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Die Kämpferin

Vor vier Jahren floh Neamat Kanaan mit ihrer Familie aus dem Libanon. Im Kreis versucht sie, ein neues Leben aufzubauen.

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Von Anna Hoben

Als Neamat Kanaan 16 Jahre alt war, verheirateten ihre Eltern sie mit einem Mann aus der Nachbarschaft. So, dachten sie, würde das Mädchen immer in ihrer Nähe sein. Heute liegen 2600 Kilometer zwischen ihnen und ihrer 27-jährigen Tochter.

Jeden Morgen steht Neamat um sechs Uhr auf, macht Kaffee und fährt den Computer hoch. Kurz darauf erscheinen auf dem Bildschirm in der kleinen Wohnung auf dem Sonnenstein die Gesichter ihrer Eltern. Sie sitzen in ihrem Wohnzimmer in der libanesischen Stadt Baalbek. Die 80000-Einwohner-Stadt ist berühmt wegen ihrer Altstadt und ihrer Tempelanlagen, die zum Unesco-Weltkulturerbe zählen. Neamat sagt: „Ich vermisse meine Eltern, aber das Land, die Kultur – das vermisse ich nicht, das ist alles vorbei.“ Sie lacht dabei. Neamat lacht oft, wenn sie über schwierige Dinge spricht.

Eine Stunde hat Neamat für das Frühstückstelefonat mit ihren Eltern. Sie nennt das „meine tägliche Hausaufgabe“. Es ist ein Versuch, Struktur in ihre Tage zu bringen. Seit vier Jahren führt sie, neben vielen anderen Kämpfen, diesen Kampf um Struktur.

Zurück will sie nur auf Besuch

Wenn Neamat sich am Bildschirm von ihren Eltern verabschiedet, werden sie einmal mehr zu ihr gesagt haben: „Komm zurück, in Deutschland zählst du doch nur die Tage.“ Und Neamat wird einmal mehr erwidert haben: „Niemals.“ Sie dreht ihre Schiebermütze zwischen den Fingern, setzt sie sich verkehrt herum auf den Kopf. „In Deutschland schreibt mir keiner etwas vor, anders als im Libanon.“ Wenn sie ihre Aufenthaltsgenehmigung hat, will Neamat in die Heimat fliegen. Auf Besuch.

2007 floh Neamat mit ihrem Mann und den zwei Kindern aus dem Libanon. Es herrschte Krieg, und ihr Mann hatte Probleme mit den falschen Leuten. Einen Monat war die Familie unterwegs, bis sie in Deutschland ankam. Neamat war schwanger gewesen, unterwegs verlor sie das Baby. Nach einem Monat in Chemnitz kamen sie ins Asylbewerberheim in Leupoldishain. Dunkel und bedrückend eng sei ihr Zimmer gewesen, schlimmer als ein Käfig. Die Familie packte erneut ihre Sachen. In Norwegen sollte alles besser sein, so hatten sie gehört. „Dort bekamen wir eine richtige Wohnung, ich hatte Arbeit in einer Kleiderkammer und durfte einen Sprachkurs machen“, erzählt Neamat.

Später flog sie noch einmal nach Norwegen, diesmal allein mit den Kindern. Beide Male mussten sie nach einigen Monaten zurück nach Deutschland. Der Staat, in den der Asylbewerber zuerst eingereist ist, muss das Asylverfahren durchführen. So ist es im Dubliner Übereinkommen geregelt, das die Zuständigkeit bei Asylanträgen in der EU regelt. Es soll verhindert werden, dass der Asylbewerber mehr als ein Verfahren betreiben kann.

Im August 2008 kamen die Kanaans ins Asylbewerberheim in Langburkersdorf. Auf einem leeren Briefumschlag malt Neamat das Zimmer auf. Ein kleines Quadrat. Zwei Schränke, zwei Stockbetten, ein Tisch. Sie schlief mit ihrem Sohn in einem Bett, das vierte nutzten sie als zusätzlichen Stauraum. Sie wohnten in einer Etage mit Russen, Bangladeschern und Tunesiern. Die Kanaans sind Muslime, zumindest steht es so im Ausweis. „Ich bete nicht“, sagt Neamat. Im Libanon hat die Familie Weihnachten gefeiert. Aber ihr Sohn heißt Jihad, wie der Heilige Krieg. „Ein normaler arabischer Name“, sagt die Mutter. Doch die Leute guckten böse, wenn sie ihren Sohn rief. Von da an nannte sie ihn nur noch bei seinem Spitznamen: Hado.

Jihad sächselt schon

Seit zwei Jahren gelten die Kanaans nun als geduldet. Eine Duldung erhalten Asylbewerber, wenn die Abschiebung rechtlich oder tatsächlich unmöglich ist, beispielsweise bei fehlenden Pässen. Es ist die unterste Stufe der Aufenthaltsgenehmigungen.

Im September 2010 bekam die Familie eine kleine Wohnung auf dem Sonnenstein in Pirna. Dort besucht die zehnjährige Sarah die vierte Klasse, der sechsjährige Jihad geht noch in den Kindergarten. Jihad hat ein keckes Grinsen, spielt gerne Verstecken hinter dem Sofa und schaut im Fernsehen am liebsten Spongebob. Er hat im Kindergarten Freunde gefunden und spricht nur wenig Arabisch. Dafür fängt er schon an zu sächseln, er sagt „kleen“ und „daheem“.

Sarah hat den Bruch nicht so gut verwunden. Als sie eingeschult wurde, konnte sie kein Wort Deutsch. Sarah weint viel, hat oft Angst. Manchmal, wenn sie sieht, wie andere Kinder von ihren Großeltern abgeholt werden, wird sie wütend. „Warum habe ich keine Oma?“, ruft sie dann.

Am schwersten aber tut sich Neamats Mann. Der 47-Jährige hat keine Arbeit, die meiste Zeit sitzt er zu Hause und raucht. Er ist krank und depressiv, jeden Tag muss er sechs verschiedene Medikamente nehmen. Neamats Mann spricht kaum Deutsch, anders als seine Frau. Mithilfe von Kinderbüchern hat sie sich die Sprache beigebracht. Nur bei den Präpositionen und Artikeln vertut sie sich noch.

Seit einiger Zeit geht sie jeden Vormittag zum Deutschkurs in der Volkshochschule. Nachmittags betreut sie ein behindertes Ehepaar aus dem Libanon. Die Ausländerbehörde hat ihr den Job vermittelt, 20 Euro bezahlt sie ihr dafür in der Woche. Mit dem Taschengeld bessert Neamat die 559 Euro auf, die die Familie monatlich von der Behörde bekommt.

Am 1.Januar war Neamats Geburtstag. Gefeiert hat sie ihn nicht. Er erinnert sie daran, dass wieder ein Jahr verbrannt ist. „Ich bin jung und darf nichts tun.“ Neamat hat so viele Pläne. Eine Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin will sie machen, irgendwann als Sozialpädagogin arbeiten. Ihre Energie ist unbändig, ihr Optimismus scheint grenzenlos. Neamat Kanaan kämpft weiter. „Ich werde einen Weg finden“, sagt sie.