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Die Konjunktur des Konjunktivs

Atemschutzmasken für die Wahl in Radeburg gesucht. Die Defa drehte schon 1948 einen Film über „Corona“. Teil 8 der Kolumne von Peter Ufer.

© Privat/APA/dpa/SZ

Jeder Tag beginnt bei mir zurzeit gleich. Ich muss unweigerlich an den Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ mit Bill Murray denken. Den Schauspieler erlebte ich 2017 im Dresdner Kulturpalast. Am Ende seiner Lesung mit Texten von Hemingway, Miller und Whitman warf der Schauspieler nicht nur Rosen ins Publikum, sondern umarmte die Geigerin Mira Wang und den Cellisten Jan Vogler. Im Moment undenkbar. In der Murmeltier-Geschichte sitzt ein von seinem Alltag genervter, egozentrischer und zynischer Wetteransager in einer Zeitschleife fest und kommt einfach nicht raus. Schon die Sage vom Fliegenden Holländer geht auf jene theologischen Konstrukte wie den Limbus oder das Fegefeuer als Läuterungsort zurück.

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Wieder beantworte ich morgens viele Mails, telefoniere permanent. Ein Anruf kommt von der Bürgermeisterin aus Radeburg. In der Stadt werde „aufgrund der Anordnung zur Durchführung der Bürgermeisterwahl“ trotz Corona am Sonntag die Wahl stattfinden. Viele der Einwohner würden per Brief wählen, dennoch seien natürlich Wahlbüros geöffnet. Aber es fehle an Atemschutzmasken für die Wahlhelfer. Sie sei dabei, Masken zu organisieren, und frage deshalb, ob Angelika Pässler, von der sie in dieser Kolumne gelesen habe, helfen könne. Ich rufe Frau Pässler in Dresden an, sie sagt: „Sie wissen gar nicht, was hier los ist. Ich habe gerade wieder Mundschutzmasken an die Uniklinik geliefert. Aber natürlich nähe ich für Radeburg welche. Wie viele werden denn gebraucht?“

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Ich schreibe vor dem Mittag einen Text für ein Magazin, überlege danach mit MDR-Moderator Andreas Berger ein Projekt für das Sachsen-Radio, sortiere später Material für eine neue Buchidee. Was würde ich eigentlich sonst an diesem Tag tun? Vielleicht dasselbe, vielleicht aber träfe ich Freunde, bekäme Gäste, ginge ins Theater. Und „wenn ich ein Vöglein wär, flög ich zu Dir“. Der Konjunktiv, insbesondere der zweite, feiert gerade Konjunktur, denn er bezeichnet die Nichtwirklichkeit, das Irreale. Und irgendwie finde ich das, was im Moment passiert, wirkt irreal, obwohl es so verdammt real ist.

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Reinhard Ständer aus Hoyerswerda fragt in einer Mail, ob ich wüsste, dass die Defa 1948 einen Spielfilm „1-2-3 Corona“ gedreht habe. Ich weiß es nicht, recherchiere im Internet und finde den Titel. Der Streifen zeigt allerdings nichts vom Virus, sondern erzählt von einer zerstörten deutschen Stadt im Jahr 1945, von einem Wanderzirkus und ein paar Jungen, die schwarz mit Zigaretten und Alkohol handeln. Als sie bemerken, dass der Zirkusdirektor die Artistin Corona misshandelt, rächen sie sich an ihm. Dabei verunglückt das Mädchen. Mit einem Arzt pflegen die Jungen die Artistin und studieren eine Vorstellung für sie ein. Später werden sie als die „Coronas“ weltberühmt.

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Am Nachmittag sortiere und lese ich die Geschichten, die ich per Mail bekomme. Beatrix Schmidt aus Neustadt in Sachsen schickt noch einen Mottovorschlag für den diesjährigen Wettbewerb des Deutschen Karikaturenpreises: „Ende gut, alles gut!“ oder „Nachher ist man immer schlauer“. Sie bietet außerdem Stoff an für Maskennäher, zartgelbe gestreifte Hotelbettwäsche - Überzüge, gebraucht, aber in einer Profi-Anlage gewaschen.

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Mein Freund Kai schickt mir eine Nachricht, dass er am Dresdner Elbhang einen Lieferservice aufgebaut habe. Nach Bestellung bei ihm fahre er Brot, Brötchen, Gemüse, Obst sowie Wein und Kaffee aus - alles Produkte von regionalen Herstellern. Der Solotubist der Dresdner Philharmonie, Jörg Wachsmuth, erzählt mir, dass er ebenfalls zurzeit vom Konzertdienst freigestellt sei und endlich mal dazu komme, seine Steuern vom Jahr 2018 abzurechnen. In dem Programm „Ilses Tubamania“ stünde er im Tom Pauls Theater demnächst normalerweise mit der lustigen Witwe aus Sachsen auf der Bühne. „Aber die befindet sich ja auch in Quarantäne“, sagt er. „Oder spricht man das Karantäne aus?“

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Abends beginne ich ein Puzzle. Die Weltkarte aus 1.000 Einzelteilen liegt schon ewig im Regal. Als ich Europa zusammengesetzt habe, kommt Russland dran. Aber irgendwann verliere ich mit Russland die Geduld. Ich übernehme Australien, meine Frau Lateinamerika.

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Wenn Sie Ihre Erlebnisse aus Ihren „Tagen mit Corona“ erzählen wollen, dann schreiben Sie an [email protected].

"Die Tage mit Corona" - die Kolumne von Peter Ufer:

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