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Die Lausitz stellt sich in Japan vor

Wirtschaftsförderer von Sachsen und Brandenburg gehen dort gemeinsam auf Investorensuche. Und der Bund öffnet ihnen Türen.

Am Kraftwerk Schwarze Pumpe der Leag entsteht Europas größte Batterie.
Am Kraftwerk Schwarze Pumpe der Leag entsteht Europas größte Batterie. © Monika Skolimowska/dpa

Nach der ursprünglichen Planung würden die Wirtschaftsförderer von Sachsen und Brandenburg nächste Woche im Flieger nach San Francisco sitzen. Auf der Semicon West, der internationalen Fachmesse für Halbleiterprodukte, wollten sie erstmals gemeinsam die Lausitz als Technologiestandort für künftige Ansiedlungen vermarkten. Der Messebesuch wurde abgesagt wegen der Corona-Pandemie.

Seit Wochenanfang steht fest: Der erste große Auslandsaufschlag wird am 10. November auf dem Deutsch-Japanischen Industrieforum zur Energiewende stattfinden. „Das ist natürlich eine Steilvorlage für die Lausitz. Wir werden einen festen Platz im Programm für eine Präsentation bekommen“, kündigte Steffen Kammradt, Chef der Wirtschaftsförderung Brandenburg, am Dienstag vor einem gemeinsamen Treffen mit seinem sächsischen Amtskollegen Thomas Horn und den sieben Landräten der direkt vom Kohleausstieg betroffenen Landkreise in der Lausitz an.

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Die Region soll als Standort für nachhaltige und innovative Energietechnik vorgestellt werden und dies vor allem für Wasserstofftechnologien, Brennstoffzelle und Batterietechnik. Auf diesen Feldern sind die Japaner stark engagiert. „Da lässt sich auch das Big Battery-Projekt von der Leag gut platzieren“, so Kammradt. Denn auch der Braunkohlekraftwerksbetreiber geht neue Wege und errichtet am Standort Schwarze Pumpe einen Energiespeicher mit einer Kapazität von 53 Megawattstunden, der auf Lithium-Ionen-Technologie basiert und dabei helfen soll, das Stromnetz gegen Schwankungen abzusichern.

Der Bundesadler zieht mehr

Nachdem die Gesetze zum Kohleausstieg bis zum Jahr 2038 Anfang Juli nach zähem Ringen endlich verabschiedet wurden, sind die Regeln klar für den Strukturwandel. „Die Lausitz ist gut aufgestellt und so viele Chancen wie heute gab es noch nie“, betont Kammradt und gibt sich optimistisch, dass die Kohleregion zu einer „Gewinnerregion“ werden könnte.

Um dies zu erreichen, haben Sachsen und Brandenburg vor einem Jahr im Juni eine Kooperationsvereinbarung zur gemeinsamen Investorenwerbung unterschrieben. Seit Mai werden sie auch von Germany Trade & Invest, der Standortmarketinggesellschaft des Bundes, unterstützt. Wenn man mit dem Bundesadler komme, öffne das viel mehr Türen, als wenn zwei oder gar nur ein Bundesland seine Minister und Wirtschaftsförderer auf Delegationsreise schickt, heißt es. Das Bundeswirtschaftsministerium fördert für drei Jahre die länderübergreifend organisierte internationale Investorenakquisition mit insgesamt 500.000 Euro an Sachmitteln. Zielregionen sind Asien und Nordamerika, Zielbranchen Mobilität und Energie- und Umwelttechnologien. Auch die Arbeitsteilung ist klar. Sachsen kümmert sich um die Akquise etwa im Bereich Mikroelektronik, Brandenburg um Ansiedlungen rund um BASF. Der Chemiekonzern will in Schwarzheide Kathodenmaterial für Batterien für Elektroautos produzieren. „Wir angeln die Fische jeder in seinem Becken, aber wollen gemeinsam essen“, so Horn.

Mit Eröffnung des Hauptstadtflughafens BER gehört die Lausitz zur Hauptstadtregion.
Mit Eröffnung des Hauptstadtflughafens BER gehört die Lausitz zur Hauptstadtregion. © Patrick Pleul/dpa

Auch wenn man durch die Corona-Pandemie drei Monate für konkrete Aktivitäten verloren habe und „wir uns bei Nordamerika jetzt noch etwas gedulden müssen“, so Horn, sei in den vergangenen Monaten einiges passiert. Als Beispiel nennt er den Start des Internetportals „Lausitz-invest.de“ zu Beginn dieses Jahres, auf dem sich Interessierte in Deutsch, Englisch und Polnisch über die Standortvorteile der Region informieren können. Der wichtigste Vorteil sei die Verfügbarkeit von Gewerbeflächen im Gegensatz etwa zu Süddeutschland sowie die zentrale Lage in der Mitte zwischen den Wirtschaftszentren Berlin, Dresden und Breslau in Polen. Die zugesagten Infrastrukturprojekte werden für eine bessere Verkehrsanbindung an diese Großstädte sorgen.

Eine Art Sonderwirtschaftszone?

Die Eröffnung des Hauptstadtflughafens BER ist ein weiterer Pluspunkt, die Lausitz gehöre dann zur Hauptstadtregion. Ein weiteres Argument sind die neuen Forschungseinrichtungen, die in Cottbus und Görlitz angesiedelt werden. Sie werden nicht nur attraktive Arbeitsplätze für Wissenschaftler bieten, sondern auch Unternehmen anlocken, die die Forschungsergebnisse industriell verwerten wollen. Auch beim Fachkräftepotenzial sind die beiden Wirtschaftsförderer zuversichtlich. Zum einen gibt es in der Kraftwerksindustrie qualifizierte Mitarbeiter, deren Kompetenz auch in der neuen Energiewirtschaft gefragt sind. Zum anderen könnten Ansiedlungen von Unternehmen neue Jobchancen bringen, für die junge Leute bereit wären, in die Lausitz zu ziehen. So wird etwa in Schwarzheide an Bio-Kunststoffen geforscht, aus denen eines Tages ganz neue nachhaltige Produkte entstehen können.

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Ob die Lausitz eine Art Sonderwirtschaftszone wird oder nicht, also mit Steuererleichterungen und höheren Fördersätzen locken kann, hält Thomas Horn nicht für erfolgsentscheidend. „Wir müssen durch Qualität überzeugen“, sagt er. Dazu gehört ein gutes Zusammenspiel aller Akteure bei der Investorenwerbung. Auch wenn das in der Lausitz viele seien, laufe die Koordinierung mit den Landkreisen, der Wirtschaftsregion Lausitz und den beiden Landesregierungen in einem vertrauensvollen Verbund, so das Lob. Wie gut sie funktioniert, wird sich auf dem Deutsch-Japanischen Industrieforum im November zeigen. Noch dürfen Deutsche nicht wieder in Japan einreisen. Aber die Veranstaltung findet laut Kammradt statt, ob mit physischer Präsenz oder rein virtuell. Die Wirtschaftsförderer bereiten sich auf alles vor.

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