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Meißen

Die gute Seite der Treuhand

Ein St. Afra Schüler gewinnt beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten. Er widmete sich einem umstrittenen Thema.

Sie ist eine der umstrittensten Organisationen der Nachwendezeit: die Treuhandanstalt.
Sie ist eine der umstrittensten Organisationen der Nachwendezeit: die Treuhandanstalt. © Jan Woitas/dpa

Meißen. In der offiziellen Beschreibung seiner Arbeit heißt es „Henri Karaski interessierte sich schon länger für die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten 1990.“ Hinter diesem oberflächlichen Satz steckt eine Beobachtung des aus der Nähe von Bielefeld stammenden Frisch-Abiturienten: Die immer noch spürbaren Spannungen zwischen Osten und Westen kommen nicht zuletzt von einer gefühlten Ausbeutung nach der Wende. Dabei spielt die Treuhandanstalt eine zentrale Rolle. Ihre Aufgabe sollte es nach der Wende sein, das öffentliche Eigentum zu privatisieren.

Doch Henri Karaski wollte die einheitliche Erzählung von der ausbeutenden Treuhand nicht glauben und begab sich auf die Suche nach einem Positivbeispiel. Dabei schrieb er den Treuhand Alumni Club an, der den Kontakt zur Paka Pappen- und Kartonagenfabrik in Glashütte herstellte, die mit Geldern der Treuhand aus einem ehemaligen volkseigenen Betrieb hervorgegangen ist. 1992 wurde sie von drei ehemaligen VEB-Mitarbeitern übernommen und hat heute 70 Mitarbeiter bei einem Jahresumsatz von sieben Millionen Euro.

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„Meine Forschungsfrage war, welchen Anteil die Treuhand am Erfolg des Unternehmens hatte“, sagt Henri Karaski. Um das herauszufinden, konnte er mit dem ehemaligen Geschäftsführer, dem damaligen Treuhand-Abteilungsleiter und einer langjährigen Sekretärin Interviews führen. Das Unternehmen selbst versorgte den Schüler mit allerlei Dokumenten, sogar mit einer Kopie des Kaufvertrages von 1992. „Meine Quellenlage war überraschend dicht“, sagt Karaski.

Die Papierfabrik war zu DDR-Zeiten Teil des VEB Kombinat Zellstoff und Papier Heidenau gewesen und fiel damit in die Zuständigkeit der Treuhand-Zentrale in Berlin. Hier entdeckte Karaski Erstaunliches: Die Treuhand hat etliche Millionen D-Mark in den Betrieb investiert und sämtliche Schulden übernommen. 

„Ich habe das durchgerechnet und herausgefunden, dass die Treuhand massiv draufgezahlt hat“, sagt Karaski. Die große Frage, warum so viel Geld in das Werk investiert wurde, kann er jedoch nicht beantworten. Denn laut Karaski war die eine Aufgabe der Treuhand, neben der Privatisierung, lediglich die Substanzerhaltung. Darüber gehen die Investitionen in Glashütte weit hinaus.

Innerhalb von einem dreiviertel Jahr erstellte Karaski eine 45-seitige Arbeit, was dem Umfang einer Abschlussarbeit eines Bachelorstudiums entspricht. „Es hat wirklich Spaß gemacht“, sagt er, „nur gegen Ende wurde es noch mal etwas stressig“. 

Kein Wunder: Schließlich standen nebenbei auch noch seine eigenen Abiturprüfungen vor der Tür. Die Arbeit reichte Henri Karaski beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten ein, der von der Körber-Stiftung veranstaltet wird. Mit seinem Fachwissen und seinen sehr guten Quellen konnte er die Jury überzeugen und wurde einer der sächsischen Landessieger. Der Preis ist mit 250 Euro dotiert.

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Doch eines konnte der Preis nicht: Henri Karaski dazu bewegen, Historiker zu werden. Die Prüfungen sind geschafft, der 18-jährige hat Ferien und sein Plan für die Zukunft steht bereits fest. „Ich habe einen Studienplatz in Maastricht, dort werde ich Economics und Business Economics studieren“, sagt er. Doch auch wenn es fachlich fern ist: So ein gewonnener Geschichtswettbewerb macht sich gut im Lebenslauf.