SZ +
Merken

Die Grüne Woche hat zwei Gesichter

Häppchen naschen auf der einen Seite, Tausende Demonstranten auf der anderen: Die Grüne Woche erinnert daran, dass es in der Landwirtschaft noch viel zu verbessern gibt, sagt SZ-Redakteur Georg Moeritz.

Von Georg Moeritz
 3 Min.
Teilen
Folgen
©  SZ-Montage

Wer auf der Grünen Woche nur die Sachsen-Halle besucht und vielleicht noch Häppchen aus Holland und Schokolade aus der Schweiz einsackt, der erlebt die größte Ernährungsmesse der Welt nur als Fressmeile. Auf den ersten Blick ist sie das auch: ein lauter Marktplatz, ein Gedränge voller Werbebotschaften, Menschen mit Luftballons und prallen Plastebeuteln. Die meisten Besucher gehen natürlich zum Vergnügen hin, wollen Wurst und Wein probieren und vielleicht noch die Schäfchen in der Tierhalle streicheln. Schon vor Jahren gab es auf der Grünen Woche auch Zehn-Euro-Wurst mit Blattgold-Streuseln. Der Fußballer Franck Ribéry mit seinem vergoldeten Steak ist also nichts Neues. Da zeigt sich die Wohlstandsgesellschaft recht einseitig und rücksichtslos.

Doch gleichzeitig ist die Grüne Woche auch ein hoch politischer und moderner Termin. Das zeigt sich nicht nur an der Agrarwende-Demo zum Eröffnungswochenende, die inzwischen schon zur eingefahrenen Tradition geworden ist. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) sagte mit Recht, die Demonstranten treibe „auch ein bisschen Gaudi“ an. Doch sie bringen immer wieder ernsthafte Forderungen zu Tierschutz, Umweltschutz und Welt-Ernährung vor. Manche zeigen auf Dauer Wirkung, daran kommt auch keine Ministerin vorbei. 

Das zeigt sich längst auch in den Messehallen, man muss nur hinschauen. Ministerien und Verbände geben sich viel Mühe, mit fernsehreifen Diskussionsrunden, Quiz- und Kochshow-Einlagen über die Zusammenhänge von Landwirtschaft und Ernährung zu informieren. Da hören manchmal nur wenige Menschen zu, aber viele jüngere Leute sowie Schulklassen zeigen sich offen für Themen wie Tier- und Umweltschutz. Für sie steht dort der Vertreter des Impfmittels gegen Ferkelkastration, aber auch die Repräsentantin der Zucker-Industrie mit einer Werbe-Vorführung mit Konfitüre.

Die Grüne Woche zeigt auf engem Raum drastisch, wie unterschiedlich Menschen und ihre Interessen sind. Die Tütenpacker und die Diskussionsfreudigen scheinen in unterschiedlichen Welten zu leben und finden in unterschiedlichen Messehallen gegensätzliche Angebote. Die Messe hat zwei Gesichter, eines für Weltverbesserer und eines für lustbetonte Konsumenten. 

Doch warum sollten die sich nicht mischen? Das Angebot ist groß, und jeder kann mal aus der Fressmeile über die Bio-Halle zu den Entwicklungshelfern gelangen. Die vielen Interessengruppen auf der Grünen Woche machen auch Druck auf die Landwirtschaftspolitiker. Zwar hat Bundesminister Christian Schmidt (CSU) nicht alle Tierschutz-Versprechen an Ferkel und Küken erfüllt, und seine Nachfolgerin Julia Klöckner (CDU) versucht mit neu gestalteten Broschüren davon abzulenken und andere Schwerpunkte zu setzen. Doch wenigstens einmal im Jahr, zur Grünen Woche, erinnern Demonstranten und Landwirtschaftsminister aus aller Welt sie daran, dass noch viel zu verbessern ist.