merken
PLUS

Riesa

Die Kinder von der Lommatzscher Straße

In den 1920er-Jahren entstanden an Riesas damaligem Stadtrand zehn moderne Wohnhäuser. Zwei frühere Bewohnerinnen erinnern sich.

Die Rückseite der Wohnblöcke. Jede Wohnung verfügte über eine Loggia, erinnert sich eine Zeitzeugin.
Die Rückseite der Wohnblöcke. Jede Wohnung verfügte über eine Loggia, erinnert sich eine Zeitzeugin. © privat

Von Siegfried Wallat

Riesa. Sie begegneten sich im Trubel des Tages der Sachsen auf der Straße in Riesa, erkannten sich sofort wieder und vereinbarten: „Wir müssen uns unbedingt alle einmal treffen.“ Sie, das sind Petra M. und Ursula Sch. aus Riesa. Beide verbrachten ihre Kindheit auf der Lommatzscher Straße. Heute sind sie um die 70. Bei einem Bierchen wurden zunächst Namen, Adressen und Nummern ehemaliger Spielkameraden für ein Treffen gesucht. Ein schwieriges Unterfangen nach so langer Zeit.

Wie geht's Brüder
Wie geht's Brüder

Eine Reportagereise durch Osteuropa 30 Jahre nach dem Umbruch auf Sächsische.de

Wohnungen samt Innen-WC

Die Wohnungen auf dieser Straße am Rande der Stadt wurden von der "Baugenossenschaft des Personals der Reichsbahnen zu Riesa, e.G.m.b.H." gebaut. Der Vorstand stellte am 3. November 1921 den Antrag auf Baugenehmigung von „zehn Wohnhäusern mit 60 Wohnungen“. Errichtet werden sollten die Häuser in zwei Gruppen (Blöcken) mit je 30 Wohnungen. Die Firma G. Moritz Förster, Hochbaugeschäft und Schiffswerft in Riesa, meldete am 1. März 1922 dem Stadtrat den Baubeginn.

Die Wohnungen waren für die damalige Zeit recht komfortabel. Jede hatte ein Innen-WC. Zur Wohnung gehörten eine Bodenkammer, ein Keller und ein Hausgärtchen. "Mein Vater hatte dort sogar einen Kaninchenstall gebaut", erinnert sich Ursula Sch. "Gemüse und Blumen für den Eigenbedarf wurden dort angebaut. Hinter dem Haus war ein Wäschetrockenplatz mit Bleichplan angelegt worden. Auf diesem durften wir Kinder aber nicht spielen." 

In einem gesonderten Wirtschaftsgebäude befanden sich Waschhäuser und eine elektrische Wäscherolle. Jede Wohnung verfügte auch über eine Loggia. Manche Mieter ließen diese später verglasen oder bauten sich sogar ein Bad ein. "Wir Kinder hatten hinter dem L-förmig gebauten Wohnkomplex ein weites Spielquartier. Am Ende der Trockenplätze gab es ein dreieckiges Rasenstück für die Kleinen. Größere suchten auch auf der gegenüberliegenden Straßenseite nach Treffpunkten und Spielplätzen," so Ursula Sch. weiter. 

Anwohner klagten über Zugluft

Die andere Seite der Lommatzscher Straße war noch nicht bebaut. Gärten, Felder und Wiesen boten viel Raum für die Kinder. Ihre Schule war die "Pesta", die Pestalozzischule. Sie mussten zu Fuß dorthin gelangen, mit dem Fahrrad war das nicht erlaubt. 

Beschwerden von den Mietern gab es immer wieder wegen "heftiger Zugluft bei Austritt aus den angebauten Waschhäusern" durch die Lücke zwischen den beiden Wohnblöcken. Die ersten Klagen kamen bereits kurz nach Fertigstellung der Wohnhäuser 1922 auf. Am 4. Januar 1929 beantragte deshalb die Genossenschaft den Bau eines Sechsfamilienhauses in dieser Lücke sowie ein Wirtschaftsgebäude mit einer Rollkammer für die schon erwähnte elektrische Wäscherolle. 

Nach einer ersten Zurückweisung dieses Antrages mit Empfehlungen zur architektonischen Verbesserung wurde am 17. Mai die Baugenehmigung erteilt. Allerdings musste sich die Genossenschaft verpflichten, „anteilige Kosten der Straßenverbreiterung und Befestigung derselben“ zu tragen. Die Ausführung dieses Vorhabens übernahm wieder die Firma G. Moritz Förster. Die Genossenschaft meldete bereits am 19. Oktober 1929 den Bezug der Wohnungen.

Nach dem Krieg befanden sich in der Nachbarschaft Einrichtungen der Sowjetarmee. Das Zusammenleben war unkompliziert. Ursula Sch.: "Wir Kinder erhielten Brot aus der Großbäckerei der Armee. Die Soldaten schauten auch weg, wenn sich die Erwachsenen an den Briketthaufen bedienten. Kohlen gab es ja nur mit einer Kohlenkarte."

Wiedersehen nach 50 Jahren

Die beiden Frauen hatten 22 ehemalige Spielkameraden ermittelt, die von 1957 bis etwa 1970 ihre Spielgefährten waren, damals im Alter von drei bis 15 Jahren. Nun wurde zum Treffen im November 2019 in den „Löwen“ eingeladen. Und sie kamen alle, die meisten immer noch Riesaer, aber auch aus Chemnitz und Güstrow waren sie angereist. Sie erkannten sich alle wieder. In großer und kleiner Runde wurden dann Erinnerungen an die schöne Kinderzeit in den Eisenbahnerhäusern auf der Lommatzscher Straße ausgetauscht.

Weitere Nachrichten aus Riesa lesen Sie hier. 

Mehr zum Thema Riesa