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„Die Landkarte wird sich leeren“

Der Dresdner Wirtschaftsforscher Joachim Ragnitz zeichnet ein düsteres Bild für die Oberlausitz. Überalterung, Strukturwandel und der Fachkräftemangel werden Ostsachsen in den nächsten Jahren hart treffen.

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Der Dresdner Wirtschaftsforscher Joachim Ragnitz zeichnet ein düsteres Bild für die Oberlausitz. Überalterung, Strukturwandel und der Fachkräftemangel werden Ostsachsen in den nächsten Jahren hart treffen. Um gegenzusteuern, schlägt der Experte des Dresdner Ifo-Instituts im Interview mit der SZ ungewöhnliche und unpopuläre Alternativen vor.

Herr Ragnitz, was fällt Ihnen spontan zur Oberlausitz ein?

Eine dünn besiedelte Gegend mit wenig Industrie und vielen demografischen Problemen. Und der Wolf, der wieder auf dem Vormarsch ist.

Klingt nicht gerade besonders berauschend. Ist der Region überhaupt noch zu helfen?

Die wirtschaftlichen Prognosen sind wirklich nicht so günstig, gerade für den ländlichen Raum. Für einige Orte ist zu erwarten, dass es dort nicht zu arbeitsplatzschaffenden Investitionen kommt. Und wir müssen damit rechnen, dass einzelne Siedlungen über kurz oder lang ganz von der Landkarte verschwinden. Aber jede Region hat auch immer ihre Stärken, beispielsweise für Landwirtschaft oder Tourismus.

Malen Sie für die Lausitz nicht ein zu düsteres Bild? Bautzen geht es doch gar nicht schlecht.

Bautzen steht für meine Begriffe vergleichsweise gut da, schon wegen des Branchenmixes. Ich mache mir keine großen Sorgen um Bautzen. Hoyerswerda ist da schon schwieriger, weil arg überaltert. Je weiter man in den Norden und Osten des Landkreises geht, desto schlimmer ist auch die Situation. Im Kreis Görlitz sieht es zum Teil noch düsterer aus. Da muss man sich ernsthaft fragen, was man da noch schaffen kann.

Um der Wirtschaft in strukturschwachen Regionen auf die Beine zu helfen, haben Sie angeregt, dort um das Ansiedeln unbeliebter Industrien zu werben.

Das stimmt. Für betroffene Regionen kann es auch eine Chance sein, sich um Industrien zu bemühen, die sonst keiner haben will. Etwa um Schweinemast- oder Müllverbrennungsanlagen.

Die Lausitz ist aber nicht die Abfallhalde der Nation.

So sollte das sicher nicht klingen. Aber in den Ecken, wo kaum Leute wohnen, wären auch weniger Menschen von Emissionen wie Lärm und Gestank betroffen. Das spricht dafür, dort so etwas anzusiedeln. Allerdings darf man nicht alles an einen Ort konzentrieren.

Könnten Bund und Freistaat aber nicht auch in eine vernünftige Infrastruktur mit Straßen und Bahngleisen investieren?

Die Vorstellung, dass man nur eine Straße bauen muss und schon siedeln sich Unternehmen an, ist illusorisch, wenn der eigentliche Engpass bei den Fachkräften liegt. Das Land sollte eher darauf setzen, diesen Engpass zu beseitigen. Die Arbeitskräfte müssen gut ausgebildet sein, der Freistaat sollte bereits ansässige Unternehmen ermutigen, in Forschung und Entwicklung zu investieren. Und eine Grundversorgung mit öffentlichen Daseinsleistungen muss sichergestellt sein.

Wie wird die Oberlausitz in 20 Jahren aussehen?

Weniger Menschen, die näher an die existierenden Zentren heranrücken. Diese Zentren werden sich zu prosperierenden Kleinstädten entwickeln. Dort, wo dann niemand mehr wohnt, wird Wald wachsen.

Gespräch: Sebastian Kositz