merken
PLUS

Die Klassenzimmer werden rappelvoll

Jetzt wird in den Kultusbehörden neu gerechnet und zusammengelegt. Kein gutes Zeichen fürs kommende Schuljahr.

Von Carola Lauterbach

Wenigstens die Eltern der sächsischen Schulanfänger dürften heute per Post erfahren, an welcher Grundschule ihre Kinder ab September Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. Die Post, auf die die Eltern künftiger Fünfklässler warten, ist auf Erlass des Kultusministeriums um eine Woche ausgesetzt worden.

Familie
Vater, Mutter und Kinder
Vater, Mutter und Kinder

sind eine wunderbare Kombination. Sie kann viel Spaß machen, aber auch Arbeit und Ärger. Tipps, Tricks und Themen zu allem, was mit Familie und Erziehung zu tun hat, gibts in einer besonderen Themenwelt von sächsische.de.

Das ist die Situation 88 Tage vor Beginn des neuen Schuljahres. Der ernste Hintergrund: Zwar sprangen im Ringen von Kultusministerin und Finanzminister 200 neue Lehrerstellen für das neue Schuljahr heraus. Nur: Es sind zu wenige. So macht seit Langem das Wort von „straffer“ bzw. „effizienter Klassenbildung“ die Runde. Das heißt: Maximale Ausreizung der zulässigen Höchstzahl von 28 Schülern pro Klasse. Die Schulleiter seien angehalten, bei der Klassenbildung zu komprimieren, sagt einer im SZ-Gespräch. „Aber wir sind keine Kompressoren. Wir stehen in der Pflicht, unseren Schülern den besten Unterricht angedeihen zu lassen. Irgendwann ist mal Schluss.“ Auch habe er Angst, künftig keine einzige Stunde mehr für den sogenannten Ergänzungsbereich zu bekommen.

Zu wenige Lehrerstellen

Nach Berichten von Schulleitern soll allein in der Dresdner Regionalstelle der Sächsischen Bildungsagentur von den Gymnasien ein Bedarf von 55 Stellen angemeldet worden sein – 34 soll es geben. Bei Oberschulen ist das Verhältnis 60 zu 43 und bei Grundschulen 66 zu 44. In Ostsachsen ist die Rede von der geforderten Einsparung von mindestens drei Klassen an Oberschulen und zwei in Gymnasien. Auch über „Taschenspielertricks“ wird berichtet. So hätten bislang Lehrer, die im Laufe eines Schulhalbjahres aus dem Dienst ausscheiden, nicht mehr mit vollen Lehraufträgen betraut werden müssen. Nun aber sei das Pflicht – wissend, dass der betreffende Kollege nur wenige Wochen zur Verfügung stehe. Eine Schulleiterin mahnt: „Wenn in diesen Tagen die Eingangsklassen mit 28 Kindern vollgestopft werden, haben jene Kinder, die noch zum Schuljahresende eine Bildungsempfehlung erhalten, keine Chance mehr auf einen Platz am Gymnasium.“

Offiziell war gestern weder im Kultusministerium noch in den Regionalstellen der Bildungsagentur eine Stellungnahme zu erhalten. Man verwies auf die Information des Agentur-Direktors, in der die Terminverschiebung mitgeteilt wird und die Eltern um Verständnis gebeten werden.

Inwieweit diese dazu in der Lage sind, ist heute schwer zu beurteilen. Der Vorsitzende des Landeselternrates, Peter Lorenz, jedenfalls hält die „Hinhaltetaktik“ für einen Skandal, „da die Konsequenzen die Schwächsten, unsere Kinder, ausbaden müssen und eine Entspannung nicht in Sicht ist.“ Schon lange mahne man an, jährlich mindestens 1.700 Lehrer einzustellen, um den Generationswechsel in den Lehrerzimmern hinzubekommen.

Die SPD-Bildungspolitikerin Eva-Maria Stange, deren Fraktion erst jüngst einen Antrag gestellt hatte, bis 2019 mindestens 2.500 zusätzliche Stellen zum reinen Ersatz für ausscheidende Lehrer zu schaffen, machte auf die Dimension der aktuellen Situation für die Schüler aufmerksam: Klassen werden aufgelöst und zusammengelegt sowie eine Vielzahl von Schülern an entferntere Schulstandorte verwiesen.

Weiterführende Artikel

Sachsen hält Zehntausende Eltern hin

Sachsen hält Zehntausende Eltern hin

Diese Woche sollten sie erfahren, auf welcher Schule ihr Kind künftig lernen wird. Die Briefe wurden über Nacht gestoppt.

Cornelia Falken, Schulexpertin der Linken, spricht von einem „beispiellosen Vorgang“. Mit der Nichteinhaltung des Termins verstoße das Kultusministerium gegen die eigene Verwaltungsvorschrift. Das Chaos sei offenbar so groß, dass eine ordnungsgemäße Vorbereitung des Schuljahres 2014/15 infrage stehe. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft spricht von einem Offenbarungseid.