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Deutschland & Welt

Die Hymne als Gedächtnis der Nation

Die deutsche Nationalhymne ist keineswegs unantastbar. Aber brauchen wir deshalb eine neue? Anmerkungen zur Debatte um das „Lied der Deutschen“. 

Die deutschen Nationalspieler 2015 bei der Nationalhymne vor dem Qualifikation-Spiel gegen Georgien.
Die deutschen Nationalspieler 2015 bei der Nationalhymne vor dem Qualifikation-Spiel gegen Georgien. © dpa

Von Kai Müller

Die Nationalhymne wird entweder gesungen oder eben nicht gesungen. Das steht jedem frei. Aber an ihr herumdoktern zu wollen, wie das jetzt Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow vorschlägt, ist eine komische Idee. Das missachtet den Ewigkeitsanspruch, der mit einem solchen Stück nationaler Identität verbunden ist.

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Ramelow sagt, die Ostdeutschen würden die Hymne nicht mitsingen. Dass aus dieser Distanz schon ein Legitimitätsproblem erwachsen könnte, kann auch nur ein Linker glauben, der seine alten anti-bürgerlichen Affekte unverhohlen mit dem ostdeutschen Verlangen nach mehr gesellschaftlicher Anerkennung verschränkt. Er wünsche sich, sagt er der „Rheinischen Post“, eine Hymne „so eingängig, dass sich alle damit identifizieren und sagen können: Das ist meins.“

Aber wo führte diese Allbeglückung hin? Wie wollte man die Aura der Hymne erhalten, wenn man sie den wechselnden Befindlichkeiten von Moden, Generationen und Ideologien preisgeben würde? Wäre sie dann noch eine Hymne?

Beim ESC werden Hymnen geboren

Es würde zum ESC führen. Beim Eurovision Song Contest passiert jedes Jahr, was Ramelow vorzuschweben scheint. Eine Hymne wird geboren und sehr viele Menschen stimmen über sie ab. Das ist ihrs, denken sie. Ob es einen breiteren Konsens geben kann?

Vermutlich folgt Ramelow nur den Reflexen eines schlechten Gewissens. Trotzdem dürfte seine Idee ebenso aufgeregte Reaktionen erzeugen wie der Vorstoß der Gleichstellungsbeauftragten des Familienministeriums vor einem Jahr, als sie Fallerslebens Nationalhymnen-Text gendergerecht umformulieren wollte, „brüderlich“ stand plötzlich auf dem Index.

Denn nirgendwo fallen solche Diskussionen auf so fruchtbaren Boden wie in Deutschland. Die Deutschen mögen ihre Nationalhymne nicht. Das ist wenig überraschend. Sie mögen ja vor allem sich selbst nicht. Und so kommt es, dass ein bisschen Musik ihnen mit ihrem getragenen Ernst immer wieder deutlich macht, dass irgendwas nicht stimmt mit der kollektiven Identität.

Wer hätte gedacht, dass ein bisschen Musik so viel bewirken können soll?

Auch Ramelows Ansatz hat eine identitätspolitische Konnotation. Die Ostdeutschen würden sich besser mit dem Deutschland identifizieren, in dem sie jetzt leben müssten, insinuiert er, wenn sie nur den richtigen Text singen und die richtige Melodie in ihrem Herzen spüren würden. Wer hätte gedacht, dass ein bisschen Musik so viel bewirken können soll?

Tatsächlich sind Nationalhymnen nicht unbedingt das Ergebnis eines plebiszitären Votums. Das „Lied der Deutschen“ wurde 1952 auf Drängen Konrad Adenauers wieder als Nationalhymne der Bundesrepublik eingesetzt, nachdem Theodor Heuss seine Bedenken hintangestellt hatte.

Er fand, dass das ursprünglich 1841 in der Hoffnung auf eine Einheit des Landes geschriebene Lied durch die Verkürzung der Nazis auf die erste Strophe kompromittiert worden war. Die Alliierten hatten es deshalb verboten.

Brechts "Kinderlied" als Alternative

Adenauer aber meinte, dass die dritte Strophe nicht nur unverfänglich sei. Sie schien ihm vor allem etwas in sich zu tragen, das die Zeiten überdauert hatte.

Im Zuge der Wiedervereinigung hat es durchaus Versuche gegeben, eine neue Hymne zu installieren. Lothar de Maizière soll seinem Verhandlungspartner Wolfgang Schäuble entsprechende Alternativen wie Brechts „Kinderlied“ auf der Geige vorgespielt haben, doch der bügelte das Ansinnen mit den Worten ab, dass sie Wichtigeres zu regeln hätten.

So kam es also, und ob es gut war, das kann man nicht sagen. Irgendwie ist das „Lied der Deutschen“ mit der Melodie von Joseph Haydn schon immer ein Hybrid gewesen, ein aus vielen Versatzstücken der deutschen Romantik zusammengesetztes Sehnsuchtsstück, in dem sich die Schwingungen der Geschichte fortpflanzen.

Und wenn Reichspräsident Friedrich Ebert 1922 ein anderes Lied zur Hymne ernannt hätte, per Proklamation übrigens, würde man heute über andere Zeilen streiten.

Hymnen sind Gedächtnis

Denn dass gestritten werden muss und zwar über alles, das ist ausgemacht in einer Demokratie. Auch die Nationalhymne ist nicht ausgenommen davon, denn obwohl sie als Symbol vom Gesetz geschützt ist, mangelt es ihr doch an metaphysischer Unantastbarkeit. Sie ist kein Gotteszeichen.

Die politischen Debatten und die Frage, ob man statt „Vaterland“ nicht lieber „Heimatland“ singen sollte, legen allerdings stets aufs Neue einen Wesenskern offen, der sich dadurch auszeichnet, dass er von Diskursen unberührt bleibt. Denn Hymnen sind Gedächtnis.

Mag der Zufall diese eine für die Deutschen wichtiger als alle anderen gemacht haben, nun verbindet sich mit ihr die Hoffnung, dass sie und der ideelle Raum des Konstrukts Nation überdauert.

Verlangen nach gemeinschaftlichen Ritualen

Daraus ergibt sich die Frage, wie sehr es einer nationalen Hymne überhaupt noch bedarf, wenn sich Grenzen auflösen, Identitäten verschwimmen, Kulturräume ineinander aufgehen und individuelle Freiheiten so weit gehen, dass der Staat immer mehr Macht verliert? Jeder Mensch kann seine eigene Hymne haben und sie aus seiner Playlist löschen, wenn er will. Doch dadurch wird das Verlangen nach einem gemeinschaftlichen Ritual nur umso stärker.

Ich erinnere mich, dieses Verlangen 1986 in einer polnischen Kirche erlebt zu haben. Wir waren mit einem Schulchor nach Lodz gekommen und eröffneten das Konzert mit einem alten gregorianischen Choral, von dem wir nur wussten, dass die Polen ihn liebten. Was man uns nicht gesagt hatte: dass er unter der Militärregierung zur inoffiziellen Hymne des Landes geworden war.

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