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Die Helene Fischer des Ovals

Kristina Vogel übersteht alle Schicksalsschläge und fährt bei der Bahnrad-WM allen davon.

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© Reuters

Von Ruben Stark und Berthold Neumann

Beide sind ungewöhnlich erfolgreiche Frauen, beide gelten als unglaubliche Perfektionistinnen in ihrem Metier, beide stammen aus der ehemaligen Sowjetunion, und beide können auf eine bemerkenswerte Karriere in Deutschland zurückblicken: Helene Fischer und Kristina Vogel.

Während Fischer seit Jahren zu den angesagtesten Sängerinnen und Entertainerinnen gehört, hat sich die Thüringerin Vogel als weltbeste Sprinterin in der ersten Reihe des internationalen Bahnradsports etabliert. Bei der Weltmeisterschaft in Kolumbien gewann sie bereits ihre zweite Goldmedaille. Vogel dominierte den Einzelsprint der Frauen scheinbar nach Belieben. Zuvor hatte die Erfurterin gemeinsam mit Miriam Welte aus Kaiserslautern schon den Teamsprint der Frauen für sich entschieden. Vogel strahlt. „Hey, wir sind das erfolgreichste WM-Zimmer“, sagte sie.

Ihr Triumph war zugleich der erste deutsche Sprint-Weltmeistertitel seit der Dresdnerin Christa Rothenburger 1986. Bundestrainer Detlef Uibel geizte nicht mit Lob. Im Gegenteil. „Sie hat ihre Favoritenrolle ganz klar und deutlich dokumentiert“, sagte der Cottbuser. „Das Finale war ganz große Klasse von ihr“, fügte er hinzu.

Vogel hatte schon die Qualifikation als Erste beendet, dann souverän das Finale erreicht und dort die immer stärker werdende Chinesin Tianshi Zhong in zwei Läufen sicher beherrscht. „Ich habe von Anfang an gezeigt, hier führt nix an mir vorbei“, sagte die Weltmeisterin. Eine so schnelle Piste wie die von Cali liegt der Thüringerin: Hier hatte sie bereits 2010 ihren ersten Weltcup-Erfolg gefeiert.

Wie Fischer hat Vogel ihre familiären Wurzeln in einem der Nachfolgestaaten der früheren UdSSR. Die Sängerin ist als Kind von Russlanddeutschen im sibirischen Krasnojarsk aufgewachsen. Vogel stammt aus Leninskoje im mittelasiatischen Kirgisien. In beiden Fällen fanden die Eltern später eine neue Heimat in Deutschland und erlebten eine unglaubliche Karriere ihrer Töchter. Die freilich bei der zweifachen Weltmeisterin auch von erheblichen Rückschlägen und schlimmen Unfällen geprägt war.

Vor fast fünf Jahren hatte ein Kleinbus ihr beim Radtraining in Erfurt die Vorfahrt genommen. Mit fast 50 Sachen flog die zierliche Sportlerin durch die Autoscheiben. Bei dem schrecklichen Unfall stürzte die nur 1,60 Meter große Athletin schwer und zog sich dabei Brüche des fünften Brustwirbels, an der Hand, am Arm und am Kiefer zu. Sie verlor dabei fast alle Zähne und lag zwei Tage im Koma: Vogels Leben hing zwischenzeitlich am seidenen Faden.

„Dass sie wieder im Sattel sitzt, ist für mich immer wieder ein Wunder“, sagte Bundestrainer Uibel, der selbst in den 90er-Jahren einen lebensgefährlichen Autounfall überlebt hatte.

Jeder hätte Verständnis gezeigt, dass Vogel in dieser Situation den Leistungssport beendet und sich zunächst um die Wiederherstellung ihrer Gesundheit gekümmert hätte. Für Vogel stand aber bereits im Krankenbett fest, dass sie so nicht aufhören könne. „Kristina ist von Anfang an sehr offen und kämpferisch mit ihrem Unfall und dessen Folgen umgegangen“, erinnerte sich Uibel.

Mit eisernem Willen überstand sie die Operationen – allein die erste dauerte sechs Stunden. Selbst in der Klinik dachte sie beim täglichen Blick in den Spiegel schon an ganz andere Sachen. „Am schlimmsten waren für mich eigentlich die Narben. Eine junge Frau will einfach immer hübsch sein“, sagte sie – ein Wunsch, den die 23-Jährige mit Helene Fischer und allen Frauen teilt.

Dann kam der große Moment bei den Olympischen Spielen 2012 in London: Gemeinsam mit Welte gewann sie die Goldmedaille im Teamsprint. Die eigentlichen Siegerinnen aus China waren im Finale wegen eines Wechselfehlers auf den zweiten Platz zurückgesetzt worden. Schon nach London begann der intensive Schliff an Taktik, mentaler Stärke und der im Sprint so wichtigen Explosivkraft. Lange hatte die dreimalige Weltmeisterin im Teamsprint auf diesen für sie so wichtigen Einzelsprint-Erfolg hingearbeitet.

„Es wurde mal Zeit. Ich bin so stolz, dass die ganze Arbeit endlich mal Früchte gebracht hat. Es hat nie richtig geklappt, es lief immer irgendwas schief“, sagte Vogel, die vor einem Jahr noch der Britin Rebecca James unterlegen war. „Das war das Ziel der ganzen Saison, zu zeigen: hey Mäuschen, ich bin die Bessere“, sagte sie .

Wie Fischer, die vor ihren Auftritten auch nichts dem Zufall überlassen will, hat Vogel auch ihren Saisonaufbau auf den WM-Erfolg perfekt abgestimmt. Am 7. Dezember vorigen Jahres gelang ihr auf einer Bahn, die ähnlich herausragende Zeiten ermöglicht, eine Top-Generalprobe: Beim Weltcup im mexikanischen Aguascalientes stellte sie beim zweiten Lauf mit 10,384 Sekunden einen neuen Weltrekord über 200 Meter bei fliegendem Start auf. Und gemeinsam mit Miriam Welte fuhr sie in 32,153 Sekunden noch zu einem neuen Weltrekord im Teamsprint über 500 Meter. Ein deutliches Ausrufezeichen an die Konkurrenz, die ihr nun in Kolumbien nur hinterherschauen konnte.

Das Pisten-As aus Thüringen war schon als Juniorin die beste Sprinterin der Welt und gewann bis 2008 sechs WM-Titel im Nachwuchs. „Ich habe Blut geleckt“, sagte sie und meint damit: Nach dem Titel ist vor dem Titel. Sie will weiter so erfolgreich fahren wie Helene Fischer singt. Zuzutrauen ist ihr das allemal. (sid/SZ) Ergebnisse S. 10