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Dresden

Die Innenstadt kann noch dichter werden

Das Dresdner Zentrum erwärmt sich immer mehr, gleichzeitig wird Wohnraum gebraucht – Wissenschaftler geben Tipps.

Die Wallstraße hat sich durch die Neubauten enorm verändert. Doch begrünte Fassaden, die gegen Überhitzung wirken könnten, sucht man in der Stadtmitte vergeblich.
Die Wallstraße hat sich durch die Neubauten enorm verändert. Doch begrünte Fassaden, die gegen Überhitzung wirken könnten, sucht man in der Stadtmitte vergeblich. © René Meinig

Es war das wärmste Osterfest seit 30 Jahren und hat einen Vorgeschmack darauf gegeben, was uns künftig häufiger erwartet: Hitzeperioden. Die dicht bebaute Innenstadt heizt sich schnell auf, worunter die Einwohner leiden. Die Sächsische Zeitung fragte die Wissenschaftler Regine Ortlepp, Bernhard Müller und Clemens Deimann vom Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR), wie sich Dresden entwickeln muss, damit die Stadt ohne Kollaps weiter wachsen kann.

Im Dresdner Zentrum entstehen gerade über 1000 neue Wohnungen. Verträgt die Innenstadt überhaupt noch mehr?

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Im grünen Herzen des waldreichen Landschaftsschutzgebietes Oberlausitzer Bergland sprudelt ein ganz besonderer Schatz: Oppacher Mineralwasser, das überall dort zu Hause ist, wo Menschen ihre Heimat genießen.

Clemens Deilmann: Pauschal lässt sich das nicht beantworten, denn die Bebauung im 26er-Ring ist nicht homogen. Da gibt es Ecken und Brachen, wo problemlos neu gebaut werden kann. Es ist ja nicht so, dass diese Flächen derzeit alle unversiegelt und mit großen Bäumen bestanden sind. Beim Stichwort Nachverdichtung stöhnen erfahrungsgemäß die Nachbarn und befürchten Beeinträchtigungen. Doch dieses Thema kommt auf Dresden zu, Wohnraum wird hier immer knapper. Wenn Nachverdichtung gut gemacht ist und mit Umweltauflagen versehen, bringt sie allen etwas.

Was genau heißt gut gemacht?

Bernhard Müller: Dresden ist mit seinem Konzept kompakte Stadt im ökologischen Netz vielen Großstädten ein Stück voraus. Konkret heißt das, keine Kaltluftschneisen entlang von Wasserläufen und Tälern zu verbauen und ein Netz großer Grünstrukturen zwischen den Häusern aufzubauen, zu erhalten und miteinander zu verbinden. Verdichtete Gebiete müssen nicht automatisch eine schlechte Atmosphäre haben, wenn genügend Luft hereinkommt und darin auch Bäume stehen. Hier ist eine gute Stadtplanung gefragt, die all das beachtet und vernünftige Auflagen für die Investoren macht.

Aber natürlich führt eine stärkere Bebauung zu höheren Temperaturen. Bestes Beispiel ist die derzeit so beliebte Blockrandbebauung, bei der im Viereck gebaut wird und knallheiße Innenhöfe entstehen. Hier wird wenig Rücksicht auf die Umgebung und die Bewohner genommen, obwohl dies durchaus möglich wäre.

Wie muss die Architektur der Zukunft für Dresden aussehen?

Regine Ortlepp: Auch das gilt nicht pauschal, sondern hat für viele Stadtteile unterschiedliche Anforderungen. Ich untersuche gerade in Gorbitz, wie sich die großen Plattenbauten auf das Klima auswirken und was man verändern könnte. Da zeigt sich, dass Rasenflächen allein nichts bewirken, die heizen sich total auf und strahlen nachts ab, statt der Erwärmung vorzubeugen. Große Bäume dagegen bringen Schatten und Kühlung. Das heißt, man muss nicht nur an begrünte Dächer und Fassaden denken, sondern auch an sogenanntes Großgrün zwischen den Häusern.

