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Die heimlichen Kinder

Im Krieg wurden viele "Besatzungskinder" in Europa gezeugt, in Liebe oder in Gewalt. Kinder sowjetischer Soldaten suchen jetzt nach Spuren ihrer Väter, auch in Görlitz.

Diese Frau namens Christina hat mit ihrer Tochter Valentina um 1950 in Görlitz gelebt. Der Vater des Kindes war ein russischer Soldat, der 1947 in die UdSSR zurückkehrte. Jetzt sucht seine Familie nach Christina.
Diese Frau namens Christina hat mit ihrer Tochter Valentina um 1950 in Görlitz gelebt. Der Vater des Kindes war ein russischer Soldat, der 1947 in die UdSSR zurückkehrte. Jetzt sucht seine Familie nach Christina. © Distelblüten

Das Papier ist durchscheinend und vergilbt, doch die Tinte ist immer noch blau. "Mein lieber guter Mann Wanjuschka", beginnt der 70 Jahre alte Brief an den ehemaligen russischen Soldaten Iwan Pawlowitsch Wigerjaw, der am Ende des Zweiten Weltkrieges als 20-Jähriger in Deutschland war, eine Frau namens Christina liebte und mit ihr bis 1947 zusammenlebte. 

Geliebt und verloren: "feindliche" Soldaten

Er war im 69. Panzerregiment als Oberfeldwebel in Döbeln stationiert, bevor er zwei Jahre nach Kriegsende zurück in die Sowjetunion versetzt wurde. Aber Christinas Brief wurde in Görlitz abgeschickt. "Warum lässt du mich so lange warten?", geht es darin weiter. "Hast du uns vergessen? … Ich bin ganz verzweifelt und auch sehr traurig. … Wie schön wäre es, wenn wir zusammen sein könnten." 

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Auszug aus dem vermutlich letzten Brief, den Iwan Pawlowitsch Wigerjaw von seiner deutschen Geliebten Christina bekommen hat, abgeschickt in Görlitz im Januar 1950.
Auszug aus dem vermutlich letzten Brief, den Iwan Pawlowitsch Wigerjaw von seiner deutschen Geliebten Christina bekommen hat, abgeschickt in Görlitz im Januar 1950. © Distelblüten

Das war im Januar 1950. Christinas Tochter Valentina, die sie von Iwan bekommen hatte, war inzwischen zwei Jahre alt. Der Vater hatte das kleine Mädchen mit dem Kosenamen "Valja" vermutlich nur als Baby gesehen. Der Brief aus Görlitz, in dem Christina fragt, warum sich Iwan seit drei Monaten nicht gemeldet habe, war vielleicht der letzte, den sie ihm geschickt hat. Zumindest ist es der einzige, der in Iwans Familie erhalten geblieben ist, zusammen mit wenigen Fotos von Christina und Valja. 

Erhofft: Verwandte in Russland und Deutschland

"Aus unbekannten Gründen brach die Korrespondenz ab", sagt der Rechtsanwalt Sergej Repetsky aus Orjol, einer Stadt 350 Kilometer südwestlich von Moskau. Er ist Iwans russischer Enkel, seine Mutter Ljudmila Iwanowna ist Iwans eheliche Tochter und damit die Halbschwester des 1947 in Döbeln geborenen Mädchens Valentina. Was Sergej Repetsky über seinen Großvater, dessen deutsche Geliebte Christina und die gemeinsame Tochter wusste, erzählte er vor wenigen Wochen den "Distelblüten"

Ljudmila Iwanowna aus Orjol in Russland sucht nach ihrer deutschen Halbschwester Valentina und deren Mutter Christina, die in Döbeln und Görlitz gelebt hat.
Ljudmila Iwanowna aus Orjol in Russland sucht nach ihrer deutschen Halbschwester Valentina und deren Mutter Christina, die in Döbeln und Görlitz gelebt hat. © Sergej Repetsky

Das ist eine bundesweite Gruppe aus Männern und Frauen, Nachkommen von Soldaten der Roten Armee, die ohne ihre Väter aufgewachsen sind. Hunderttausende "Besatzungskinder" gebe es in Europa, sagt Winfried Behlau von den Distelblüten, der selbst aus Ostpreußen stammt. Viele dieser Kinder sind aus Vergewaltigungen entstanden, andere aus wahren Liebesbeziehungen. "Die meisten von uns wissen nicht viel über ihre Väter und haben erst spät etwas über die Umstände ihrer Geburt erfahren." 

