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Die Hitliste der Görlitzer Wünsche

Engagiert diskutierten viele auf der SZ-Facebook-Seite. Viele Vorschläge sind bedenkenswert. Nun muss das Gespräch gegenseitiges Verständnis fördern.

© nikolaischmidt.de

Von Sebastian Beutler

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Der geplante Brückenneubau am Lindenweg hat es in kürzester Zeit zum Dauerbrenner in der Görlitzer Stadtpolitik gebracht. Unversöhnlich prallen die gegensätzlichen Meinungen aufeinander – wenn ihnen Raum geboten wird. Das geschieht nicht häufig. Bislang hat nur die Alternative für Deutschland (AfD) vor Weihnachten eine Bürgerversammlung zu dem Thema veranstaltet. Für Februar plant sie einen weiteren Termin. Alle anderen, vor allem aber das Rathaus sehen dazu keinen Bedarf. Der Görlitzer Kommunikations-Experte Axel Krüger findet durchaus, dass es die „Verantwortlichen im Rathaus erheblich an Begegnungskultur mit der Bürgerschaft vermissen lassen“.

Auf der SZ-Facebookseite haben wir das nun am Mittwoch getan – nachdem Oberbürgermeister Siegfried Deinege beim Neujahrsempfang den Bau praktisch als alternativlos hinstellte. Daraufhin entbrannte eine Diskussion, die zwei SZ-Zeitungsseiten füllen würde. Dass die Fördergelder nur für die Brücke verwendet werden dürfen, ist eine Tatsache. Aber der SZ wurde allein schon deswegen Bild-Niveau vorgeworfen, weil sie sich wagte zu fragen, welche Vorhaben die Görlitzer dringlicher finden als den Brückenneubau. Stadtrat Joachim Schulze, der den Bau auf Bitten der Redaktion in der SZ vor einigen Wochen verteidigen konnte, schrieb: „Die SZ kennt doch die Hintergründe und Rahmenbedingungen des Brückenbaus genau. Warum hier das ,(un-)gesunde Volksempfinden’ herausgekitzelt werden soll, ist mir schleierhaft.“

Wer sich die Antworten einmal genauer ansieht und das Pro und Contra über die Brücke zur Seite schiebt – wir geben es stellvertretend in den sechs Zitaten oben wider –, der bekommt erhellende Auffassungen von Görlitzer Einwohnern, was ihnen in der Stadt wirklich wichtig ist. Und dabei fällt auf, so weit auseinanderliegen Politik und Bürger gar nicht. Generell gilt, die Erwartungen der Görlitzer an ihre Stadt sind hoch. Stadtrat Rolf Weidle sagte dazu am Wochenende: „Viele unserer Kritiker akzeptieren nicht die bestehende Wirtschafts- und Finanzlage unserer Stadt und vergleichen unsere Einwände mit Zaghaftigkeit und Unentschlossenheit.“

Die Hitliste der Wünsche, jedenfalls bei der SZ-Diskussion, zeigt aber, dass es große und kleinere Wünsche gibt. Natürlich ist die Liste nicht repräsentativ, auch Sanierungen von Kitas, Schulen, von Synagoge und manchem anderen werden genannt. Doch schälen sich auch Schwerpunkte heraus. Hier sind die meist genannten Vorschläge:

1. Sanierung der Stadthalle: Jens Leopold kann sie sich zusammen mit der sanierten Synagoge und einem aufgewerteten Stadtpark als Europäisches Bildungs- und Kulturzentrum vorstellen. Wie aber dessen Verhältnis zu dem eben eröffneten Europäischen Zentrum für Bildung und Kultur Meetingpoint Music Messiaen sein würde, ist offen. Eine schrittweise Sicherung und beginnende Sanierung der Halle jedenfalls scheint den SZ-Facebook-Lesern nicht genug zu sein. Jens Jäschke, der für die Wählervereinigung „Zur Sache“ bei der Stadtratswahl antrat, findet auch den Ausbau der Freilichtbühne im Stadtpark wichtig, dann könnte das Straßentheaterfestival als „Parktheater“ durchgeführt werden.