Clemens Deilmann: Wir erleben gerade einen Zyklus, in dem sehr viel gebaut wird, das Geld sitzt locker, Wohnraum wird gebraucht. Derzeit geht es aber eher um Masse statt um Qualität. Genau da sehe ich den Freistaat und den Bund als Fördermittelgeber in der Pflicht. Es muss Auflagen dafür geben, dass aus Steuergeld Qualität entsteht, die auch den Umweltaspekt berücksichtigt. Nur allein das Stadtplanungsamt dafür verantwortlich zu machen, wäre zu kurz gedacht. Erst wenn dieser Zyklus wieder abflaut und ein Nachfragetal da ist, denken Investoren wieder von selbst darüber nach, qualitätvoll zu bauen, weil ihre Wohnungen sonst nicht gekauft werden.

Ist da nicht auch der Gesetzgeber gefragt, solche Auflagen vorzugeben?

Bernhard Müller: Leider hat der Gesetzgeber Rahmenbedingungen geschaffen, die es Privaten erlauben, das Allgemeinwohl zu vernachlässigen. Stichwort Baumschutz. Hinzu kommen die steigenden Grundstückspreise, das Kardinalproblem im Städtebau. Hier holt der Besitzer ein Maximum heraus, ohne etwas für diese Wertschöpfung zu tun. Klar, dass der Investor um ein zusätzliches Geschoss oder größere Baufelder feilscht, um Gewinn zu machen. Da bleibt finanziell nicht viel Spielraum. Weder für herausragende Architektur, noch für durchdachte Klimakonzepte.

Aber es wäre zu einfach, nur den Gesetzgeber in die Pflicht zu nehmen. Es muss ein Umweltbewusstsein in der Bevölkerung geben. Wenn Investoren das absolut Einfachste bauen, dürfte das so nicht akzeptiert werden. Da sind die Dresdner nicht radikal genug. Offenbar hat jeder mit seinem eigenen Wohlbefinden zu tun, und darum reicht ihm der Große Garten als Ausgleich. Aber es ist natürlich auch unsere Aufgabe als Wissenschaftler, aufzuklären und auf Probleme hinzuweisen, die mit der Klimaerwärmung auf Dresden zukommen.

Clemens Deilmann: Wir haben als Institut auch zahlreiche Untersuchungen durchgeführt, an denen sich Kommunen, aber auch Unternehmen orientieren könnten, wie „Stadt im Spannungsfeld von Kompaktheit, Effizienz und Umweltqualität“. Darin wurden neben Dresden Aachen, Halle/Saale, Krefeld, Landau in der Pfalz, Neubrandenburg und Oldenburg analysiert. Ein Ergebnis daraus ist, dass in Dresden nur acht Prozent der Einwohner angaben, unter Hitzestress zu leiden, während es in Aachen 25 Prozent waren, in Oldenburg aber nur zwei Prozent.

Wenn Dresden weiter im Innern wachsen soll, kommt es doch angesichts des knappen Platzes um Hochhäuser nicht herum, oder?

Clemens Deilmann: Warum nicht? Hochhäuser können sehr attraktiv sein, wie zum Beispiel die Bosco Vertikale, die begrünten Zwillingstürme in Mailand. Wir müssen uns vom Stereotyp der Blockrandbebauung befreien. Auch große, terrassierte und begrünte Wohnkomplexe sind denkbar. Dafür müssen Investor und Architekt Stolz entwickeln und sich auch als Vorreiter verstehen. Es wäre Dresden zu wünschen, dass die Stadt solche Leute für Projekte findet. Und Dresden verträgt auch gutgemachte Hochhäuser.

Regine Ortlepp: Aber grundsätzlich kann Dresden durchaus auch in einigen Randbereichen wachsen, wo beispielsweise eine andere Kommune angrenzt. Es gibt immer Bereiche, wo es vermieden werden sollte, und andere, wo Erweiterung sinnvoll ist. Eine Stadt verändert sich anhand ihrer Erfordernisse und hat im Flächennutzungsplan festzuschreiben, wo es noch Ressourcen gibt. Künftig sollte es vielleicht auch Regeln geben, dass Neubauten mit Umweltauflagen zu koppeln sind.

Das Gespräch führte Kay Haufe.

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