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Die Kopfhaut der Begierde

Das Karl-May-Museum soll einen Skalp an einen Indianerstamm zurückgeben. Das Exponat liegt seit 1904 in Radebeul.

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Von Wolf Dieter Liebschner

Der Skalp der Begierde ist überhaupt nicht zu sehen. „Der liegt in unserem Depot“, sagt der Kustos des Radebeuler Karl-May-Museums, Hans Grunert. „Und zwar schon seit den 1990er-Jahren.“ Doch gerade um diesen Skalp – die Kopfhaut eines nordamerikanischen Indianers samt Haaren – gibt es derzeit viel Aufregung. Seit Montag dieser Woche liegt Claudia Kaulfuß, der Geschäftsführerin des Museums, ein Brief der Ojibwa-Indianer aus Michigan vor. Danach wollen sie genau diesen Skalp ihrer Ahnen aus der Radebeuler Sammlung zurück haben. Der Umgang mit den Überresten ihrer Vorfahren sei „respektlos, beleidigend und unverantwortlich“, heißt es in dem Brief.

„Wir ignorieren das nicht“, sagt Claudia Kaulfuß. „Aber wir sehen die Skalps als unser rechtmäßiges Eigentum an. Rückgabe oder nicht – das wird auf einer ganz anderen Ebene als der unseren entschieden.“ Kustos Grunert kündigt eine genaue Untersuchung des Schreibens an. „Zunächst lassen wir den Brief übersetzen. Und wir werden auch nachforschen, wer diese Leute sind, die diesen Brief geschickt haben.“

Inzwischen sind aber auch weitere Forderungen aufgetaucht. „Ein Berliner namens Mark Worth macht sich für die Rechte der nordamerikanischen Ureinwohner stark“, so Hans Gruner. „Er wisse, dass auch andere Indianerstämme ihre Skalps aus Radebeul zurückhaben wollen.“ Seit vier Jahren bemüht sich Worth darum, dass sowohl Skalps als auch andere Dinge an die Indianer zurückgegeben werden. „Der Mann hat uns eine E-Mail geschickt, aber wir kennen ihn nicht. Wir wissen nicht, wodurch er autorisiert ist. Es scheint aber, dass er weder von Indianern noch von den Aufgaben eines Museums viel Ahnung hat“, sagt der Kustos.

Der Indianer-Experte und Artist Patty Frank, der erste Direktor des Karl-May-Museums, hatte den Ojibwa-Skalp 1904 von einem Dakota-Indianer erworben. Der Museumskatalog nennt die genaue Kaufsumme: Neben diversen Spirituosen waren das 1 100 Dollar. „Damals eine bedeutende Summe“, so Kustos Grunert. „Ob der Verkäufer diesen Skalp tatsächlich in einem Zweikampf errungen hat“, ist allerdings nicht nachgewiesen.“

Das Museum besitzt insgesamt 14 Skalps, die meisten von Indianern, aber auch solche von Weißen. Hinzu kommen Imitate, die aus Pferdehaaren angefertigt wurden.