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Die Haus-im-Haus-Bauerin

Anja Klinger hat ein Haus in eine alte Scheune gebaut, wohnt dort mit ihrer Familie. Und hat dafür einen Preis gewonnen.

Von Matthias Klaus

Anja Klinger hat getauscht. Oberlausitz gegen die Schweiz. Ein eigenes kleines Architekturbüro statt eines größeren bei den Eidgenossen. „Kind und Schweiz – das funktionierte nicht so richtig“, sagt die 33-Jährige schmunzelnd. Sie sitzt in ihrem Büro in Dürrhennersdorf. Ganz neu und schick ist das. Anja Klinger hat sich selbstständig gemacht, kam aus der Schweiz nach sechs Jahren in die Oberlausitzer Heimat zurück. Nach dem Abschluss des Architekturstudiums 2004 arbeitete sie gleich im Ausland. „In der Schweiz hatte ich in einem tollen Büro einen Job gefunden, konnte dort ein Projekt eines Mehrfamilienhauses planen“, erzählt sie. Als sich dann aber Nachwuchs ankündigte, entschied sie sich gemeinsam mit ihrem Mann, einem Software-Programmierer: Rückkehr. „Wir hatten gezielt nach einem alten Gebäude irgendwo zwischen Dresden und Zittau Ausschau gehalten“, schildert Anja Klinger. Es gibt so viele alte Häuser, da muss man nicht unbedingt ein neues bauen, war ihr Motto.

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Die Nähe zu Dresden, das Umfeld der Großstadt war dem Paar wichtig und in Frankenthal, Kreis Bautzen, wurde es fündig. Eine Scheune sollte es sein. „Sie ist sehr groß, eigentlich zu groß, auch für eine inzwischen vierköpfige Familie“, sagt Anja Klinger. Aber die Architektin hatte einen Plan. Und der hieß: Haus im Haus. Eigentlich, so Frau Klinger, ist die Scheune nur die Hülle. „Eine Hülle für unsere Träume“, beschreibt sie es. In diese baute das Paar ein kleines Wohnhaus über zwei Etagen. Den freien Platz in der Scheune ringsum gibt es als gratis dazu – Platz, zum Spielen für die beiden Mädchen, zum Wäscheaufhängen, Platz für den alten Traktor, den das Paar mit der Scheune übernommen hat und, und, und.

Das Haus im Haus ist als Trockenbau ausgeführt, die Außenwände so gedämmt, als ob es „echte“ Außenwände wären. Die großen Scheunentore in Ost- und Westrichtung sind verglast, sodass ausreichend Licht in die gute Stube kommt. Im Osten gibt es zudem noch eine eingerückte Loggia. Die Scheune an sich blieb nahezu unverändert. Das Dach der Scheune musste neu gedeckt, der Putz an manchen Stellen ausgebessert und ein paar neue Fenster eingebaut werden. „Die Scheune passt somit weiterhin ins Dorfbild“, sagt Anja Klinger. Elektrik und Wasseranschlüsse mussten zudem gelegt werden. Geheizt wird mittels Wärmepumpe und Pufferspeicher. Außerdem hilft eine Solaranlage auf dem Dach.

Ohne Fördermittel, sagt Frau Klinger, wäre der Bau aber nicht zu stemmen gewesen. Geld kam aus dem Programm Ile, dem Programm Integrierte Ländliche Entwicklung des Freistaates. „Ohne diese Zuschüsse wäre das Vorhaben utopisch geblieben“, sagt Anja Klinger. Insgesamt habe sich das Vorhaben Haus in der Scheune ungefähr auf dem Preisniveau eines kleinen neuen Einfamilienhauses eingependelt.

Anja Klinger hat sich mit ihrem ungewöhnlichen Scheunenbau beim Sächsischen Landeswettbewerb Ländliches Bauen 2013 beworben – und prompt einen ersten Platz erreicht. 141 Teilnehmer gab es insgesamt, fünf erste Preise wurden vergeben. Von einer „vorbildlich schonenden und zugleich wirtschaftlichen Weiterverwendung der alten Bausubstanz“ ist in der offiziellen Broschüre des Sächsischen Ministeriums für Umwelt und Landwirtschaft die Rede. Inzwischen kümmert sich Anja Klinger von ihrem Architekturbüro in Dürrhennersdorf aus um Häuselbauer in der Region. Ja, sagt sie, es gibt einen Bauboom. Viele junge Leute setzen auf das Einfamilienhaus. „Und sie schätzen es, wenn ich als Architektin zu ihnen vor Ort komme“, so die Erfahrung der Bau-Expertin.

Sie hat sich derweil noch ein weiteres berufliches Standbein geschaffen und sich als Sachverständige für Energieeffizienz ausbilden lassen. „Jedes Haus, gerade die alten, hat da andere Charakteristika“, sagt sie. Eine pauschale Beurteilung, wie und wo am besten in einem Haus Energie gespart werden könne, gebe es nicht.

Wohnen in Frankenthal, arbeiten in Dürrhennersdorf – für Anja Klinger kein Problem. Mittwochs ist sie in ihrem Büro anzutreffen. Zu Hause plant sie derweil eine kleine Landwirtschaft. Hühner gibt es schon.