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Die Leisniger Kippensammlerin

Einen Tag ohne Schmerzen kennt Christine Kussak aus Leisnig nicht mehr. Trotzdem rafft sie sich auf und sammelt den Dreck anderer rund um ihre Wohnung ein.

Sonnenschutz, wetterfeste Kleidung, eine Greifhilfe, Plastiktüte oder Eimer – mit dieser Ausstattung ist Christine Kussak aus Leisnig täglich in ihrem Wohnumfeld unterwegs. Dabei sammelt sie von Fuß- und beliebten Spazierwegen Müll ein.
Sonnenschutz, wetterfeste Kleidung, eine Greifhilfe, Plastiktüte oder Eimer – mit dieser Ausstattung ist Christine Kussak aus Leisnig täglich in ihrem Wohnumfeld unterwegs. Dabei sammelt sie von Fuß- und beliebten Spazierwegen Müll ein. © Dietmar Thomas

Leisnig. Wenn es wie in Roßwein auch in Leisnig einen Ehrenamtspreis in der Kategorie „Gute Seele“ gebe, dann hätte sie ihn auf jeden Fall verdient: Christine Kussak. Wenn sie aus dem Haus geht, hat sie immer einen kleinen Plastikbeutel, manchmal aber auch einen kleinen Anhänger dabei. Denn es ist unterschiedlich viel, was bei ihren Touren anfällt.

Fleißig und bescheiden

An manchen Tagen fällt es der 63-Jährigen schwer, sich überhaupt aus dem Bett zu quälten. Nicht, weil sie nicht lebenslustig oder pessimistisch ist. Nein. Mit dem Knie hat sie schon seit ihrer Ausbildung zur Gärtnerin, also seit Jugendzeiten, Probleme. Dann verunglückte sie 2015 mit dem Auto in Neudörfchen so schwer, dass sie sich irreparable Schäden an der Lendenwirbelsäule zuzog. Seitdem kann sie sich zum Beispiel nicht mehr bücken. „In jedem Zimmer habe ich deswegen eine sogenannte Greifhilfe stehen“, erzählt sie.

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Mit dieser Art verlängerter Zange macht sie sich auch täglich auf Tour. Kleinbeigeben, das ist nicht ihre Sache – das Müllsammeln schon eher. Aber nicht unbedingt, weil es ihr Freude bereitet. „Es hat mich schon immer gestört, wenn die Leute ihren Dreck fallengelassen haben“, sagt Christine Kussak und schüttelt dabei mit dem Kopf.

Gerade nach Ostern habe sie eine Menge farbiges Papier, zweifelsfrei die Verpackung von Schokoladeneiern, auf Gehwegen und in Rabatten gefunden und aufgelesen. Verstehen kann sie das nicht. „Als ich früher mit meinen Kindern unterwegs war, haben wir unser Papier und anderen Abfall in ein kleines Tütchen getan, wieder mit nach Hause genommen und dort entsorgt“, so die 63-Jährige.

Dass das heutzutage anders gehandhabt wird, sieht Christine Kussak auf ihren Runden. Ihre „Sammelgebiete“ sind die Gartenstraße, der Sachsenplatz, der Georg-Rümpler-Weg sowie der Radweg in Richtung Minkwitz. Eine Anwohnerin vom Sachsenplatz ist es auch, die findet: „Das ist wirklich toll, was Frau Kussak hier bei Wind und Wetter leistet. Ihr gebührt ein großes Dankeschön.“ Ihren eigenen Namen will die Leisnigerin aber nicht in der Zeitung lesen. Um sie gehe es schließlich nicht, „sondern um diese fleißige, bescheidene Frau“, begründet sie.

Ärger über Rücksichtslosigkeit

Jeden Abend bindet Christine Kussak ihren Beutel mit dem gesammelten Müll zu und packt ihn in einen der Papierkörbe an der Chemnitzer Straße. „Die Bauhofleute wissen das schon und wundern sich nicht“, erzählt sie. Manchmal sei der Plastikbeutel, wie er häufig noch zum Obsteinkauf verwendet wird, halb voll, ein andermal reiche er gar nicht aus.

Außer Schokoladenpapier findet die Leisnigerin alles Mögliche, was nicht in die Natur gehört: Papier, Plastikflaschen, ausgespuckte Kaugummi, die Banderolen von Zigarettenschachteln und vor allem Zigarettenkippen. Von letztgenannten hat sie in den vergangenen Wochen allerdings weniger aufsammeln müssen. „Die Jugendliche haben gerade keine Schule“, so ihre Erklärung.

Permanent räumt sie dagegen Hundehaufen weg, die unter anderem die Besitzer zweier großer Hunde regelmäßig auf den Fußwegen der Chemnitzer Straße liegen lassen. Selbst dafür ist sie sich nicht zu schade. Nachvollziehen kann sie aber auch diese Rücksichtslosigkeit nicht.

Bei ihren Touren immer dabei ist Christine Kussaks mittlerweile zwölf Jahre alter Hund, der mehr oder weniger auf den Namen „Socke“ hört. Der wisse inzwischen schon, dass es zum Sammeln rausgehe, wenn sein „Frauchen“ zu Zange, Plastikbeutel und einem Sonnenschutzschild greift. Dieses trägt sie stets auf dem Kopf, häufig auch noch eine Kapuze, weil sie die Sonne nicht verträgt, „auch wegen der viele Medikamente, die ich einnehmen muss“.

Wegen ihrer Knieprobleme konnte Christine Kussak nicht lange in ihrem gelernten Beruf als Gärtnerin arbeiten. Sie fand in der Betriebsküche der „Zigarre“ in Leisnig eine neue Anstellung, als dort weniger Mahlzeiten ausgegeben wurden, wechselte sie in die Wäscherei. Als das Leisniger Werk der Zigarettenfabrik nach der Wende geschlossen wurde, ist die heute 63-Jährige arbeitslos geworden – aber bis heute nie ohne Beschäftigung geblieben. 

Zunächst konnte sie in verschiedenen Beschäftigungsmaßnahmen einer Tätigkeit nachgehen. Die des Müllsammelns hat sie sich selbst gesucht, um nicht untätig daheim zu sitzen.

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