merken
PLUS Leben und Stil

Die illegalen Tricks mit unserem Essen

Sachsens Kontrolleure decken die Tricks von Lebensmittel-Herstellern auf. Sie reichen von Täuschung bis zum Betrug.

Echte Delikatesse oder billiger Ersatz? Bei manchen Fischen ist das auf dem Teller nicht mehr zu erkennen.
Echte Delikatesse oder billiger Ersatz? Bei manchen Fischen ist das auf dem Teller nicht mehr zu erkennen. © Christian Charisius/dpa

Ganz ehrlich, würden Sie den Unterschied bemerken? An der Fischtheke wird Heilbutt angepriesen – ein seltener und teurer Speisefisch, der schmeckt und wenig Fett enthält. Der Händler hat nur ein kleines Wörtchen auf dem Schild weggelassen: dass es sich hier um „schwarzen“ Heilbutt handelt. Der ist wesentlich preisgünstiger und fettreicher. 

Nur Kennern wird im Laden auffallen, dass die Unterseite des Plattfischs dunkel aussieht, bei einem „echten“ Heilbutt aber weiß sein müsste. Ein gängiger Trick, der auch in Sachsen angewandt wird, wie die Landesuntersuchungsanstalt für das Gesundheits- und Veterinärwesen (LUA) aufdeckt. Jede vierte im vergangenen Jahr untersuchte Fischprobe entpuppte sich als Mogelpackung. „In einem Lachsfilet zum Beispiel konnten wir DNA-Spuren von Regenbogenforelle nachweisen“, sagt Präsidentin Gerlinde Schneider.

sz-Reisen
Mit SZ-Reisen die Welt entdecken
Mit SZ-Reisen die Welt entdecken

Bei SZ-Reisen findet jeder seine Traumreise. Egal ob Kreuzfahrt, Busreise, Flugreise oder Aktivurlaub - hier bekommen Sie für jedes Reiseangebot kompetente Beratung, besten Service und können direkt buchen.

Bei der Vorstellung der Jahreskontroll-Ergebnisse am Montag fällt auf, dass die allermeisten Lebensmittel in Sachsen zwar bedenkenlos gegessen werden können. Doch Verbraucher müssen heute in vielen Bereichen mit Täuschungen rechnen, die bis hin zum Betrug reichen.

Gestreckte Wurst

Fleisch- und Wursterzeugnisse werden preisgünstiger, wenn man sie mit billigeren Zutaten streckt. So fanden die Kontrolleure bei der chemischen Untersuchung auch mitverarbeitetes Bindegewebe, Wasser oder Speck, ohne dass das im Zutatenverzeichnis korrekt aufgeführt war. Bei Würsten wurde Fleisch von preisgünstigeren Tierarten mit verwendet, aber nicht ordentlich ausgewiesen. Wer rechnet bei Rinds- oder Geflügelwurst schon mit überwiegend Schwein? 

Einige Proben Leberwurst wiederum enthielten zu viel Wasser und Fett im Verhältnis zum Eiweiß. Auch in Rohschinken und Schinkenspeck wurde zum Teil mehr Wasser gefunden als erlaubt. Probleme, die nicht neu sind. Schneider hält vor allem kleinen Handwerksbetrieben zugute, dass diese oft aus Unkenntnis handeln würden. Hier mache sich auch der Fachkräftemangel bemerkbar.

Aufgespritzter Fisch

Wie schon im Vorjahr fanden die Lebensmittelchemiker in einigen Proben Fisch zu viel Wasser, darunter Pangasius und Kabeljau. Durch das Wasser erhöht sich das Gewicht und damit der Gewinn. Zwei Fischfilets waren zwar korrekt deklariert „mit Wasserzusatz“. Doch die Menge lag in beiden Fällen deutlich über den erlaubten zwölf Prozent. Besonders negativ fielen aufgespritzte Garnelen auf. Erkennen lässt sich das am glasig-wässrigen Aussehen und an einer wabbeligen Konsistenz.

Gefärbte Gewürze, gestreckte Kräuter

Gewürze lassen sich mit Farbstoffen nicht nur optisch aufwerten, sondern auch strecken. Das lohnt sich, weil sie nach Gewicht bezahlt werden. Problem: Einige Farbstoffe sind gesundheitsschädigend und deshalb verboten. „So sind bei Kurkuma und Curry Verfälschungen mit gelb machendem Bleichromat bekanntgeworden“, sagt Präsidentin Schneider. 

Ein „Mixed Spices“ sei wegen des hohen Bleigehalts aus dem Verkehr gezogen worden. In einem Paprikapulver wurden illegale Sudan-Farbstoffe gefunden, die als krebserregend gelten. In Annattosamen aus Vietnam wiesen die Chemiker den verbotenen Textilfarbstoff Orange II nach. Schneider: „In beiden Fällen wurde die Ware umgehend gesperrt.“

Dass Kräuter und Gewürze ein Problem sind, zeigen die 205 Meldungen über das Europäische Schnellwarnsystem im vergangenen Jahr. In Sachsen musste die Landesuntersuchungsanstalt von 190 Gewürzproben mehr als 13 Prozent beanstanden. Anders als bei anderen Produktgruppen machten Kennzeichnungsmängel hier nur etwa die Hälfte aus. Zwei Proben – Lorbeerblätter und Petersilie – waren mit polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) kontaminiert, die krebserregend und erbgutschädigend wirken können.

