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Die Legende vom Geheimbund

Seit 250 Jahren gibt es in Görlitz die Loge „Zur gekrönten Schlange“. Geheimes Wissen sucht man in ihr vergebens.

© Pawel Sosnowski/80studio.net

Von Ralph Schermann

Nein! Harald Wenske ahnt schon, was für eine Frage ihn erwartet: „Nein, bei uns gibt es kein geheimes Wissen!“ Dass die Freimaurerei von vielen noch immer als Geheimbund gehandelt wird, ärgert ihn. „Freimaurerei ist weder Religion noch Kirche. Sie will vielmehr Menschen verschiedener Weltanschauungen und religiöser Überzeugungen auf der Grundlage einer gemeinsamen Symbolsprache zusammenschließen.“ Längst sind Geschichte, Ziele, Satzung und Namen öffentlich zugänglich, die Rituale oft publiziert worden.

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Harald Wenske ist in der Görlitzer Loge „Zur gekrönten Schlange“ der Meister vom Stuhl. So bezeichnen Freimaurer den Vorsitzenden. Das Wort stammt vom englischen „Chairman“, was wiederum den Chef einer mittelalterlichen Bauhütte kennzeichnet. Die Freimaurer sehen sich in der Tradition solcher Bauhütten. Wenske hat aber auch Verständnis für die Unsicherheit vieler in Sachen Freimaurerei. Er selbst schließlich fand auch nur langsam dazu. Als Polizist in der DDR fehlte ihm jeder Bezug dazu, erst 1993 beschäftigte er sich mit dem Thema. „Der Meinungspluralismus und die Toleranz haben mich damals begeistert“, sagt er. Wenn es ein Geheimnis bei den Freimaurern gäbe, dann wäre es genau das, überlegt er: „Wenn ich nicht der Meinung des anderen bin, muss ich alles tun, dass er diese dennoch sagen darf.“ Politische Inhalte und Streit jeder Art sind verboten in den Freimaurertreffen, der sogenannten Tempelarbeit. Der Meister vom Stuhl und zwei Aufseher schlagen dann mit einem Hammer auf den Tisch, um an diese Regel zu erinnern.

Harald Wenske ließ sich von den Ritualen begeistern, wurde 1994 in der Partnerstadt Wiesbaden in die dortige Loge aufgenommen. Im Dezember des gleichen Jahres wurde dann der Görlitzer Verein „Zur gekrönten Schlange“ gegründet, 1997 entstand die alte Loge wieder – mit Harald Wenske als Meister vom Stuhl. Diese Meister wechseln, heute steht der ehemalige Polizeibeamte wieder an der Logenspitze.

Die „gekrönte Schlange“ ist nach den Logen Breslau (Wroclaw) und Schmiedeberg (Kowary) die drittälteste Loge in Niederschlesien. Karl Gotthelf Freiherr von Hundt und Alten-Grottkau verlegte 1764 die von ihm 1751 gestiftete Loge „Zu den drei Säulen“ von Kittlitz bei Löbau nach Görlitz. Die neue Loge wurde am 4. April 1764 auf der Brüderstraße 9 (neben dem Schönhof) feierlich eröffnet – gestern vor 250 Jahren. Die 14 Mitglieder waren Adlige, Offiziere, höhere Beamte. Nach neun Jahren war die Zahl der Mitglieder auf 52 gestiegen. Doch durch zunehmende Nachlässigkeiten des Meisters vom Stuhl Friedrich August Kober (dem Görlitzer Postmeister) kam es 1794 zum Zusammenbruch der Loge. Die erneute Gründung 1802 geht vor allem auf den Görlitzer Gelehrten Carl Gottlob von Anton zurück. Die Loge arbeitete im Haus Neißstraße 30, das von Anton besaß. Dieses schenkte er 1811 der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften. Von Anton verpflichtete die Gesellschaft aber dazu, seiner Loge uneingeschränkt die benutzten Räume zu überlassen. Ab 1839 führte Johann Peter Dittrich die Loge. Er bezog die Ehefrauen der Freimaurer zu Veranstaltungen mit heran, was der Loge den Charakter eines gemütlichen Familienlebens verlieh. Heute ist die Görlitzer Loge wieder eine Herrenriege.

Die Zahl der Mitglieder der Loge stieg auf 119 im Jahr 1862. Die Neißstraße 30 wurde zu klein. 1864 bezog die „Loge zur gekrönten Schlange“ deshalb das von ihr neu gebaute Haus Kahle 21 (heute Haus „Wartburg“, Johannes-Wüsten-Straße). Grunderwerb und Bau kosteten rund 20 000 Taler. Der bedeutende Görlitzer Baumeister Gustav Kiessler (Viadukt, Stadttheater) war zugleich auch Logenmitglied. 1895 wurden in Görlitz noch die Loge „Zur Morgenröthe“ und 1911 die Loge „Carl Wiebe zum ewigen Licht“ gegründet. Um 1930 gab es in den nun drei Görlitzer Logen 660 Mitglieder. Mit den Nazis kam 1935 das Verbot der Freimaurerei, auch in der DDR waren die Logen nicht zugelassen.

Erst die Städtepartnerschaft mit Wiesbaden führte nach 58 Jahren wieder zu freimaurerischen Aktivitäten in Görlitz. Seit 1999 besitzt die „Loge zur gekrönten Schlange“ eigene Räume im Hinterhaus der James-von-Moltke-Straße 36. An dieser Stelle hatte die Loge „Zur Morgenröthe“ bis 1935 ihr Domizil. Heute bestimmen Stoffbehänge in der Logenfarbe Blau wieder den Tempel, dessen Mitte von den drei weißen Säulen der Weisheit, Schönheit und Stärke bestimmt wird. Die abgehangene Decke mag Harald Wenske ganz besonders, hat er doch an ihr mit vielen kleinen Lämpchen den exakten Stand des Sternbildes der Wasserschlange vom 4. April 1764 nachbilden lassen, unterstützt von Lutz Pannier von der Görlitzer Sternwarte.

Mittlerweile sind reichlich 30 Brüder in Görlitz wieder Freimaurer, darunter auch ein polnischer Bürger, und erst vor wenigen Tagen erfolgte die jüngste Aufnahme. „Auch diese Zahlen sind natürlich nicht geheim“, sagt Harald Wenske.