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Die große Unbekannte

Dynamo spielt zum ersten Mal in Bielefeld. Trainer Olaf Janßen weiß trotzdem bestens über den Gegner Bescheid.

Von Sven Geisler

Die Bilanz? Es gibt keine. Null Tore, null Punkte. Dynamo Dresden gegen Arminia Bielefeld – diese Partie stand noch nie auf einem Spielplan. Beide Vereine sind sich bisher erfolgreich aus dem Weg gegangen. Erst getrennt durch die innerdeutsche Grenze, dann entzweit auf ihrer sportlichen Berg- und Talfahrt. So kommt es morgen in der 2. Fußball-Bundesliga zur ersten Begegnung. Doch während die Arminia für Dynamo noch eine große Unbekannte darstellt, ist sie für Olaf Janßen längst kein unbeschriebenes Blatt.

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Wie vor jedem Spiel hat der Trainer den Gegner analytisch buchstäblich seziert. „Ich versuche natürlich, die Details rauszufinden, um meine Mannschaft bestmöglich einzustellen“, sagt der 47-Jährige, der besonderen Wert darauf legt, sich selbst ein Bild zu verschaffen. „Der Blick von der Tribüne ist ein völlig anderer als vor dem Computer oder auf dem Video.“ Was er konkret bei der 0:2-Niederlage der Bielefelder gegen den VfL Bochum beobachtet hat, mag Janßen allerdings genauso wenig verraten wie die Konsequenzen aus seinen Erkenntnissen.

„Das könnte ich schon“, meint er, und dabei funkeln seine Augen, „aber das möchte ich nicht, weil dieser Prozess, wie ich taktisch und personell aufstelle, noch nicht abgeschlossen ist.“ Ob er zu zwei Spitzen zurückkehrt oder sich Toni Leistner in die Mannschaft gespielt hat, das seien zwar spannende Fragen, aber: „Hoffentlich auch für den Gegner.“ Und deshalb mag er sie nicht beantworten, um die Spannung eher aufzubauen.

Janßen kalkuliert ein, dass es anders kommen könnte, als es nach seinen Eindrücken zu erwarten wäre. Erstens geht er davon aus, dass die Bielefelder aus Dynamos 0:3-Klatsche in Karlsruhe eigene Schlüsse ziehen. Zweitens habe die Arminia nach einer Durststrecke von sieben Niederlagen mit dem Sieg beim FSV Frankfurt am Montag den Bock umgestoßen. „Wir werden auf eine hungrige Mannschaft treffen, die mit Leidenschaft spielt, auf ein Publikum, das bei jeder Aktion zu hundert Prozent hinter dem Team steht und versucht, uns zu beeindrucken.“

Auf dieses Szenario stelle er seine Jungs ein. „Und ich werde nicht aufhören, das zu tun, bis das Spiel angepfiffen wird.“ Damit es zur Premiere keine bösen Überraschungen gibt, zumal die Konstellation vor diesem Duell im Tabellenkeller verlockend ist. „Mit einem Erfolg könnten wir ein ganz fettes Ausrufezeichen setzen. Und das wollen wir natürlich mit aller Macht.“

Deshalb erteilt der Fußball-Lehrer den Profis sogar Hausaufgaben. „Sie bekommen Videosequenzen von den möglichen Gegenspielern, damit sie wissen, auf wen sie treffen, was sie zu erwarten haben.“ Für Mittelfeldmann Tobias Kempe ist das eine willkommene Hilfe: „Man guckt sich gezielt für seine Position die Stärken und Schwächen an.“ Die Videoanalyse nimmt der Trainer gemeinsam mit Dynamos Chefscout Kristian Walter vor, der jeden Kontrahenten mehrfach sieht und detailliert Spielsystem, Standardsituationen und einzelne Spieler beschreibt.

„Diese Informationen“, berichtet Janßen, „laufen in meinem Kopf zusammen und ich versuche, Lösungen zu finden, die mir ein gutes Gefühl geben, die richtige Mannschaft aufzustellen mit dem richtigen Spielsystem und der richtigen Einstellung.“ Wobei: Das mit dem Spielsystem ist schon wieder so eine Sache, denn was immer sich der Coach ausdenken mag, entscheidend ist, „dass es die Spieler mit Leben erfüllen“. Im Idealfall klappt das dann so wie gegen den 1. FC Kaiserslautern.

Aber das ist – auch wenn der Winter erst kommen soll – bereits der Schnee von gestern. In Bielefeld, darin sind sich alle einig, erwartet Dynamo ein ganz anderes Spiel. Und eben ein neuer Gegner in der 60-jährigen Vereinsgeschichte. Der Deutsche Sportclub/DSC Arminia wurde bereits 1905 gegründet. Den etwa 2.500 Fans, die beim ersten Mal dabei sein wollen, hat Janßen eines voraus: Er kennt die Bielefelder Alm und die Atmosphäre. „Das Stadion ist sehr eng, die Zuschauer stehen sehr dicht am Platz“, berichtet er: „Dort herrscht eine hitzige Atmosphäre, ideal zum Fußballspielen. Freitagabend, Flutlicht, Dauerregen – da wird gekämpft.“

Denn wenn die Grundtugenden fehlen, bleibt die akribische Analyse wertlos.