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Die Karriere danach

Sylke Ottos Leben hat sich grundlegend geändert. Nur eines ist geblieben: Damals wie heute kämpft sie gegen die Zeit.

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Von Tino Meyer

Diesmal gibt sie sich mit einem siebenten Platz zufrieden. Mit fehlendem Ehrgeiz hat das nichts zu tun. Sylke Otto hat weder etwas von ihrem Temperament noch von der hohen Erwartungshaltung an sich selbst verloren. Doch diesmal, bei der bayrischen Kommunalwahl im März, reicht sehr wahrscheinlich eben jener Platz sieben auf dem Wahlzettel, um wieder in den Stadtrat von Zirndorf einzuziehen.

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Seit 2008 sitzt die parteilose Rodel-Olympiasiegerin dort für die SPD, das ist ihre Art von ehrenamtlichem Engagement. „Meckern kann jeder“, meint die 44-Jährige und erzählt, wie sie damals vom Bürgermeister der 25.000-Einwohner-Stadt im Speckgürtel von Nürnberg und Fürth angesprochen worden ist. Stimmenfang mag vorrangig dessen Intension gewesen sein. Otto aber hat schnell gefallen gefunden an der Idee, nach dem Ende ihrer Karriere als Leistungssportlerin eine neue Laufbahn zu beginnen. „Ich wohne hier, hab ein Kind. Warum eigentlich nicht? So kann ich auch selbst in der Stadt etwas bewegen“, erklärt die gebürtige Karl-Marx-Städterin, die bereits seit 1994 in Zirndorf wohnt – zusammen mit ihrem Lebensgefährten Ronald Grund und den gemeinsamen Töchtern Sina (6) und Nele (3).

Die Sache hat nur einen Haken, wie Otto gesteht: „Jetzt bin ich mitten in der Sportpolitik gelandet, wo ich nie hinwollte.“ Sport und Kinder sind ihre Themen, eine ihr naheliegende und deshalb irgendwie auch geniale Verbindung.

Otto ist Mitgesellschafterin bei „Sankt Paul – Haus der Athleten“, einem Sportinternat in Nürnberg, und kümmert sich insbesondere um die öffentliche Wahrnehmung und die Repräsentation nach Außen. Spitzensportförderung, hat sie festgestellt, wird zunehmend zum Problem, selbst in einem vermeintlich wohlhabenden Bundesland wie Bayern. Monatelang habe sie im vergangenen Jahr mit dem Landessportbund um die Investition in eine leistungssporttaugliche Schwimmhalle gerungen. „Das war wie Steine schneiden, aber wir haben es geschafft“, betont Otto.

Und jetzt baut sie eine Kita

Demnächst wird die frühere Rodlerin nun selbst Bauherrin. Sie will eine Kindertagesstätte mit Bewegungs- und Ernährungsschwerpunkt bauen, das passende Grundstück in Zirndorf ist schon gekauft, die Baugenehmigung soll in den nächsten Tagen folgen. „Im Kindesalter werden doch die Grundlagen gelegt“, verdeutlicht Otto ihr Anliegen, das zudem sozialpolitischen Charakter besitzt. Auch in Zirndorf gibt es zu wenig Betreuungsplätze, dafür viele Vereins- und Sportangebote.

Mit Sina und Nele geht sie regelmäßig zum Sport, das ist ihr wichtig. Die Kleine ist beim Kinderturnen, die Große spielt inzwischen Tennis. „Notgedrungen“, wie Otto betont. Ein allgemein-sportliches Training für Sina wäre ihr lieber. Doch die Kurse finden in etwa zeitgleich und in derselben Halle statt. „Ich bräuchte jeden Tag noch 24 Stunden dazu“, meint sie.

Im Leben davor war alles leichter, einfacher, unkomplizierter – was nicht allein mit den Kindern zu tun hat. „Als Sportler weiß man gar nicht, wie schön man es hat. Das normale Leben ist viel chaotischer“, vergleicht Otto. Zu aktiven Zeiten habe sie zwar unheimlich sorgsam mit sich selbst umgehen müssen, dafür lief alles in geregelten Bahnen. Der Trainingsplan bestimmte den Tagesablauf, und knapp 300 Kilometer entfernt von der bayrischen Wahlheimat konnte sie sich ausschließlich auf den Sport konzentrieren. Von Montagfrüh bis Freitagabend hat Otto in Oberwiesenthal trainiert. Eine Belastung war das für die Beziehung zu ihrem Lebensgefährten, für die sportlichen Ambitionen dagegen ein Glücksfall.

Mit Superlativen ist das ja immer so eine Sache, doch Otto, das steht fest, ist die erfolgreichste Rodlerin aller Zeiten. Andere mögen mehr Rennen gewonnen haben, sie aber die großen, wichtigen Meisterschaften: Olympia 2002 in Salt Lake City und vier Jahre später auch in Turin, dazu sechs WM- sowie drei EM-Titel.

Der Abschied aus dem Eiskanal fiel ihr umso leichter. „Irgendwann musst du dich entscheiden: Kind oder Karriere. Als Mann geht vielleicht auch beides. Doch ich wollte nie, dass meine Kinder bei ihren Großeltern aufwachsen. Das ist nicht mein Anspruch“, verdeutlicht Otto, die die Entwicklung ihrer Sportart immer noch genau verfolgt. Das Handy, sagt sie, liegt bei den Weltcups am Wochenende immer griffbereit, um mit dem Live-Ticker dabei zu sein. Das Fernsehen übertrage die Rennen ja erst Stunden später, wenn überhaupt.

Eine Rückkehr auf den Schlitten ist dagegen nie Thema gewesen, nicht mal für Seniorenrennen. Sie sei sehr lange sehr intensiv gerodelt, vor allem aber auf hohem Niveau. „Das Fahren verlernt man natürlich nicht. Doch das ist eine Rennsportart, die gefährlich sein kann. Und ich trainiere ja auch nicht mehr“, sagt Otto. Selbst wenn sie es wöllte, sie hätte die Zeit dafür nicht. Familie und Beruf, dazu die vielen Sitzungen und Termine – das zu koordinieren, ist jeden Tag eine neue Herausforderung, erst recht jetzt im Wahlkampf. Eigentlich, sagt Otto, müsse man ja jetzt überall sein.

Den Neujahrsempfang im Rathaus am vergangenen Freitag hat sie trotzdem abgesagt – und rechtfertigt sich nun. „Ich war schon am Tag zuvor weg und kann die Kinder doch nicht jeden Abend wegborgen.“ Außerdem geht die ganze Familie immer freitags runter in den eigenen Saunakeller, wo im Nachbarraum sämtliche Pokale und Medaillen stehen. Wer viel unterwegs ist, muss regelmäßig regenerieren. Das hat Otto schon in ihren ersten Karriere gelernt.

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