2. Ausbau des Berzdorfer Sees: Hier ärgert viele, dass es nicht schnell genug vorwärtsgeht. Die langen Genehmigungsprozesse werden selten gesehen, dafür fehlende Hotels, Pensionen, Campingplätze, Gaststätten. Manchmal ärgert einfach die zurückgenommene Genehmigung fürs Kitesurfen. Oder es wird sich eine Minigolf-Anlage am Nordufer gewünscht.

3. Wiederbelebung des Helenenbades und des Freisebades: Die Initiative von Rolf Weidle für einen Kinder-Wasserspielplatz im Helenenbad geht den meisten nicht weit genug. Ein richtiges Bad soll es wieder werden. Und das Freisebad sollte als medizinisches Bad öffnen. Wo sind aber private Investoren dafür?

4. Wiederherstellung der Nikolaiturnhalle: Viereinhalb Jahre nach der Überflutung durch die Neiße gibt es nur noch wenig Verständnis dafür, dass die Halle für Boxer immer noch nicht zur Verfügung steht. Forderungen, sie wieder als Sporthalle herzurichten, erteilte OB Deinege eine Absage beim Neujahrsempfang. Nun befürchten viele, dass die Kinder der Nikolaischule noch weitere Jahre in die Jahnturnhalle gehen müssen, ehe die neue Halle an der Hugo-Keller-Straße steht.

5. Sanierung der Blockhausbrücke: Dass die Brücke seit zehn Jahren nur noch eingeschränkt nutzbar ist, geht den meisten nicht in den Kopf. Dass die Verhandlungen mit der Bahn schwierig waren, zieht als Argument offenbar nicht. Nun aber will die Stadt nach der Einigung mit der Bahn die Planung in Auftrag geben und in den nächsten Jahren wohl auch bauen. Das hat sich so richtig noch nicht herumgesprochen.

6. Eine große Hundewiese: Ordnung und Sauberkeit spielt derzeit keine große Rolle in der Stadtpolitik. Das ärgert wohl viele Görlitzer. Gegen die Hundehaufen auf den Straßen schlägt mancher eine Hundewiese vor: Eingezäunt, damit Görlitzer Hunde auch mal ohne Leine toben dürfen.

7. Mehr Geld für Sicherheit: Der Vorschlag von Kreishandwerksmeister Knut Scheibe, ein Förderprogramm zur Sicherung von gewerblichen und privaten Eigentums in Grenznähe aufzulegen, stößt auf Gegenliebe beim Bürger.

8. Mehr Geld für den Görlitzer Nahverkehr: Die Verbindungen gerade für Werktätige seien zu schlecht. So käme kein Waggonbauer mit dem ÖPNV morgens von Königshufen pünktlich zur Frühschicht um 6 Uhr. Bei der Spätschicht sei die umgekehrte Fahrt mit dem Stadtbus schwierig. Deswegen seien vollgeparkte Nachbarstraßen wie Siebenbörner keine Überraschung.

9. Aufbau eines Jugendzentrums: Endlich Nägel mit Köpfen sollen bei diesem Thema gemacht werden. Am 2. Februar treffen sich jugendliche Initiatoren mit Stadträten, im Februar-Stadtrat will OB Deinege die Öffentlichkeit informieren.

10. Mehr Geld für Kleinigkeiten: Manchmal ärgert auch nur ein kaputtes Klangspiel für Kinder auf der Lunitz. Oder wird eine Fahrradverleihstation für die Stadt gewünscht.

Und sollte es dann doch Geld für eine Brücke geben, wäre die Akzeptanz für eine Fußgängerbrücke am Viadukt sogar höher als am Lindenweg. Und was macht man nun aus all dem? Die Görlitzer Parteien und Wählervereinigungen müssen zusammen mit den Bürgern eine Antwort darauf finden. Dann wächst auch Verständnis.

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