SZ +
Merken

Die Inflation der Nachtwächter

Tourismus. Türmer und Burgfrauen sind sehr beliebt. In vielen Städten geraten Führungen immer öfter zum Spektakel.

Teilen
Folgen

Von Doreen Hübler

Eine Stadtführung kann ganz schön langweilig sein. Dann, wenn die Protagonisten ihren Job allzu ernst nehmen, dem unwissenden Touristen jeden Zentimeter der heimischen Festungsmauer erklären und ihn stundenlang mit staubtrockenen Jahreszahlen bombardieren.

Moment, das geht auch anders. Die sächsischen Städte beweisen: Ein Rundgang durch fremde Gefilde kann lehrreich und spannend zugleich sein, es kommt nur auf die richtige Verpackung an, und die kommt immer öfter in Form historischer Kostüme daher. Der Zittauer Gastwirt Peter Besser ist seit April dieses Jahres im Geschäft. Gemeinsam mit einem Kompagnon führt er Besucher wahlweise als Hauptmann, Nachtwächter oder Braumönch durch die Stadt. Ein halbes Jahr später ist er mehr als zufrieden mit der Resonanz. „Wir wollten etwas Neues machen und Geschichte ein wenig aktionsreicher inszenieren“, sagt er. „Die Besucherzahlen geben uns recht.“

Kein monotoner Gleichklang

Auch in Kamenz ergänzt man die Theorie mit Laienschauspiel und aufwendigen Kostümen. Vor sechs Jahren begann die Stadtführerrunde um Ina Förster. „Das Interesse wurde größer, die Ideen wurden vielfältiger“, sagt sie. Ihre Parade-rolle trägt den Namen Kunigunde von Vesta, eine halb-fiktive Figur. Zwar ist für Kamenz ein Mann mit jenem Nachnamen verbürgt, ob dessen Frau aber tatsächlich Kunigunde hieß – wer weiß? Für das nächste Jahr haben die Kamenzer bereits 550 Vorbestellungen angenommen. „Die Führungen sind mittlerweile ein Selbstläufer“, sagt sie. „Weil man nicht nur den monotonen Gleichklang einer Stimme hört, sondern unterhalten wird.“

Auch einige Kilometer entfernt ist man sich sicher: Ein dramaturgisch aufgebügeltes Konzept ist besser als der Vortrag eines „nackten Stadtführers“. In Bautzen unternimmt eine Türmerin die Bildungsspaziergänge. Der Grund: „Wir wollen Bautzen als Festungs- und Garnisonsstadt präsentieren“, sagt Manfred Lüdtke von den „Stadtverführern“, die das Angebot organisieren. Üppiger fällt die Kostümierung in Hoyerswerda aus. Das dortige Schloss wurde einst von Gräfin Teschen bewohnt, einer Vorgängerin der Cosel. Jene Generation verfügte über äußerst großräumige Garderobe. „Deshalb verkleiden wir uns nur im Schloss“, sagt Sigrun Jeck, Leiterin des Stadtmuseums. „In der Stadt wären Reifröcke mit langen Schleifen unpraktisch.“

Üppige Gewänder werden auch in Dresden ausgeführt, allerdings hat man hier den Überblick über die Führungen inzwischen verloren. Der Markt sei viel zu diffus, als dass man konkrete Angaben zur Zahl der Angebote machen könnte, heißt es aus der Dresden-Werbung und Tourismus GmbH. Rundgänge im altertümlichen Gewand kämen jedoch beim Publikum gut an, weil sie erlebnisorientiert seien. Auch in Riesa hat man inzwischen eine Handvoll Figuren geschaffen, die den Besucher auf historischen Streifzügen begleiten: Stadtschreiber Otto und Nonne Anna sowie eine Lehrerin namens Carmen Nebel. Wie es der Zufall will: Auch die Namensvetterin aus dem Metier der Volksmusikanten hat einst als Lehrerin begonnen.

Es gibt sogar schon Fans

Über mittlerweile 40 Touristenführer verfügt die Stadt Meißen. Auch dort gibt es den obligatorischen Nachtwächter, Türmer und Chronisten. Walfriede Hartmann bietet einen Teil der Führungen an, etwa 50-mal pro Jahr schlüpft sie in immer wieder andere, fantasievolle Kostüme. „Für Touristen ist es angenehm, wenn man sich der Historie einmal anders nähert“, sagt sie. „Bei einigen Veranstaltungen habe ich sogar schon Fans.“