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PLUS Dippoldiswalde

Röntgen-Blick in den Dippser Untergrund

Uralte Bergbau-Stollen und Schächte werden dank einer App wieder lebendig. Nicht nur die Animation überrascht.

Handy-App-Koordinator Christoph Lobinger und Linda Burghardt, die Leiterin des Miberz-Museums in Dippoldiswalde, sehen sich am Obertorplatz das Panorama der Bergstadt im Mittelalter an.
Handy-App-Koordinator Christoph Lobinger und Linda Burghardt, die Leiterin des Miberz-Museums in Dippoldiswalde, sehen sich am Obertorplatz das Panorama der Bergstadt im Mittelalter an. © Egbert Kamprath

Offene Feuer lodern am Obertorplatz in Dippoldiswalde. Ein Bergmann steht vor einer Hütte, und im Hintergrund ist dort, wo heute das Schloss steht, die Burg des damaligen Bergherrn zu sehen. Mit modernen Medien ist ein solcher Einblick in das mittelalterliche Dippoldiswalde möglich. In der Stadt liegen ja die ältesten Teile des Unesco-Welterbes Montanregion Erzgebirge/Krušnohoři, die mittelalterlichen Silberbergwerke. Aber diese sind im Laufe der Jahrhunderte eingeebnet und überbaut worden, also nicht mehr zu sehen und allmählich auch in Vergessenheit geraten.

Bergstadt Dippoldiswalde mindestens so alt wie Freiberg

Bis im Jahr 2002, nach der Weißeritz-Flut, immer wieder Tagesbrüche auftraten. Für die Archäologen gab es dadurch die glückliche Fügung, dass das Oberbergamt die alten Stollen und Schächte erkunden ließ. Damit konnten auch die Wissenschaftler die Hohlräume erforschen und machten sensationelle Funde. Diese haben bewiesen: Dippoldiswalde ist als Bergstadt mindestens so alt wie Freiberg.

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Aber was nützen diese Erkenntnisse, wenn sich die normalen Dippser und ihre Besucher darunter wenig vorstellen können. Der klassische Weg, solche Erkenntnisse der Öffentlichkeit zu vermitteln, sind Bücher oder ein Museum wie das Miberz in Dippoldiswalde. Doch die heutige Technik bietet noch viel mehr Möglichkeiten. Im Rahmen eines eigenen EU-Forschungsprojekts „Virtual Arch“ haben Partner aus verschiedenen Ländern solche Programme entwickelt, darunter das Landesamt für Archäologie in Sachsen mit Dippoldiswalde als Vorzeigeprojekt. Zum Tag des Weltkulturerbes am 7. Juni gibt es nun neue Apps für Mobilgeräte, die Einblicke in die Bergstadt Dippoldiswalde um das Jahr 1200 geben.

Projektleiterin Christiane Hemker und der verantwortliche Koordinator Christoph Lobinger, beide vom Sächsischen Landesamt für Archäologie, stellten am Mittwoch in einem Vorab-Termin mit Oberbürgermeisterin Kerstin Körner (CDU) die neuen Apps vor. Wer damit in die Welt des alten Bergbaus eintauchen will, muss aber das passende Handy haben mit einer aktuellen Version des Android-Betriebssystems und Geschick im Umgang mit dieser Technik. Auf einer Tafel am Eingang zum Miberz vor dem Dippser Schloss ist das Vorgehen erklärt. Die Besucher laden eine App „Montanarchäologie in Dippoldiswalde“ aufs Handy und bekommen damit einen Röntgenblick in den Dippser Untergrund mit seinen Bergwerksgängen. Wer selbst kein solches Gerät hat, kann zum Tag der Archäologie, am 20. und 21. Juni, an Führungen des Miberz teilnehmen, wo diese Technik auch demonstriert wird, kündigte Linda Burghardt an, die Leiterin des Museums. 

Ein Panorama der Bergstadt im Mittelalter

Die heutigen Handy-Bergleute folgen dann den Stationen des Bergbaulehrpfads und bekommen am Busbahnhof Grundrisse des früheren Bergwerks dort zu sehen und Informationen über den Einsatz von Holz in den Gruben. Die Handy-Bergleute können dann auch den verschlungenen Wegen durch die unterirdischen Hohlräume folgen. Eindrucksvoll wird das auch an der Station an der Glashütter Straße, wo eine sogenannte Virtual-Reality-Animation es ermöglicht, genau an der Stelle, wo der Stollen unterirdisch verläuft, diesen mit dem Handy zu erkunden. Aber nicht nur das. Alles wird lebendig. Mal sitzt ein Hauer und schlägt geduldig das Erz aus der Wand. Dahinter steht ein Haspelknecht und kurbelt das Material an die Oberfläche. Ein Geleucht gibt dünnes Licht. Eng, dunkel und gefährlich war es. Die Handy-Bergleute von heute müssen hingegen aufpassen, dass sie nicht nur auf den Bildschirm gucken, sondern auch auf Laternenpfähle und den Autoverkehr achten. Die Dippoldiswalder Oberbürgermeisterin Kerstin Körner (CDU) kann mit dem Ergebnis zufrieden sein. Die Programmierer haben Verbesserungsvorschläge, die sie 2019 gemacht hat, eingearbeitet.

So haben die Archäologen das Leben im mittelalterlichen Dipps rekonstruiert. Die Grundlage dafür waren die Funde auf dem Obertorplatz.
So haben die Archäologen das Leben im mittelalterlichen Dipps rekonstruiert. Die Grundlage dafür waren die Funde auf dem Obertorplatz. © Landesamt für Archäologie Sachsen, Grafik: Jiří Un

Technisch nicht so anspruchsvoll, aber beeindruckend ist die Station am Obertorplatz. Hier haben die Archäologen nach dem Abriss des Hotels „Roter Hirsch“ Ausgrabungen gemacht und eine alte Bergbausiedlung gefunden. „Frühe Vorboten industrieller Anlagen“ nennt Christiane Hemker diese Anlagen. Hier wird ein Panoramafoto auf dem Handy oder dem Tablet gezeigt.  Die Handy-Bergleute stehen auf einem Parkplatz und schauen ins mittelalterliche Dippoldiswalde, können in die Runde gucken, sehen Bauwerke oder ihre frühen Kollegen bei der Arbeit. „Das ist kein Fantasiebild. Alles was wir da zeigen, beruht auf wirklichen Funden und wissenschaftlichen Erkenntnissen“, sagt Hemker. Das geht bis zu den Lebensmitteln der Bergleute. Fachleute haben die organischen Überreste, die unter dem Roten Hirsch auftraten, untersucht. Dabei haben sie festgestellt, dass die Bergleute eine gesunde und reichliche Nahrung hatten, zu der auch Fisch gehörte.  

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