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Die Hochzeit fand nicht statt

1931 ist die Vereinigung Freitals mit Dresden mehr als eine hohle Illusion. Geflirtet haben beide Städte heftig miteinander.

Die Übergänge von Freital nach Dresden und umgekehrt werden längst nicht mehr zur Kenntnis genommen.
Die Übergänge von Freital nach Dresden und umgekehrt werden längst nicht mehr zur Kenntnis genommen. © Egbert Kamprath

Die Stadt spielt verrückt. Als im Frühsommer 1931 eigentlich die Weichen für die Feierlichkeiten zum 10. Jahrestag der Gründung der Stadt Freital gestellt werden müssen, brodelt rund um den Windberg die Gerüchteküche. Man weiß es aus ganz sicherer Quelle: Dresden will sich Freital einverleiben.

Nicht eben ein neues Lied. Schon Anfang der 20er-Jahre meldeten sich zwischen Deuben und Potschappel Leute zu Wort, die den Anschluss an die Elbmetropole forderten. Nur an Dresdens Seite, so argumentierte man, könne sich die Stadt im Plauenschen Grund weiterentwickeln.

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Dr. Wilhelm Külz, demokratischer Politiker und von 1930–1933 Oberbürgermeister von Dresden.
Dr. Wilhelm Külz, demokratischer Politiker und von 1930–1933 Oberbürgermeister von Dresden. © Archiv: Siegfried Huth

Tatsächlich sieht es vor 90 Jahren nicht gut in unserer Gegend aus. Freital genießt den traurigen Ruhm, steuerschwächste Stadt Sachsens zu sein. Im Wechsel mit Pirna hat Freital die höchste Erwerbslosenquote. Kurz und bündig: Die Lage ist katastrophal. Man hat mit einem Schuldenberg von sieben Millionen Mark zu leben. Verzweifelt hält man im Rathaus Ausschau nach einem Pfad, der aus der Krise führen könnte. Im links orientierten Stadtparlament mehren sich die Stimmen, die sich von einem Anschluss an Dresden eine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation erhoffen.

Hinter verschlossenen Türen

Wochen der geheimen Diplomatie brechen an. Freitals Oberbürgermeister Gustav Klimpel und sein Amtskollege Dr. Wilhelm Külz nehmen hinter verschlossenen Türen erste Sondierungsgespräche auf. Während einer Pressekonferenz unterstreicht Külz, dass er hinsichtlich der Erörterungen bewusst das Wort „Vereinigung“ gebrauche. Von einer Eingemeindung im üblichen Sinne könne keine Rede sein. Konkrete Ergebnisse liegen natürlich noch nicht vor. Das letzte Wort haben ohnehin die Einwohner.

Immerhin konstituiert sich ein Vereinigungskomitee. Die Repräsentanten wichtiger kommunaler Bereiche beraten mögliche Maßnahmen. Zu den Trumpfkarten Freitals zählt die Trinkwasserversorgung. Hier besitzt die junge Stadt eine Schlüsselposition. Freital hat sich ein auf 15 Jahre befristetes Verkaufsrecht für die Talsperren im Weißeritztal gesichert und kann überdies Trinkwasser aus der im Bau befindlichen Lehnmühlen-Talsperre in Anspruch nehmen. Nach Presseberichten zeigt sich Freital geneigt, für 1,5 Millionen Reichsmark seine Rechte an Dresden zu verkaufen. Ein Vorvertrag sei bereits in Arbeit.

OB Klimpel muss sich in diesem Zusammenhang den Vorwurf gefallen lassen, er wolle mit dem Millionenbetrag keine Schulden tilgen. Ihm gehe es vielmehr darum, den seit Längerem geplanten Bau eines Krematoriums und eines Freibades an den Windberghängen zu finanzieren.

Pro und Contra

Die öffentliche Meinung zum Thema Dresden-Freital ist gespalten. Parteipolitische Interessen sind im Spiel und führen zu einer Reihe von Unsachlichkeiten. Freitals Arbeiterschaft steht zum Teil im Lager der Befürworter. Ihr überzeugendes Argument: Man brauche bloß die Vorortzüge früh und abends betrachten, um zu sehen, dass schon heute viele Einwohner in Dresden ihr berufliches Auskommen haben. Dass würde sich bei einem Anschluss sicher noch verstärken.

Ganz anders die Haltung der Industrie, Gewerbetreibenden und Hausbesitzer. Für sie ist eine Zugehörigkeit zu Dresden gleichbedeutend mit höheren Steuern und einer, was die Handelsbranche anbelangt, übermächtigen Konkurrenz.

Heftige Debatten und schrille Töne begleiten die Beratungen der Stadtverordneten. Rechte Kreise lehnen eine Vereinigung rundweg ab. Sie würde keine Vorteile mit sich bringen, der Verwaltungsapparat bliebe aufgebläht. Man wolle offensichtlich die Mehrheitsverhältnisse im Dresdner Parlament in Richtung links verschieben.

In Elbflorenz kühlt sich die Begeisterung ab. Man hat es satt, ständig mit neuen Schwierigkeiten konfrontiert zu werden. Überdies ist die Finanzlage zum Zerreisen angespannt. Da könne man Freitals Schuldenlast nicht auch noch mit tragen helfen.

Freitals 10. Geburtstag geht im Oktober 1931 ohne großen Aufwand über die Bühne. Noch ist das Thema Dresden nicht gänzlich vom Tisch. Aber man befindet sich auf dem Rückzug. Zwei Städte hatten miteinander geflirtet, doch die Hochzeit fand nicht statt. Das große Dresden wäre gern noch ein bisschen größer geworden, dem ungleich kleineren und ärmeren Freital bleibt die von vielen Einwohnern gewünschte Souveränität. Was nicht ausschließt, dass sich der Wind an der Elbe eines Tages doch noch drehen könnte.

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