schlössern und neuer Technik versagt. Wer jetzt die eigene Wohnungstür lieber zweimal abschließt, muss einen Hang zum Sarkasmus haben. Der Schlüssel dürfte nichts nützen. Auch das erklärt die unerhörte emotionale Erregung nach dem Einbruch im Grünen Gewölbe: Mancher fühlt sich nun noch viel unsicherer. Dabei ist doch das Sicherheitsgefühl ohnehin ramponiert angesichts von Minuszinsen, Klimanotstand und Videoüberwachung. Parallel dazu steigen die Chancen von Populisten.

Die Verschwörungstheoretiker unter ihnen haben nun Konjunktur. Es ist ja auch zu absurd, etwas zu stehlen, was man nicht verkaufen kann – es sei denn, man zerstört es. Das Collier der Königin Amalie Auguste, in 38 große Brillanten zerlegt und verhackstückt, dagegen sträubt sich die Fantasie. Es muss also etwas anderes im Hintergrund laufen, oder? Wer hat ein Interesse daran, den Freistaat zu schädigen? Wer wusste vom Zustand gerade dieses einen Fensters in der Sophienstraße und von der Beschaffenheit des Vitrinenglases? Wer ist so versessen auf eine Hutagraffe aus der Diamantrosengarnitur, dass er ein Verbrechen in Kauf nimmt? Es wäre ein Fall für den eleganten Privatdetektiv Johann Friedrich von Allmen, der sich spezialisiert hat auf das Wiederfinden verschwundener Kunstwerke. Er hätte wohl Verständigungsschwierigkeiten, würde er in Sachsen von der Soko „Epaulette“ beauftragt. Leider ist Allmen nur eine Romanfigur von Martin Suter.

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Zum Glück kann die Soko auf andere Helfer zurückgreifen. Sie raten zum Beispiel via Internet dazu, den möglichen Fluchtweg vom Grünen Gewölbe zur Tiefgarage nach Überwachungskameras abzusuchen. Darauf käme die Polizei nie. So wie nach jedem Fußballspiel ein Volk von besserwissenden Trainern mitredet, so gibt es nun jede Menge Spezialisten für Kunstraub. Sie können fehlerfrei von durchwurfhemmender Verglasung sprechen. Sie kennen sich aus mit Muffhaken, Juwelenschliff und der Versicherung von Kunstschätzen. Sie hätten längst alle Museumswärterinnen des Landes bis zur Halskrause bewaffnet und Spürhunde nicht nur zum Erschnüffeln digitaler Datenträger abgerichtet, sondern auch zur Diamantensuche. Ganz abgesehen von hoch entwickelten Kameras, die jedes Käferbein registrieren, das nicht zu einem Kunstwerk gehört.

Zumindest das mit den Kameras könnte eine Rolle spielen bei einem künftigen Sicherheitskonzept. Vielleicht erinnern sich manche Politiker dann an ihre hohen Töne von sächsischer Identität, Kulturnation und Herzschuss.

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