Als 2013 die Doktorandin Marie Kaiser an der Universität Leipzig zu "Besatzungskindern" forschte und ihre Promotion darüber schrieb, erfuhren mehrere Nachfahren russischer Soldaten voneinander und gründeten zu neunt die "Distelblüten". 2015 machten sie ihre Lebensgeschichten öffentlich, um mehr über ihre Väter zu erfahren oder auch Verwandte in Russland zu finden. Von russischer Seite ist das Interesse ebenfalls groß, mehr über die Verbindungen nach Deutschland zu erfahren. 

Verschwiegen: russische Kinder von Wehrmachtssoldaten

Denn auch in der Sowjetunion wurden im Zweiten Weltkrieg zahlreiche Besatzungskinder geboren: Kinder von deutschen Soldaten. "Die Wehrmacht ging von einer Million Kindern in der Sowjetunion aus", sagt Winfried Behlau. Als die Wehrmachtssoldaten weite Teile Europas besetzten, hatten sie dort Freundinnen, oft mit Folgen. In Norwegen und Dänemark seien solche Beziehungen aus deutscher Sicht sogar ausgesprochen erwünscht gewesen, sagt Behlau. 

"In Polen und der Sowjetunion verbot der Rassenwahn solche Beziehungen, aber in Gewalt und in Liebe wurden auch dort viele Kinder gezeugt." Da diese Kinder nach dem Krieg an die feindliche deutsche Besatzung erinnerten, nahm man vielen von ihnen die Identität, indem sie zur Adoption freigegeben wurden oder in Waisenhäusern aufwuchsen. "Ihre Existenz wurde verschwiegen", sagt Winfried Behlau. "Und bis heute wird kaum darüber berichtet."

Vaterlos: deutsche Kinder alliierter Soldaten

Dass viele Frauen unter dem Heranrücken der Alliierten litten, ist bekannt. "Am Anfang standen die Vergewaltigungen im Osten – wie auch im Westen", sagt Behlau. Später waren allen Alliierten Beziehungen zu deutschen Frauen verboten. Dennoch gingen Hunderttausende Kinder daraus hervor. Indem die Väter in ihre Heimatländer zurückgeschickt wurden, hatten sie und ihre Kinder keine Möglichkeit, einander kennenzulernen. 

Zum 9. Mai 2020, anlässlich des 75. Jahrestages der Beendigung des Zweiten Weltkrieges, erschien in Russland ein Artikel über die Suche der "Distelblüten", auf den auch Sergej Repetsky aus Orjol aufmerksam wurde. "Auch wir haben eine solche Geschichte in der Familie", erzählte er den Distelblüten. Christina, die deutsche Geliebte seines Großvaters, sei sehr schön gewesen und habe als Tänzerin gearbeitet. Ob im Varieté oder im Theater, ob nur in Döbeln, wo sie mit Iwan lebte, oder auch später in Görlitz, ist ebenso unbekannt wie ihr Nachname. 

Gesucht: die Tänzerin Christina und ihre Tochter Valja

Weder im Westen noch im Osten sei es schicklich gewesen, ein Kind vom ehemaligen "Feind" zu haben, sagt Winfried Behlau. "Da nahmen sich BRD und DDR nicht viel." Vielleicht war das der Grund für Christina, mit ihrem und Iwans Kind von Döbeln in die größere Stadt Görlitz umzuziehen.

Für Iwans Enkel Sergej Repetsky ist klar: "Die beiden verband eine große gegenseitige Liebe. Es war ihnen nicht vergönnt, dass ihr Glück wahr werden konnte, und beide litten darunter." Jetzt wolle er Christinas Tochter Valentina finden, die inzwischen 73-jährige Halbschwester seiner Mutter. Christina müsste, falls sie noch lebt, jetzt über 90 sein. Bei seiner Suche setzt Repetsky auf Görlitzer, die sich an die frühen 1950er Jahre erinnern können – und vielleicht an die Tänzerin Christina mit ihrer kleinen Tochter Valja, die ohne ihren wahren Vater aufwuchs.

Kontakt zu den Distelblüten: www.russenkinder-distelblueten.de oder E-Mail an Winfried Behlau: [email protected] 

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