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Was Minge bei Dynamo bewegt hat - und was nicht

Dynamo steigt aus der 2. Bundesliga ab, genau wie beim Amtsantritt des Sportchefs. Doch bei seinem Abschied ist vieles besser. Eine Bilanz.

Nach gut sechs Jahren wird der Vertrag von Ralf Minge als Sportgeschäftsführer bei Dynamo nicht verlängert. Der Verein hat sich dank ihm verändert.
Nach gut sechs Jahren wird der Vertrag von Ralf Minge als Sportgeschäftsführer bei Dynamo nicht verlängert. Der Verein hat sich dank ihm verändert. © Arno Burgi/dpa

Dresden. Einmal zweite Liga und zurück. Auf diesen Nenner ließe sich eine Bilanz der Amtszeit von Ralf Minge als Sportgeschäftsführer bei Dynamo bringen. Als er im Februar 2014 in führender Position zu seinem Heimatverein zurückkehrte, war es zu spät, um den Absturz in die Drittklassigkeit verhindern zu können. Nun erleidet Fußball-Dresden erneut einen Rückfall. Dazwischen liegen gut sechs Jahre, in denen sich Dynamo grundlegend verändert hat, und zwar positiv. Das ist zu einem maßgeblichen Teil ein Verdienst von Minge.

Deshalb muss eine Analyse seines Wirkens zwingend am Anfang beginnen – oder anders gesagt: am Boden. Denn damals ist die SGD nicht nur sportlich abgestiegen, sondern lag auf der Intensivstation. So hatte Minge die Situation beschrieben – und damit keinesfalls dramatisiert. Dynamo trug einen Rucksack von Altschulden aus dem Darlehen von Ex-Vermarkter Michael Kölmel mit sich herum, die Liquidität war keinesfalls gesichert, von den infrastrukturellen Voraussetzungen ganz zu schweigen.

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Das Stadion konnte man sich eigentlich nicht leisten, das Nachwuchsleistungszentrum brachte für hohe Kosten nur geringen Ertrag, trainiert wurde wie seit Jahrzehnten im Großen Garten, was bei Schnee und Eis unmöglich war. Professionelle Bedingungen? Die mussten erst geschaffen werden. Mit diesem Anspruch trat Minge an, kehrte den Scherbenhaufen zusammen, richtete den Verein neu aus und gab die entscheidenden Impulse für die Meilensteine, von denen er selbst sprach.

Dynamo ist im Juni 2020 schuldenfrei, konnte bei der bislang letzten Abrechnung ein Eigenkapital von gut zehn Millionen Euro ausweisen. Das moderne Trainingszentrum im Sportpark Ostra wird am Freitag eingeweiht. Die Nachwuchsakademie ist sowohl finanziell als auch personell so gut aufgestellt, dass sie wieder als Talentquelle dient. Einige Spieler, die ihren Weg dort begonnen haben, schafften den Sprung zu den Profis, zwei bescherten jeweils Rekord-Ablösesummen: Marvin Stefaniak ging 2017 für gut zwei Millionen Euro nach Wolfsburg, Niklas Hauptmann zwei Jahre später für 3,4 Millionen zum 1. FC Köln.

Dankbarkeit zählt wenig

Dagegen ging Dynamo beim Wechsel von Markus Schubert zum FC Schalke 04 im vorigen Sommer leer aus – eine persönliche Niederlage für Minge, die ihm fraglos sehr zu schaffen gemacht hat. Schließlich war er es, der den talentierten Torwart gefördert und ihm den Weg geebnet hatte, mit 19 Jahren die Nummer eins bei einem Zweitligisten zu sein. Dankbarkeit ist allerdings eine Währung, die wenig zählt in diesem Geschäft.

Trotzdem ist auch Schubert ein Beleg dafür, dass sich Dynamo unter Minge auf seine beste Tradition besonnen hat, nämlich gute Fußballer selbst auszubilden – und ihnen bei den Profis eine echte Chance zu geben. Die hatten beispielsweise Toni Leistner oder Marcel Franke vorher nicht bekommen, aber ihren Weg bei anderen Klubs gemacht.

Bei Dynamo konnte Kevin Ehlers in dieser Saison bereits auf sich aufmerksam machen, mit Ransford-Yeboah Königsdörffer und Simon Gollnack haben zwei junge Stürmer einen Profi-Vertrag erhalten, die sich in der 3. Liga weiterentwickeln werden. Das sind die Lichtblicke trotz des Abstiegs, das ist Minges Handschrift.

Dennoch muss man, muss vor allem der Aufsichtsrat, auch ihn hinterfragen dürfen. Für sich selbst hatte Minge das sowieso im November angekündigt. Ein anderer Sportchef wäre angesichts der zu diesem Zeitpunkt längst desaströsen sportlichen Lage wahrscheinlich schärfer kritisiert worden. Minge kam angesichts seines Status als Legende, Identitätsfigur und Aushängeschild vergleichsweise gut weg. Allein sein Eingeständnis, die Verantwortung zu übernehmen, reichte als Konsequenz.

Nicht klug mit Geld umgegangen

Was der SGD während und nach der Corona-Pause widerfahren ist, war in einem solchen Ausmaß unfair, dass sich die Schuld für den Abstieg leicht darauf schieben ließe. Das wäre jedoch der falsche Ansatz für eine Analyse, weil die entscheidenden Fehler weit vorher gemacht worden sind. Was folgerichtig zuerst auf Minge zurückfällt.

