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Die Lachmöwen vom Spitalteich

Auf dem verlandeten Spitalteich gab es bis nach dem Krieg über tausend Brutpaare. Vogelkundler aus ganz Sachsen trafen sich hier. Die Eier wurden sogar gesammelt.

Von Kathrin Krüger-Mlaouhia

Die Hühner sind zu Ostern der beste Freund des Hasen – klar, wegen der Ostereier. Möweneier dagegen waren früher in Gaststätten und der pharmazeutischen Industrie begehrt. Eine Lachmöweninsel, von der Tausende Eier zu holen waren, gab es auf dem großen Spitalteich bei Adelsdorf. Daran erinnerte der Adelsdorfer Heimatverein beim Festumzug zum Tag der Sachsen voriges Jahr in Großenhain.

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Heute ist der große Spitalteich verlandet, die Vögel sind weg. Doch wenn Naturschützer Peter Reuße von der Lachmöwenkolonie hört, glänzen ihm die Augen. „Sie war eine der größten in ganz Sachsen“, weiß Reuße. „Und sehr berühmt.“ Vogelkundler von Rang und Namen hätten sich hier getroffen. Zweitweise soll es über 1000 Brutpaar gegeben haben. Peter Reuße kann etliche Beiträge aus der Fachliteratur dazu aufzählen.

Lieferung an die Strandterrassen

Für die Adelsdorfer waren zwischen 1920 und 1945 vor allem die Eierchen der Möwen wichtig. „Jedes Frühjahr waren drei Wochen lang zwei Gutsarbeiter verantwortlich, die im Schilf versteckten Eier der Tiere einzusammeln“, weiß Heimatforscherin Waltraud Krille. Mit einem Kahn fuhren sie auf die Insel, Gutsarbeiterinnen unterstützten sie. Sogar mehrmals täglich. Nur ein Teil der Gelege wurde zum Ausbrüten gelassen. „Ein Großteil der Eier wurde eingesammelt, ging an die Gaststätte Strandterrassen in Großenhain zum Verzehr und an pharmazeutische Betriebe in Dresden für Serum“, so Waltraud Krille. Da der Spitalteich zum Adelsdorfer Staatsgut gehörte, flossen die Einnahmen dorthin.

Möweneiersammeln war bis in die 1950er Jahre hinein beliebt und weit verbreitet. Im 19. Jahrhundert soll es in Sachsen circa 15 große Brutkolonien von Lachmöwen gegeben haben. Auf dem großen Spitalteich, der heute zur Gemeinde Lampertswalde gehört, damals aber ein beliebtes Sonntagsausflugsziel der Großenhainer war, existierten mehrere Inseln. Noch in den Wintermonaten 1933/34 und 1934/35 wurden 100 Arbeitskräfte hier im Rahmen von Notstandsarbeit zur Entlandung herangezogen. So wurden der Teich auf circa 30 Hektar und der Verlandungsbereich auf 20 Hektar gehalten. Rund um den Teich hatte man schon bei seinem Anlegen im 15. Jahrhundert einen Umgehungsgraben ausgehoben, um den Zu- und Abfluss zu gewährleisten. Doch genau jener Graben wurde nach 1945 von der Roten Armee vom Flugplatz wieder zugeschüttet bzw. verlanden lassen. Und zwar aus einem ganz bestimmten Grund.

Die Möwenkolonie, die offensichtlich die frühere militärische Flugplatznutzung kaum gestört hatte, wurde jetzt zur Gefahr für die Luftfahrzeuge. Massenhaft müssen die Tiere in den 50er Jahren in Propeller geflogen sein. Auch als die russischen Luftstreitkräfte neue Strahltriebwerke testen, waren ihnen die Vögel im Wege.

Damals war der große Spitalteich schon abgesperrt und nicht mehr frei zugänglich. Dennoch erinnert sich die Adelsdorferin Waltraud Krille daran, noch in den 60er Jahren dort gebadet zu haben.

2016 wird Adelsdorf 750 Jahre alt

Naturschützer Peter Reuße sagt, dass es heute in der Planungsregion oberes Elbtal-Osterzgebirge keine brütenden Lachmöwen mehr gibt. Dabei bevölkerten sie in der Vergangenheit auch den Freitelsdorfer Vierteich und bis vor zwei Jahren die Inseln im Großteich bei Zschorna.

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Somit bleibt die berühmte Kolonie von Adelsdorf nur eine geschichtliche Episode. Wenn Adelsdorf nächstes Jahr seine 750-Jahrfeier begeht, werden Boot und Schilf vom Tag-der-Sachsen-Festwagen bestimmt noch eine Rolle spielen. Und auch die Plastikvögel, die der Heimatverein zur Illustration im Internet besorgte.