Eine Betrugsmasche bei Kräutern ist zum Beispiel das Strecken von Oregano mit Olivenbaum-Blättern. Die EU hat deshalb ein Kontrollprogramm gestartet. In Sachsen mussten die Behörden unterdessen ein Oregano-Produkt aus dem Verkehr ziehen, weil es in gesundheitsschädlichen Mengen Pyrrolizidinalkaloide enthielt. Das sind natürliche Stoffe in Unkräutern, die oft versehentlich mitgeerntet werden.

Verschwiegene Zusatzstoffe

Verarbeitete Lebensmittel werden heute häufig mit Konservierungs-, Farbstoffen oder Süßungsmitteln aufgepeppt. Viele Kunden schauen deshalb auf die Zutatenliste, um solche Zusatzstoffe zu vermeiden. Allerdings können sie sich nicht immer auf die Ehrlichkeit der Hersteller verlassen. Von 2.300 auf Zusatzstoffe untersuchten Proben musste die LUA 7,7 Prozent wegen mangelnder Kenntlichmachung beziehungsweise Kennzeichnung beanstanden. 

Hersteller zeigen sich hier durchaus erfinderisch. So wird der Geschmacksverstärker Glutamat gern mit Hefeextrakt gleichgesetzt. Das klingt verträglicher, ist aber falsch. Nicht zugelassene Zusatzstoffe und Höchstmengenüberschreitung wurden in 1,2 Prozent der Proben gefunden.

Fehlende Allergene

Allergiker sind darauf angewiesen, dass allergene Zutaten wie Gluten, Erdnuss oder Soja korrekt ausgewiesen sind. Um so problematischer ist, dass jede vierte daraufhin untersuchte Probe Allergene enthielt, die nicht entsprechend gekennzeichnet waren. Auffällig zeigte sich hier vor allem lose Ware, darunter viele Speiseeise.

Geschäfte mit Hanfprodukten

Hanfhaltige Lebensmittel wie Öle, Tees, Biere oder Süßwaren kommen immer mehr auf den Markt, weil sie sich gut verkaufen. Die Bäckerkette Schwertner bietet neuerdings sogar Hanfbrot an. Doch durch eine gesetzliche Begrenzung des Gehalts an Tetrahydrocannabiol (THC) dürfen solche Produkte keine psychoaktive Wirkung haben, die viele Kunden durch den Zusatz „Hanf“ vermuten oder sich erhoffen. Theoretisch. 

Praktisch fanden die Kontrolleure in Sachsen unter 25 hanfhaltigen Proben zwei Hanföle, einen Direktsaft und zwei Mundpflegepastillen, die wegen einer Grenzwertüberschreitung als nicht für den Verzehr geeignet eingestuft wurden. Gleiches gilt für drei von vier untersuchten Hanfblätter- und -blütentees. Bei einem dieser Tees wäre der Grenzwert schon nach acht Millilitern erreicht gewesen. Folgen von höheren Konzentrationen können Angstzustände, Panikattacken oder psychotische Aggressivität sein.

Nicht bewiesene Werbeversprechen

Auch 2019 führten Nahrungsergänzungsmittel wieder die Mängelliste an – vor allem durch unzulässige Wirkaussagen. „Der Trend geht dahin, solche Aussagen vorrangig im Internet zu platzieren“, sagt Schneider. Von 200 untersuchten Mitteln hätten 131 nicht den rechtlichen Vorgaben entsprochen. Die Kontrolleure konzentrierten sich diesmal auf Hersteller aus Sachsen. Von 36 Mitteln ging dabei nur ein einziges anstandslos durch.

Vorsichtig sollten Verbraucher auch bei Aloe-Vera-Getränken sein, die gern als Jungbrunnen beworben werden. Das ist nicht nur verboten. Einige untersuchte Proben enthielten auch deutlich weniger Aloe-Anteil als ausgelobt.

Fazit

Das Vertrauen in Lebensmittel sinkt, weil sich einige wenige schwarze Schafe einen Wettbewerbsvorteil verschaffen und ihren Gewinn maximieren wollen. Lebensmittelbetrug stellt einen Straftatbestand dar, der angesichts globalisierter Lieferketten aber oft nur durch europaweite Zusammenarbeit geahndet werden kann. Ihn nachzuweisen, ist kompliziert. 

Weiterführende Artikel

Die meisten Lebensmittel in Sachsen sind sicher

Die meisten Lebensmittel in Sachsen sind sicher

Gesundheitsschädigend ist nur ein sehr kleiner Teil der untersuchten Lebensmittel in Sachsen. Wein schneidet gut ab. Ein Problem gibt es mit Hanf-Produkten.

Die Landesuntersuchungsanstalt Sachsen hat deshalb in neue Labortechnik investiert und beteiligt sich an europaweiten Kontrollprogrammen. Die konkreten Namen der mit illegalen Mitteln agierenden Hersteller allerdings bleiben nach wie vor unter Verschluss. Im schlimmsten Fall hat der Verbraucher das beanstandete Produkt längst gegessen.

Mehr zum Thema Leben und Stil