Er mag ein alter Schotte sein, wie er sich selbst bezeichnete, jeden Euro des Vereins so betrachten, als wäre es sein eigenes Geld. Das ist höchst anständig. Aber es ist eben nicht klug, im Profi-Fußball 1,7 Millionen Euro zu sparen, anstatt es in sein Kerngeschäft zu investieren, also in die Mannschaft. Dynamo hatte keinen zweitligatauglichen Kader. Es fehlte an körperlicher Robustheit, Torgefahr, Schnelligkeit und Mentalität, also allen wichtigen Voraussetzungen, die Klasse zu halten. Wer nach 18 Spielen mit 13 Punkten und nur 17 erzielten Treffern als Tabellenletzter in die Winterpause geht, darf sich nicht beschweren, wenn es am Ende nicht reicht.

Die Kurskorrektur erfolgte mit den sechs Neuzugängen, Corona bremste die mögliche Aufholjagd aus. Es gehört jedoch zur Wahrheit, dass sich Dynamos Niedergang seit drei Jahren abzeichnete. Schon Uwe Neuhaus hatte davor gewarnt. „Natürlich sollten wir davon wegkommen, nach jeder Saison drei Leistungsträger abzugeben“, sagte der Ex-Trainer im Oktober 2017. Damals hatten mit Stefan Kutschke, Akaki Gogia und Stefaniak drei Spieler den Verein verlassen, die im Jahr zuvor zusammen 27 Tore erzielt hatten. Zum Vergleich: In dieser Saison hat Dynamo bisher in 33 Spielen nur 30-mal getroffen.

Die Offensivschwäche ist also erklärbar, zumal andere Angreifer leichtfertig abgegeben wurden wie Pascal Testroet und Lucas Röser. Lediglich Moussa Koné, der im Januar 2018 vom FC Zürich kam, kann seitdem eine respektable Quote vorweisen mit 23 Treffern in 62 Spielen für die Schwarz-Gelben. Im Winter wurde der Senegalese vorsorglich verkauft, weil er für die 3. Liga keinen Vertrag gehabt hätte: für 1,5 Millionen Euro zu Olympique Nimes. An den französischen Erstligisten hatte Dynamo im Sommer 2019 bereits Haris Duljevic abgegeben, dessen Bilanz in der zweiten Liga zwar unterirdisch war (vier Tore in 55 Spielen), der aber in der Vorbereitung am meisten getroffen hatte.

Fiel schafft emotionalen Befreiungsschlag

Die richtigen Spieler zu verpflichten, hat etwas mit gutem Scouting, engem Netzwerk und finanziellen Möglichkeiten zu tun. Glück gehört dazu. Man könnte sagen, das hat Minge und Dynamo verlassen. Aber es liegt wohl eher daran, dass es auf der wichtigsten Position im Verein keine Kontinuität gab: beim Trainer. Minge musste sich mehrmals korrigieren.

Stefan Böger setzte die Vorgaben nicht um, Peter Nemeth passte als Statthalter für Neuhaus perfekt. Nach Aufstieg und Platz fünf im ersten Zweitliga-Jahr wurde der jedoch infrage gestellt und demontiert, weil der Klassenerhalt mit 41 Punkten nur knapp geschafft worden war. In dieser Phase konnte Minge wegen seines Burn-outs nicht nah genug dran sein, vollzog aber nach seiner Rückkehr die Trennung von Neuhaus, der ironischerweise jetzt mit Arminia Bielefeld souverän in die Bundesliga aufsteigt. Mit Maik Walpurgis, erklärter Wunschkandidat, verlor die Mannschaft danach jegliche Spannung.

Sie hatten beide in ihrer gemeinsamen Zeit bei Dynamo Dresden viel zu diskutieren: Sportgeschäftsführer Ralf Minge und sein „Trainer-Projekt“ Cristian Fiel.
Sie hatten beide in ihrer gemeinsamen Zeit bei Dynamo Dresden viel zu diskutieren: Sportgeschäftsführer Ralf Minge und sein „Trainer-Projekt“ Cristian Fiel. © Ronald Bonß

Die Lösung hieß Cristian Fiel, Minges Trainer-Projekt. Mit ihm gelang ein emotionaler Befreiungsschlag, Dynamo blieb souverän drin. Das Wagnis, einen Fußball-Lehrer direkt von der Ausbildung in den Abstiegskampf zu schicken, wurde belohnt. Allerdings verpasste man es anschließend, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Dabei ist es unerheblich, wen oder was Fiel nicht wollte. Die Entscheidungshoheit lag beim Sportgeschäftsführer.

Minge hatte seine Zukunft bei Dynamo an Fiel geknüpft – und richtigerweise anders entschieden. Im Dezember hätte ein Doppel-Aus den Verein in ein Chaos stürzen können, jetzt kann es einen geordneten Übergang geben. Sein Vertrag wird nicht verlängert, weil das gegenseitige Vertrauen gelitten hat. Die Entscheidung ist zu akzeptieren, die Umstände des Abschieds, den der Aufsichtsrat per Pressemitteilung verkündete, sind jedoch angesichts seiner Verdienste für den Verein beschämend.

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