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Die Herren des Waldes

Natur. Die Wölfe sind in der Lausitz längst heimisch geworden. Aber Teile der Jägerschaft rufen das Ende der Toleranz aus.

Von Frank Tausch

Die Tiere verschwanden über Nacht. 16 Hirsche, „ausgerechnet die zutraulichsten“, sagt Dietgard Eichhorst traurig. Die Forstwirtin betreibt ein Safari- Wildrevier am Bärwalder See zwischen Bautzen und Weißwasser. Auf 130 Hektar leben über 130 Hirsche, Rehe und auch neun Lamas. Die vermissten Tiere waren zunächst einfach verschwunden – keine Spur, kein Kadaver, kein Blut, nichts. Nur ein Loch unterm Zaun. Füchse graben sich hier ständig durch. Dietgard Eichhorst kontrolliert die zehn Kilometer Wildschutzzaun um das Gehege täglich. Sie weiß, dass sie sich im Wolfsgebiet befindet. Dieses eine Loch war größer als üblich und es fand sich ein Pfotenabdruck. Viel zu groß für einen Fuchs. Doch ob ein Hund oder ein Wolf infrage kam, konnten auch die herbeigerufenen Experten nicht klären.

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Erst ein Huf, dann ein Kopf

Das Areal ist groß und unübersichtlich. Allein 250000 Wildrosen wurden auf dem ehemaligen Tagebaugelände gepflanzt. Das Schicksal der spurlos verschwundenen Tiere wurde erst Tage später klarer. Da fanden sich ein Huf, dann noch einer, dann der Kopf eines Hirsches. Mittlerweile hat Dietgard Eichhorst Reste aller 16 Tiere gefunden. Alle sind tot. Doch anhand der Knochen kann die Todesursache nicht ermittelt werden. Dass es ein Wolf oder mehrere waren, ist nicht unwahrscheinlich. Mit Sicherheit aber lässt sich das nicht mehr feststellen.

Für Dietgard Eichhorst ist der Verlust der Tiere ein schwerer Schlag. Nicht nur wirtschaftlich – einen der Hirsche hatte sie nach einer Knie-, einen anderen nach einer Hüftoperation selbst aufgepäppelt und ins Herz geschlossen. Erschreckt hat die Unternehmerin nicht nur der Angriff auf ihre Tiere, sondern auch manche Reaktion. Sie wurde beschimpft, weil sie nicht sofort die Meldung über die verschwundenen Tiere in die Presse lanciert hatte. „Dabei wusste ich doch in den ersten Tagen gar nicht, was wirklich passiert war“, sagt die Frau. Sie habe das Leben der Kinder auf dem Gewissen, die nun gewiss als Nächstes von den Wölfen gefressen würden, wurde ihr vorgeworfen. Von einem Wolfsbeauftragten des Landesjagdverbandes. „Zehn Jahre Arbeit stehen auf dem Spiel“, sagt die Unternehmerin. Und meint nicht die Gefahr durch einen neuen Angriff auf ihre Tiere.

Hätte Bruno hier überlebt?

Die Frau brauchte Hilfe. Unterstützung bekam sie vom Kontaktbüro Wolf und vom Büro Lupus – die beiden Institutionen sollen nicht nur vor Ort den Schutz der Haustiere organisieren. Das Kontaktbüro klärt auf, moderiert, informiert. Lupus sammelt Daten über die Wölfe, wie viele es gibt, wo sie sich bewegen, wie sie jagen, was sie fressen. Die Büros organisierten Helfer für das Safari-Revier; die zogen eine Stromlitze und bauten einen Schutz ein, der verhindern soll, dass sich Tiere unterm Zaun durchgraben können.

Was in der Lausitz seit zehn Jahren funktioniert, hat Modellcharakter. Als Bundesumweltminister Siegmar Gabriel (SPD) unlängst in Dresden Ministerpräsidenten Georg Milbradt (CDU) traf, lobte er den Freistaat für sein Wolfs-Engagement. Er meinte gar scherzhaft, wenn Braunbär Bruno in Sachsen eingewandert wäre, wäre er vielleicht noch am Leben. Nun ja – die Stimmung ist derzeit optimistisch.

Unumstritten läuft der Wolf zehn Jahre nach seiner Rückkehr nach Deutschland aber nicht durch die Lausitz. 150 Jahre lang war Deutschland frei von großen Raubtieren – da sind Diskussionen verständlich. Doch der Ton ist rau geworden. „Die Wölfe sind unter verbalen Beschuss geraten“, stellt Bernd Heynitz vom Naturschutzbund (Nabu) in Sachsen fest. Das zielt auf einen anderen anerkannten Naturschutzverband: den sächsischen Landesjagdverband. Dessen Präsident Günter Giese, bislang durchaus moderat, hat nämlich das „Ende der Toleranz“ der Jägerschaft gegenüber dem Wolf erklärt.

