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Feuilleton

Die kleinen Germanen kommen

Die animierte Dokumentation „Kleine Germanen“ will zeigen, wie neue und alte Rechtsradikale ihre Kinder er- und verziehen.

„Elsa“ wuchs in
einer Nazi-Familie auf und wurde selbst zur schlagenden Nazibraut. Ihre Geschichte zieht sich als roter Animationsfaden durch „Kleine Germanen“.
„Elsa“ wuchs in einer Nazi-Familie auf und wurde selbst zur schlagenden Nazibraut. Ihre Geschichte zieht sich als roter Animationsfaden durch „Kleine Germanen“. © Little Dream Pictures

Es gibt viele Lebensgeschichten von Aussteigern aus der Neonazi-Szene. Manche von ihnen wuchsen ziemlich „normal“ auf. Andere wurden schon in rechtsextremistische Familien hineingeboren. So wie „Elsa“, deren wahrer Name anonym bleibt. Ihre Geschichte ist der rote animierte Erzählfaden im Dokumentarfilm „Kleine Germanen“. Mit ihm versuchen Mohammad Farokhmanesh und Frank Geiger, eine hoch aktuelle und brisante Frage zu beantworten: Wie wachsen Kinder heute in rechtsradikalen oder rechtsextremen Familien auf? Zu welchen Werten werden sie erzogen? „Elsas“ Großvater jedenfalls war Altnazi, der Vater Neonazi, die Gedankenwelt rassistisch, antisemitisch und auch sonst voller Hass. Die Haltungs- und Handlungstriebkräfte in der Familie sind typisch für das völkische und radikalnationale Milieu: Angst und Trotz.

An der Seite ihres ähnlich sozialisierten Freundes entwickelt sich „Elsa“ bruchlos zur schlagenden Nazibraut. Das Paar zieht sich zurück auf einen Hof, wo es – ebenfalls milieutypisch – in mystischer Naturliebe, reaktionärer Schollen-Haftung und biologistischen Idealen wie „nur das Starke und Harte setzt sich durch“ seine Kinder erzieht. Bis es immer mehr Ärger um den Sohn gibt, der behindert zur Welt kommt, also in ihrer Denke „minderwertig“ ist.

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Zugegeben, das ist eine sehr extreme Vita. Aber eben kein Einzelfall. Nur mit ihren Stimmen kommentieren Experten die Erziehungsmethoden von Rechtsextremen. In Ton und Bild hingegen kommen Protagonisten der Neuen Rechten zu Wort wie die Ex-Vorsitzende des Rings Nationaler Frauen Sigrid Schüssler, NPD-Vorstand Ricarda Riefting sowie der neurechte Verleger Götz Kubitschek und dessen Gattin, die Publizistin Ellen Kositza.

Klar wird, dass deren Vorstellungen vom Heranwachsen ihrer Kinder mindestens konservativ bis radikalkonservativ sind. Aber hier, vor der Kamera geben sie nichts dezidiert Extremistisches preis. So taugen ihre Aussagen kaum, um die radikale animierte Geschichte durch die realfilmischen Aussagen hinreichend zu stützen. Zumal Farokhmanesh und Geiger nicht sagen, wie stark diese Szene und wie pädagogisch gefährlich sie ist. Da helfen auch die vielen eingeblendeten echten blauen Kinderaugen nicht weiter. So ist „Kleine Germanen“ zwar ein interessantes Projekt mit beunruhigenden Ansätzen. Aber dessen Form wohl nicht die beste für das Anliegen.