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Die Hemmschwelle ist gesunken

Immer häufiger werden Rettungskräfte körperlich angegriffen. In einem Kurs lernen Meißner DRK-ler, sich zu wehren.

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Von Anna Hoben

Meißen/Landkreis. Rettungskräfte im Landkreis beobachten, dass die Gewaltbereitschaft von Menschen in alkoholisiertem oder zugedröhntem Zustand zunimmt – auch gegenüber denjenigen, die ihnen eigentlich helfen wollen. „Die Hemmschwelle ist enorm gesunken“, sagt Wolfgang Heil, Vorsitzender des DRK-Ortsvereins Meißen-Lommatzsch. Rettungssanitäter müssen heute also nicht mehr nur anderen helfen. Sie müssen auch wissen, wie sie sich am besten selbst helfen können. Das bestätigt auch der Sprecher der Johanniter in Sachsen Julian Rossig. Vor allem unter Alkoholeinfluss würden die Menschen zunehmend respektloser. Rossig hat von einem Fall gehört, bei dem Betrunkene Böller in einen Rettungswagen warfen, in dem jemand behandelt wurde.

Um in Situationen wie diesen angemessen reagieren zu können, bieten die Johanniter für ihre Mitarbeiter laut Sprecher Rossig Deeskalationstrainings an. Beim Meißner DRK hat Wolfgang Heil vor Kurzem ebenfalls solche Schulungen eingeführt. Der 45-Jährige ist nämlich auch gelernter Kampfsporttrainer, und so vermittelt er seinen Rettungskollegen an diesem Abend Selbstverteidigungsstrategien. „Der Bedarf ist schon lange da“, sagt Heil, „aber in der Ausbildung kommt das zu kurz.“ Riskante Situationen erkennen und entschärfen, das ist deshalb das Motto seiner Schulungen. Die Idee kommt an – etwa 20 ehren- und hauptamtliche DRK-ler haben schon teilgenommen. Eine davon ist Nicole Piesch. Bisher ist die 29 Jahre alte Rettungsassistentin bei ihren Einsätzen zwar nur verbal angegriffen worden; bei ihren männlichen Kollegen, so sagt sie, habe sie aber auch schon körperliche Attacken beobachtet. Gerade übt sie mit einer Partnerin einen Griff, mit dem sich ein Angreifer abwehren lassen soll. Eine scheinbar simple Hebeltechnik: Der Kontrahent wird dabei so am Handgelenk gepackt, dass ihm nichts anderes übrigbleibt, als sich mitzudrehen, bis er fast zu Boden geht.

Noch klappt es jedoch bei Nicole Piesch nicht ganz. „Mehr mit der Hand arbeiten“, ruft Wolfgang Heil. „Das klingt so einfach“, erwidert sie. „Deshalb müssen wir mehr trainieren“, sagt Heil.

Gesagt, getan. In der folgenden Stunde lernen die Teilnehmer, wie sie die Bewegungsenergie eines Angriffes umlenken können. Zum Beispiel bei einem Schubs von hinten: „Wenn genügend Platz ist“, sagt Wolfgang Heil, „dann dreht euch.“ Im besten Fall ist der Angreifer amüsiert und hört auf. Im zweitbesten Fall ist er einfach verwirrt. Denn, so erklärt der DRK-ler Heil, es ist immer auch ein psychologisches Spiel. „Vieles passiert im Kopf.“

Er bläut seinen Kollegen ein, nie die Arme zu verschränken oder die Hände in den Hosentaschen zu vergraben – solche Körperhaltungen können provozierend wirken. Und schließlich: Wie sich eine Situation entwickelt, hänge nicht nur davon ab, wie die Retter mit Problemgästen umgehen, sondern auch davon, wie sie selbst sich untereinander verhalten. „Wenn etwa eine Kollegin eingreift“, sagt Wolfgang Heil, „muss ich mir genau überlegen: Braucht sie meine Hilfe – oder wird es schlimmer, wenn ich mich einmische?“

Nicole Piesch fühlt sich nach dem Kurs schon besser gewappnet. „Es ist gut zu wissen, wie man sich wehren kann“, sagt sie. Im Ernstfall dürfen Rettungskräfte niemanden fesseln oder fixieren – sie dürfen nur akute Gefahr von sich selbst abwenden. Und das wird immer häufiger nötig.