Offiziell herrscht Friede, Freude, Eierkuchen. Das sächsische Umweltministerium hält die Fronten „nicht für verhärtet“. Deutlich wird dagegen ein Präsidiumsmitglied des Landesjagdverbandes selbst in einem Schreiben an das Bundesumweltministerium: Die Realität werde verzerrt dargestellt, wenn es heißt, „die Zusammenarbeit mit den Jägern liefe reibungslos und es gäbe kaum Konflikte“, beklagt er. „Leider ist das Gegenteil der Fall.“ Der Wolf spaltet die Jägerschaft. Einer Umfrage zufolge ist nicht einmal die Hälfte gegen den Wolf. Aber sachliche Positionen gehen fast unter. Präsident Giese übte bislang den Spagat. Ein „ja“ zum Wolf für gemäßigten Jäger, ein „aber“ für Scharfmacher. So lässt er sich zitieren mit der Forderung, dass Wölfe zwar nicht gejagt werden dürften, man aber handeln müsse, „wenn natürliche Regulative aussetzen“. Die Jagd ist Naturerlebnis, Hobby, mitunter Luxus. Das Wild, das herumläuft, gehört nicht dem Jäger. Auch wenn das mancher glaubt.

Zwanzig Wölfe in zwei Rudeln

So fragt sich nicht nur der Naturschutzbund, ob der Jagdverband auf Anti-Wolfskurs einschwenkt. Zu mitunter gehässigen Ausfällen einiger Jäger schweigt der Präsident beredt. Das veranlasste jüngst auch Ulrich Wotschikowsky zu einem Brief an Giese. Der anerkannte Wildbiologe, selbst Jäger, stellte im Auftrag des Bundes wissenschaftliche Untersuchungen zu Wolf und Wild in Sachsen an. „Der Ton ist aggressiv und verletzend geworden. Mitglieder des Präsidiums haben keine Hemmungen, Fehlinformationen zu verbreiten“, schrieb Wotschikowsky. Giese schwieg.

Die Wölfe machen derweil nichts anderes als all die Jahre zuvor. Heimlich sind sie, jagen des Nachts. Zwei Rudel sind es, je ein Elternpaar und die Welpen vom Frühjahr, die jetzt schon so groß sind wie die Alten. Etwa 20 Tiere insgesamt. Zu sehen bekommt sie kaum jemand. Ein Dutzend Schafe haben Wölfe dieses Jahr gerissen.

Doch das Getöse hat Wirkung. Jäger beklagen, die Wolfsbüros würden Geheimniskrämerei betreiben. Selbst der Landrat redet, als würden nicht zwei Elternpaare die Population tragen, sondern Horden die Dörfer belagern. Die Jäger lehnten den Wolf nicht ab, es seien ihnen nur zu viele, erklärte Bernd Lange (CDU) vorm Kreistag.

„Sachsen hat ein Wolfsmanagement, das von unabhängigen Fachleuten aus dem In- und Ausland als hervorragend bewertet wird“, lobt tapfer Sachsens Umweltminister Stanislaw Tillich (CDU). „Das Angebot, dass Rissschäden in Anwesenheit eines Vertreters des Landesjagdverbandes begutachtet werden, steht.“ Da ist der Minister freilich von der Realität überholt worden. Der Jagdverband hat mittlerweile eigene Wolfsbeauftragte ernannt, denen die Jäger künftig Risse von Wildtieren melden sollen. Die drei zu neuen Ehren gekommenen „Wolfsbeauftragten“ rekrutieren sich ausgerechnet aus dem Verein Sicherheit und Artenschutz. Ein Verein, vorrangig Jäger, der unentwegt verbreitet, die Wölfe gefährdeten das Leben von Menschen und ihrer Kinder. Die Speerspitze der Anti-Wolfs-Fraktion.

Wo bleiben die Mufflons?

Die Jagd in den Wolfsgebieten geht freilich weiter. Noch 2004 schossen die Jäger mehr Rothirsche und Wildschweine als 1998, bevor Wolfsrudel auftauchten, Rehe kaum weniger. Dieses Jahr aber sind es weniger Hirsche. Verschwunden sind auch die Mufflons. Die Wildschafe aus Korsika wurden einst zum Zwecke der Jagd in Deutschland angesiedelt. Man dürfe nicht eine Tierart auf Kosten der anderen schützen, das sei Heuchelei, sagt Giese. Nur vergisst Sachsens oberster Jagdrepräsentant hinzuzufügen, dass im derzeitigen Wolfsgebiet alle Mufflons sowieso abgeschossen werden sollten.

Berechtigt scheint indes die Sorge, was wird, wenn die Wölfe in erklärte Mufflon-Gebiete vordringen, in die Königshainer Berge etwa. Das Umweltministerium solle mit „wirkungsvollen Maßnahmen“ den Wildbestand, besonders Muffel, in einer „jagdlich nutzbaren Bestandshöhe sichern“, beschloss der Landesjägertag. Wie soll das gehen? Wölfe schießen, Muffel schützen? Muffel preisgeben? „Wer will das Recht der Tiere auf Lebensraum abwägen? Im Zweifel setzt sich eben eine Art durch“, sagt Anke Nuy, Sprecherin des Deutschen Jagdschutzverbandes nüchtern. Solche Dinge aber müssten vor Ort durch das Ministerium geklärt werden.